Interview mit Sprachforscher Gechattet wird auch auf Plattdeutsch


Osnabrück. „Woveel Lüüd sünd dat, de plattdüütsch snacken or verstahn köönt?“ Exakt kann der Sprachwissenschaftler Helmut Spiekermann diese Frage nach der aktuellen Zahl der Sprecher von Niederdeutsch auch nicht beantworten.

Nach Schätzungen liegt sie in ganz Norddeutschland aber bei etwa fünf Millionen Menschen. Um Niederdeutsch wieder mehr in den alltäglichen Sprachgebrauch der Bevölkerung zur rücken, wurde an der Universität Münster ein Centrum für Niederdeutsch eröffnet. Geleitet wird es von dem Emsländer Spiekermann, der in Groß Hesepe aufgewachsen ist: „Da gehört das Plattdeutsche einfach dazu“, erinnert er sich an seine Kindheitstage.

Was hat Ihr Interesse am Plattdeutschen geweckt?

Ich habe meine Wurzeln im Emsland: Geboren wurde ich in Meppen und habe dann lange in Groß Hesepe gelebt. Da gehört das Plattdeutsche einfach dazu. Und als Wissenschaftler habe ich mich immer schon mit Variationen der Sprache beschäftigt. Auch die deutsche Sprache ist nicht einheitlich. In ihrer Uneinheitlichkeit gibt es aber auch Regelmäßigkeiten: Eine davon ist die Abhängigkeit der Sprache von der regionalen Herkunft der Sprecher, und dann ist man auch schon ganz schnell beim Plattdeutschen.

Wurde in Ihrem Elternhaus noch Plattdeutsch gesprochen?

Meine Eltern haben noch mit ihren Kindern und auch mit den Nachbarn plattdeutsch gesprochen. Aber insgesamt war das schon damals rückläufig.

Und welchen Stellenwert hatte Plattdeutsch in der Schule?

Es gab damals schon Vorlesewettbewerbe im Plattdeutschen, um den Erhalt der Sprache zu unterstützen. Ab und zu gab es auch mal im Deutschunterricht einen Text auf Plattdeutsch, aber das war relativ selten.

Die meisten Leute glauben, dass die Bezeichnung Plattdeutsch vom platten, vom flachen Land kommt. Ist das richtig?

Nein. Platt bedeutet eigentlich so etwas wie gerade heraus, deutlich, direkt.

Was ist Plattdeutsch eigentlich? Eine Mundart, ein Dialekt oder eine eigene Sprache?

Mit der Frage sind wir schon mittendrin in der sprachwissenschaftlichen Diskussion: Wenn wird die Form der Sprache betrachten und sie mit dem Hochdeutschen , der Standard-Sprache, vergleichen, dann sind die Unterschiede relativ groß. Auf der Formebene ist das Plattdeutsche dem Niederländischen tatsächlich näher als dem Hochdeutschen.

Wenn Sie von Form sprechen meinen Sie die Grammatik, Syntax etc...

Ja. Das betrifft die Grammatik, die Syntax, es betrifft auch die Aussprache und die Wortform. Aus dieser Perspektive könnte man tatsächlich sagen, dass Plattdeutsch eine eigene Sprache ist, die nicht zum hochdeutschen Standard dazugehört. Schaut man sich die funktionale Seite an, also wann gebrauche ich die Sprache, mit wem gebrauche ich sie, dann verhält sich das Plattdeutsche ähnlich wie Bayerisch oder Alemannisch. Grundsätzlich gilt für Dialekte und auch das Plattdeutsche, dass es ihre spezielle soziale Funktion ist, Nähe anzudeuten.

So betrachtet ist Plattdeutsch also ein Dialekt?

Ja, ganz genau: Es gibt formelle Situationen, in denen Hochdeutsch gesprochen wird. Und es gibt informelle, also mit Freunden und in der Familie, da spricht man Plattdeutsch. Aus dieser Perspektive verhält sich das Plattdeutsche wie ein bayrischer oder alemannischer Dialekt. Das muss man sehr genau trennen.

Und wo hat das Plattdeutsche seinen Ursprung?

Eine uns bekannte Vorgängersprache des Plattdeutschen ist das Mittelniederdeutsche, das im Mittelalter um 1200 bis 1600 gesprochen beziehungsweise geschrieben wurde. Es war die Sprache der alten Hanse. Davor etwa so um 800 und später waren es das Altsächsische oder Altniederdeutsche. Wenn wir noch weiter zurückgehen, kommen wir dann zum West-Germanischen.

Wo ist das West-Germanische lokal einzuordnen?

Diese Sprechergruppen sind zum Teil in Skandinavien zu verorten, im Verlauf der Völkerwanderung dann nach Süden gezogen und haben später dann unter anderem im Nordseeraum gesiedelt.

Lange wurde Plattdeutsch als minderwertig angesehen ...

Ja, das Prestige des Plattdeutschen ist heute sehr, sehr viel besser als in den 60er-Jahren oder 70er-Jahren. Damals hatte man ja vor allen Dingen Angst, dass die Kinder in der Schule Nachteile haben könnten. Heute weiß man, dass Kinder, die mit Plattdeutsch/Hochdeutsch zweisprachig aufwachsen, sehr große Vorteile beim Fremdsprachenerwerb haben. Außerdem ist Plattdeutsch unser kulturelles Erbe, das wir nicht einfach verloren gehen lassen sollten.

Was sind im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung die wichtigsten lokalen und regionalen Varianten des Plattdeutschen und wo werden sie gesprochen?

Osnabrück zum Beispiel gehört dialektologisch zum Westfälischen Platt. Das Emsland gehört zum Dialektgebiet Niedersächsisch oder Nordniedersächsisch. Dann gibt es noch kleinräumigere Gebiete, wie zum Beispiel Emsländisch. Die Grafschaft Bentheim ist ein Übergangsgebiet zwischen Westfälisch und Nordniedersächsisch. Ostfriesisch ist auch ein eigenes Dialektgebiet.

Vermutlich mit starken niederländischen Einflüssen?

Ganz genau. Ganz, ganz stark ist dieser Einfluss aber auch in der Niedergrafschaft Bentheim..

Gibt es Erkenntnisse darüber, in welchen Gebieten das Plattdeutsche noch besonders gepflegt wird?

Es scheint so, dass besonders in Ostfriesland das Plattdeutsche noch sehr stark vorkommt, im Emsland ein bisschen schwächer und in der Grafschaft Bentheim wieder mehr. In der Stadt Osnabrück ist es sehr stark zurückgegangen. Grundsätzlich gilt: In Städten wird weniger, auf dem Land mehr Platt gesprochen.

Was sind eigentlich typische plattdeutsche Elemente in der Hochsprache?

Wenn zum Beispiel in Norddeutschland etwas gesagt wird wie „Da erzähl ich dir mal von“. Die Trennung also von „da und von“ – das ist ganz typisch Plattdeutsch. Es ist aber auch im Standard in Norddeutschland gebräuchlich. Ganz häufig hört man auch „dat“ oder „wat“.

Sie haben sich auch mit typischen Familiennamen des Emslandes befasst. Was macht die so interessant?

Das Emsland ist lange ein Gebiet gewesen, in dem es wenig Fluktuation gegeben hat: Die jüngeren Leute sind zwar weggezogen, es gibt aber wenig Zuzug aus anderen Regionen. Das sieht man dann auch in den Familiennamen. Ein ganz großer Teil der typischen Familiennamen im Emsland ist plattdeutsch oder hat ein plattdeutsches Substrat. Zum Beispiel der Name Schepers: Schepers ist hochdeutsch der Schäfer. Schepers aber ist von der Lautstruktur her eindeutig Niederdeutsch. Wenn man sich diese Familiennamen anschaut, kann man also Rückschlüsse, was den Zuzug von woanders angeht, ziehen.

Wie viele Sprecher des Plattdeutschen gibt es insgesamt bundesweit noch?

Bei den letzten Schätzungen ist von etwa fünf Millionen in ganz Norddeutschland die Rede gewesen.

Und was ist mit dem Lesen und Schreiben?

Das Hörverstehen ist noch am weitesten verbreitet. Lesen und Schreiben deutlich weniger.

Es ist ja auch immer mal wieder von einer Renaissance des Plattdeutschen oder von Dialekten die Rede. Glauben Sie daran?

Auf jeden Fall. Das bedeutet ja zunächst mal, dass das Prestige besser wird und immer mehr Menschen auch wieder dazu bereit sind, sich damit zu befassen. Und das ist ein erster ganz wichtiger Schritt, um wieder Kompetenzen aufzubauen. Dass wir wieder eine positive Bewertung haben, sieht man doch auch an den vielen Laienspielgruppen im Theaterbereich.

Welchen Stellenwert hat das Plattdeutsche bei jungen Leuten?

Das ist je nach Region durchaus unterschiedlich. Ich habe zum Beispiel einen Studenten aus Neubörger im Emsland, für den es ganz normal ist, dass auch Platt gesprochen wird. In der Stadt sieht das wieder ganz anders aus. Tatsache ist aber, dass Dialektwörter oder Dialektformen durchaus auch Teile der Jugendsprache sein können.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Digitalisierung der Kommunikation nun endgültig ein Todesurteil für das Plattdeutsche ist?

Auf den ersten Blick ja, weil das Plattdeutsche eine primär gesprochene Sprache ist. Digitale Kommunikationsmedien sind ja in erster Linie schriftbasiert. Aber Untersuchungen zeigen, dass in Chats plötzlich Plattdeutsch wieder vorkommt. Dort, wo die Gesprächspartner sich sehr gut kennen, in sozialer Nähe zueinander stehen, scheint es, dass auch in digitalen Medien Dialekte und Plattdeutsch wieder eine Rolle spielen. Es ist ja grundsätzlich so: Wenn ich Dialekt spreche, zeige ich meinem Gegenüber, dass ich ihn kenne, dass ich ihn schätze, dass er mir sozial nahesteht. Wenn ich dagegen Standarddeutsch oder Hochdeutsch spreche, dann ist immer eine Distanz da.

Am Centrum für Niederdeutsch soll unter anderem die Alltagsrelevanz des Plattdeutschen gestärkt werden. Wie wollen Sie das erreichen?

Wir möchten deutlich machen, welche Rolle das Plattdeutsche für die norddeutsche Kultur, Geschichte usw. hat. Wir müssen also Grundlagenforschung betreiben: Dafür brauchen wir aber Förderung. Wir müssen Untersuchungen machen, um zu wissen, wie viel Plattdeutsch wirklich noch gesprochen wird.


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