Im Netzwerk der Empörung Ein Glossar zur Protestkultur

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Protestkultur ist ein Signum unserer Zeit. Doch wie funktioniert heute der Protest? Ein Glossar sorgt für Überblick:

von Von Christine Adam, Ralf Döring, Burkhard Ewert, Eva Köbbemann, Stefan Lüddemann, Kathrin Pohlmann

Aufschrei: Unter dem Hashtag #aufschrei (das ist ein Stichwort zu einem Thema, das Einträge bei Twitter bündelt) schrieben im Januar Frauen bei Twitter über ihre Sexismus-Erfahrungen. Es war in Deutschland die bisher größte Debatte, die in dem sozialen Netzwerk ausgelöst wurde. Die Diskussion schaffte es in die Medien und beschäftigte auch die Politik. Aufschrei wurde mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. kp

Barrikaden: Ein Must-have der frühen Protestkultur. Zur Julirevolution 1830 in Paris oder zur Dresdner Mairevolution von 1849 traf man sich auf, genauer: hinter den Barrikaden. Das hatte pragmatische Gründe: Damit konnten die schlecht bewaffneten Revolutionäre dem Militär wenigstens ein bisschen was entgegensetzen. Später verloren die Barrikaden an Bedeutung: Gegen Panzer wie beim Prager Frühling sind sie wirkungslos wie ein Sandsack gegen eine Springflut. Trotzdem erinnerten sich französische Studenten an die gute alte Tradition ihrer revolutionären Vorväter. Wo? Natürlich in Paris, beim „Mai 1968“.

Bob Dylan: Der amerikanische Sänger gilt als eine Ikone der Protestkultur. Mit seinen sozialkritischen Songs traf er in den 60er-Jahren den Nerv der Zeit. In dem Lied „Blowin’ in the Wind“ beispielsweise singt Dylan: „Yes, ’n’ how many deaths will it take till he knows, that too many people have died?“, und fragt sich, wann der Mensch endlich begreifen wird, dass zu viele auf der Welt sterben. Der Song bot den Friedensaktivisten damals die Möglichkeit, gemeinsam ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.kp

Che Guevara: Kurz und liebevoll Che wurde Che Guevara genannt, der mit bürgerlichem Namen Ernesto Guevara de la Serna hieß, von 1928 bis 1967 lebte und seinen zahllosen Anhängern auf der Welt als Ikone des Guerilla-Kriegs und der kubanischen Revolution von 1956–59 galt. Studenten der 68er-Revolte und des Jahrzehnts danach verherrlichten Che als Märtyrer, überall an öffentlichen und privaten Orten prangte sein
Porträt „Guerrillero Heróico“. Ch.A.

Christentum: Eine der ältesten und einflussreichsten Protestbewegungen der Weltgeschichte begründete Jesus Christus. Denn das rasante Wachstum des Christentums erklärte sich vor allem im Römischen Reich genau in seiner Rolle als Sammelbecken sozial Benachteiligter, die für Einfluss und Gerechtigkeit kämpften und gegen einen Verfall von Sitten. Martin Luther erneuerte später den Protestkern des Christentums (Stichwort Protestanten), und noch heute sind viele Aktionen gegen Gewalt oder materielle Ungerechtigkeit tief in christlichen Gemeinden verwurzelt – bis hin zur tragenden Rolle der Kirchen bei Protesten, die zum Ende der DDR führten. ew


East Side Gallery: Die East Side Gallery besteht aus dem längsten erhaltenen Rest der Mauer. Nach dem Fall wurde das Teilstück von Künstlern aus 21 Ländern auf einer Länge von 1,3 Kilometern bemalt. Ein Teil davon soll nun Luxuswohnungen zum Opfer fallen. Dagegen protestierten Mitte März viele Menschen, denn sie soll als Mahnmal erhalten bleiben. Auch der amerikanische Schauspieler David Hasselhoff setzt sich für den Erhalt der Galerie ein und nahm an einer Demonstration in Berlin teil.kp

Flashmob: Form der Kundgebung, die auf das Moment der Überraschung setzt. Darüber hinaus kommt der Flashmob ohne Sinn aus – er braucht kein Ziel und ist sich selbst Zweck genug. Oder verändert eine öffentliche Kissenschlacht unsere Sicht auf die Zeitläufte? Witzig ist es aber allemal. Findige Menschen nutzen den Flashmob als Marketinginstrument, und sei es für eine Zombie-Ausstellung , und manchmal kann daraus sogar ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit werden: Wenn ein Symphonieorchester einen Platz mit „Freude, schöner Götterfunke“ einnimmt, hat man das Gefühl, dass so eine Intervention die Welt ein bisschen besser macht. Selbst wenn den Flashmob eine Bank organisiert hat. dö

Guy-Fawkes-Maske: Die weiße Maske mit dem Grinsegesicht ist heute ein beliebtes Accessoire auf Demonstrationen. Es zeigt den Londoner Offizier Guy Fawkes . Er verübte 1605 ein Attentat auf den englischen König und das Parlament, weil er gegen ihre Autorität war. Sein Vorhaben scheiterte, und Fawkes wurde der 1606 hingerichtet. Der britische Comiczeichner Alan Moore veröffentlichte in den 80er-Jahren seinen Comic „V wie Vendetta“ (auch verfilmt). Der Held des Comics trägt immer eine Guy-Fawkes-Maske. So schuf Moore die Vorlage für die Maske.kp

Jugend: Protest ist die Sache der Jugend. Dieses Gesetz der Kulturgeschichte galt zuletzt als widerlegt. Hatte sich die Jugend des Internetzeitalters nicht als angepasst und
konsumorientiert erwiesen?
Junge Leute belehren Zeitgeistforscher und Kulturanalysten inzwischen wieder eines Besseren. Die Jugend protestiert wieder. Aber nicht nur sie. Demonstranten höheren Lebensalters (siehe „Wutbürger“) mischen die Szenerie auf. Wer protestiert, fühlt sich jung und jugendlich. Liegt darin das Geheimnis des Protests als Haltung? lü

Martin Luther King: Spätestens mit seiner Rede unter dem Titel „I Have a Dream“ wurde er am 28. August 1963 weltberühmt. Der Baptistenpastor und Bürgerrechtler aus Atlanta kämpfte in den 1950er- und 60er-Jahren für die Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit der Afro-Amerikaner in den USA. Um seine Ziele durchzusetzen, forderte er die schwarzen Amerikaner zu gewaltfreiem Protest gegen die Rassentrennung in den Südstaaten auf. Dafür erhielt er 1964 den Friedensnobelpreis. Am 4. April 1968 wurde er Opfer eines Attentats. evkö

Occupy-Bewegung: Vorbild der Proteste in Deutschland, war die Bewegung „Occupy Wall Street“ 2011 in New York. Dort demonstrierten im Zuge der Finanzkrise Menschen gegen soziale Ungleichheiten, Spekulationsgeschäfte von Banken und den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik. Auch in Deutschland formierte sich Protest. Vor allem in der Bankenmetropole Frankfurt am Main. kp

Palästinensertuch: Als Symbol des linken antiamerikanischen Widerstands kam es Ende der 60er-Jahre nach Deutschland und wurde als Symbol persönlicher Freiheit verstanden. Das schwarz-weiß-karierte Baumwolltuch wurde durch Yassir Arafat, Gründer der Bewegung zur Befreiung Palästinas und später Palästinenser-Präsident, populär. Anfang 2000 wurde das Tuch als modisches Accessoire getragen und war bei großen Modeketten zu finden.kp

Peace-Zeichen: Wie ein Ypsilon mit einem Balken in der Mitte sieht das Peace-Zeichen aus, das universell als Friedenszeichen genutzt wird. Der englische Künstler Gerald Holtom hat es 1958 für die britische Kampagne zur nuklearen Abrüstung für den weltweit ersten Ostermarsch entworfen . Es diente als Friedenssymbol während des Vietnamkriegs und avancierte zum Symbol der Atomkriegsgegner. ChA

Revoluzzer: Zum Revolutionär reicht es bei ihm nicht – dem Revoluzzer, gern auch vollständig und entlarvend als Salonrevoluzzer bezeichnet. Denn der Revoluzzer führt gern große Reden, schreckt aber vor wirklichem Umsturz zurück. Der von den Nazis ermordete Dichter Erich Mühsam reimte in seinem „Revoluzzer“-Gedicht von 1907 Revoluzzer auf Lampenputzer. Damit meinte er den braven Bürger,
der beim Protest so lange mitmacht, wie keine Lampe zu Bruch gehen. Revoluzzer leben Protest als Lifestyle, sie bewegen nichts. lü

Wutbürger: „Spiegel“-Autor Dirk Kurbjuweit prägte 2010 den Begriff, der ein unerwartet neues Phänomen des Protestes bezeichnet – den gesetzten Konservativen, der sich gegen vermeintlich willkürliche Entscheidungen von Politikern empört. Mit dem Wutbürger tritt ein neuer Akteur auf die Bühne des Protests. Es ist der arrivierte Bürger, der nicht mehr staatstragend sein will. Mit den Protesten gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ hat sich der Wutbürger in das öffentliche Bewusstsein eingeprägt. lü

Twitter: Den US-amerikanischen Kurznachrichtendienst gibt es seit 2006 . Twitter ist ein vielseitiges Medium: Es wird von seinen Nutzern als soziales Netzwerk oder Online-Tagebuch verwendet – aber auch als Protest-Plattform. Via Twitter wurde die Welt Zeuge des Arabischen Frühlings. Ohne Twitter hätte es auch die #Aufschrei-Protest-Aktion nie gegeben. evkö

„Yes, we camp“: 2011 gingen die jungen Menschen in Spanien auf die Straße, um gegen Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit in ihrem Land zu protestieren. Unter dem Motto „ Yes, we camp“ errichteten sie in Metropolen auf Plätzen Zeltstädte. In deutschen Städten solidarisierten sich die Menschen und demonstrierten mit „Yes, we camp“-Plakaten. kp


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