Kritik zum Filmstart Molly‘s Game: Die Frau in Hollywoods Haifisch-Becken

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Molly’s Game: Jessica Chastain spielt in Aaron Sorkins Debüt als Leinwand-Regisseur die reale Molly Bloom, die Hollywoods exklusivsten Poker-Zirkel geleitet hat – bis das FBI damit Schluss machte. Foto: SquareOne EntertainmentMolly’s Game: Jessica Chastain spielt in Aaron Sorkins Debüt als Leinwand-Regisseur die reale Molly Bloom, die Hollywoods exklusivsten Poker-Zirkel geleitet hat – bis das FBI damit Schluss machte. Foto: SquareOne Entertainment

Berlin. Molly Bloom leitete die exklusivste Pokerrunde von L.A. – bis das FBI davon Wind bekam. Aaron Sorkins „Molly‘s Game“ erzählt das Glamour-Kapitel des illegalen Glücksspiels als Aufsteigergeschichte. In der Hauptrolle spielt Jessica Chastain eine Frau, die sich die Eitelkeiten der Macho-Welt Hollywoods zunutze macht.

Filmstars, Spitzensportler, Neureiche: Es ist ein glamouröser Kreis, den Molly Bloom vor zehn Jahren an ihren Pokertischen in Los Angeles und New York versammelt. Tobey Maguire kommt ebenso wie Leonardo DiCaprio und Ben Affleck. Gespielt wird um Hundertausende von Dollars – illegal. Als ein Spieler wegen Anlagenbetrugs verhaftet wird, ist es auch mit Blooms Sause aus. 2014 wird ihr der Prozess gemacht; im selben Jahr erscheinen ihre Memoiren, die Aaron Sorkin nun verfilmt hat.

Molly‘s Game: Hollywood als kollektiver Rausch

Mitreißend schildert „Molly’s Game“ die Welt des Glücksspiels als Blendwerk und kollektiven Rauschzustand: Geschäftsleute euphorisieren sich an der Nähe zu den Stars, die wiederum nähren ihr Überlegenheitsgefühl mit leichten Siegen über liquide Verlierer. Als der einzig nüchternen Person inmitten dieses Exzesses gelingt ihr ein gewaltiger Aufstieg: Beim ersten Kontakt mit der Szene ist sie noch Kellnerin; das Handwerk lernt sie dann als Assistentin eines dubiosen Spielmachers und Frauenhassers. Als der sie ausbooten will, dreht Bloom den Spieß um und nimmt ihm die Poker-Runde aus der Hand. Als Inhaberin des exklusivsten Clubs verlebt sie danach glanzvolle Jahre – bis der Abstieg kommt, den schon vor den FBI-Ermittlungen ihr Konsum an Aufputschmitteln und das Auftreten der Mafia besiegeln.

Eine Frau macht sich die Macho-Welt zunutze

Eine starke Frau, mit die kühlem Geschäftsinn Hollywoods eitle Machowelt ausbeutet: Gerade jetzt macht es Freude, Jessica Chastain in so einer Rolle zu sehen. In den verrauchten Runden der Wichtigtuer, Selbstdarsteller und Hochstapler hält sie sich still im Hintergrund, um all die zu durchschauen, die sie selbst kaum wahrnehmen. Ihre Molly Bloom ist eine Unternehmerin, die sich darauf spezialisiert hat, im feindlichen Umfeld die Kontrolle zu wahren.

Das gilt auch für das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihr macht. Und der Film ist so ehrlich, diesen Aspekt mit zu thematisieren: Dass die Medien sie zur Poker-Prinzessin erklären, hält Molly Bloom für eine ungerechte Verniedlichung. Vor Gericht verbietet sie ihrem Verteidiger sogar, ihre Rolle im illegalen Spiel kleinzureden – weil sie ihre unternehmerische Leistung gewürdigt sehen will. Und obwohl sie dringend Geld braucht, schlägt sie fünf Angebote für die Filmrechte an ihrer Geschichte aus, weil ihr die Lesart nicht zusagt. Wenn der Stoff nun doch auf die Leinwand kommt, dürfen wir also auch ihre Handschrift in der Inszenierung vermuten.Wenn der Stoff nun doch auf die Leinwand kommt, dürfen wir also auch ihre eigene Handschrift in der Inszenierung vermuten.

In der Ich-Form entlastet die Heldin sich selbst

Aaron Sorkin ist Autor von Filmen über Steve Jobs und Mark Zuckerberg ein Experte von amerikanischen Gründer-Geschichten; und auch sein Film über Molly Bloom, sein Debüt als Leinwand-Regisseur, prägt die Bewunderung von Geschäftssinn und Aufstiegswillen. Im Nebenstrang thematisiert Sorkin Blooms Herkunft aus einem ehrgeizigen Elternhaus. Lange glaubt man, das Leistungsdenken der Eltern würde problematisiert; am Ende aber ist es dann aber ausgerechnet der Vater, über den der Film seiner Heldin die Absolution erteilt. „Nobody’s perfect“, sagt er lapidar zur Anklage wegen Geldwäsche und Glücksspiels.

Verstörender Weise scheint das auch Sorkins Haltung zu sein. Bloom gesteht, dass sie Spielsüchtige ausnimmt; einer davon bringt sich um. Böse ist man ihr trotzdem nicht. Während die Pokerspieler ihren Kick daraus ziehen, Existenzen zu vernichten, kümmert Molly sich hier mütterlich um ihre Kunden. Immer wieder betont der Film ihre ethische Standards, die es ihr verbieten, aus Insiderwissen auf Kosten Dritter Kapital zu schlagen. Sogar ihr Anwalt ist Moralist und übernimmt das Mandat nur, als er erfährt: Als rücksichtsvoller Gläubiger hat Bloom Schulden nie von Schlägertrupps eintreiben lassen. Hut ab! Der Off-Ton, in dem die Heldin sich selbst kommentiert, stellt alles in ein mildes Licht. Schade, der Stoff hätte auch eine sehr viel schärfere Satire über parasitäre Existenzen hergegeben.

„Molly’s Game“. USA 2018. R: Aaron Sorkin. D: Aaron Sorkin. D: Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Chris O Dowd, Jeremy Strong. 140 Minuten. Ab 12 Jahren.


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