Schreibformate und ihr Stil E-Mail versus Brief – Ein Plädoyer für die Handschrift

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Was unterscheidet eigentlich eine E-Mail oder WhatsApp-Nachricht von einem Brief – über beschleunigte oder entschleunigte Kommunikation hinaus? Nachdenken über Schreibformate, ihren Stil und das Comeback der Handschrift.

„Juhu, ich steh auf dem Gipfel vom Roßkopf, hab grad meinen ersten Klettersteig geschafft!!“ Solche knackigen Botschaften, orthografisch zwar nachlässig verfasst, dafür aber mit einem Foto beglaubigt, sind typisch für E-Mails, vor allem aber auch SMS-Kurznachrichten, WhatsApp-Beiträge oder Einträge in soziale Netzwerke. Was für ein Fortschritt, dass die digitale Revolution so viel Spontaneität möglich macht. Wer aber im Verteiler länger keinen Kontakt mit dem Absender hatte, fällt aus allen Wolken: Wo könnte wohl der Roßkopf stehen, wie hoch ist er und woher kommt die plötzliche Befähigung zum Bergsteigen? Denn die E-Mail und ihre noch kleinformatigeren Geschwister haben sich als Medium für schnelle, knappe Benachrichtigungen eingebürgert und weniger für langwierige Erklärungen. Sie stehen bei weitem mehr unter Strom und Zeitdruck als ein gut abgehangener Brief.

Mail beleuchtet den Moment

Die Mail: E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten wie die eingangs erwähnte liefern Spotlights, die kurz einen Moment ausleuchten, aber das Leben dazwischen im Dunkeln lassen. Ihren täglichen Gebrauchscharakter machen sie kenntlich, indem sie Umgangssprache, bisweilen sogar Dialekt, ungefilterte Emotionalität und damit auch sprachliche und gedankliche Ungenauigkeit zulassen – etwas, das in der schriftlichen Kommunikation bislang weitgehend tabu war. Das macht das Schreiben unkomplizierter, aber eben auch unkontrollierter.

Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr der Computer die Schriftsprache revolutioniert hat. Möglicherweise mit Auswirkungen auf unser Kommunizieren und Denken, die wir noch längst nicht kennen. Mails oder Kurznachrichten stellen so engmaschigen Kontakt zum Gesprächspartner her, wie nie zuvor. Das ist ein Gewinn. Und doch ignorieren sie Zeit als Lebenszeit, indem sie von deren realer und oft unspektakulärer Dauer nichts wissen wollen. Auch wenn es natürlich lange, briefähnliche Mails gibt: Zukunft und Vergangenheit sind nicht ihr Urelement, sondern das Hier und Jetzt, besonders, was den beruflichen Austausch angeht.

Die Zeitebenen im Brief

Der Brief: Vielleicht wirkt der Brief deshalb so altmodisch, weil er mit Zeit noch anders umgeht. Einen mehrseitigen Brief handschriftlich zu verfassen, dauert. Sätze müssen innerlich vorformuliert werden, weil keine Tastatur das Korrigieren oder Umstellen von Worten oder Satzteilen erlaubt. Der Briefschreiber baut eine Dramaturgie für das auf, was er wann ansprechen will. Mögliche Nachfragen werden gleich mitbeantwortet, Zusammenhänge erklärt, Entwicklungen geschildert. Wünsche, Visionen, Erinnerung und Verarbeitung erhalten Raum – und schon sind Zeitebenen im Spiel, für die die faktenorientierte Mail in der Regel keine Zeit haben will, die ihr auch zu persönlich sind. Mailschreiber haben übrigens beobachtet, dass auf ausführlichere Mails mit mehreren Fragen stets nur die erste Frage beantwortet wird. Der Rest war den Empfängern schlicht zu lang – zum Lesen wie Beantworten.

Neue Lust am Malen und Zeichnen von Buchstaben: Die Nürnberger Designerin und Typografie-Künstlerin Hannah Rabenstein schreibt mit weißer Acrylfarbe auf eine Glasscheibe. Foto: dpa

Die Lust am Schreibflow

Eine individuelle Handschrift, die über ein Briefpapier fließt, ist eine lustvolle Sache, und ihre Feinmotorik soll wertvolle Hirnfunktionen aktivieren. Kein Wunder, dass das mit der Hand Schreiben auch den Geist beschwingt und zu Sprachspielen oder rhetorischen Figuren verführt. Zu solchem Schreibflow kommt es beim Verfassen einer sachbezogenen E-Mail-Nachricht eher selten – oder doch?

Sicher bewirkt der Flow auch, dass ein Brief epische Ausmaße annehmen kann. Bekenntnisse, Stoßseufzer und Analysen aller Art orientieren sich hier und da sprachlich unbewusst an Vorbildern etwa aus der Literatur. Man berauscht sich im Brief auch mal an sich selbst, an der so unerwartet flüssigen Formulierungskunst, dem ungestörten Redendürfen. Bis Kräfte oder Zeitlimit nicht mehr reichen und der Schreibfluss in abrupten Bremsmanövern versickert. Unvermittelt blasse Schlussformeln wie „soweit mal für heute“ oder „jetzt klingelt gerade das Telefon“ erheitern immer wieder.

Emojis als sozialer Kitt

Der E-Mail oder der WhatsApp-Notiz würde das kaum passieren. Sie hat nicht so viel kunst- oder liebevoll Aufgebautes zu verlieren wie der Brief. Wie zur Entschuldigung dafür sind die Emojis erfunden worden, die mit Stimmungssymbolen das liefern, was die nüchternen Worte oft nicht mehr leisten. Der Schreibfaule leitet mit seinem Kommunikationsgerät gleich kommentarlos lustige Videos mit Vielfachverteiler weiter, um zu signalisieren, dass alles okay ist. Manchmal kommt das sogar besser an, als ein schlecht gelaunter Nörgelbrief. Weil es ein Zeichen von Verbundenheit setzt. Dieser ständige Minimal-Talk hält Millionen von Menschen bei Laune.

Ein langer Brief entschleunigt

Dennoch sollte der Brief seinen bereits geschrumpften Stellenwert unbedingt behaupten. Anders als etwa das Telefonat zwingt er zum Organisieren der Gedanken, zur Form in Aufbau und Stil, zu längerem Atem im Dialog mit dem Gegenüber, kurz: zur Entschleunigung. „Schön“ oder „das tut mir Leid“ etwa als typische digitale Reaktion auf etwas komplex Erzähltes erinnert entweder an die rudimentären Dialogfähigkeiten von Kleinkindern oder lässt Desinteresse vermuten. Der Ton macht die Musik beim Schreiben wie beim Sprechen und offenbart eine Menge über soziale Kompetenz. Bleibt zu hoffen, dass das durch die Kommunikationselektronik nicht außer Übung und in Vergessenheit gerät. Doch die gerade neu erwachende Lust an der Handschrift lässt vermuten, dass der Mensch seine ureigenen Kulturtechniken doch nicht ganz widerstandlos der Maschinenwelt überlässt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN