Frankfurter Museum für Kommunikation Fotoprojekt „Stille Post“ von Herlinde Koelbl

Von Christian Huther

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Frankfurt. Vom Flüchtling bis zur Moderatorin: 56 Fotografierte flüstern sich etwas ins Ohr in Herlinde Koelbls neuer Ausstellung „Stille Post“ im Frankfurter Museum für Kommunikation.

Vom Bauarbeiter bis zum Barbesitzer, vom Flüchtling bis zur Fernsehmoderatorin sind fast alle Schichten vertreten unter den 56 Porträtierten. Die kommen aus allen Generationen und immerhin aus 16 Nationen, von Nigeria bis Estland. Denn Herlinde Koelbl geht es um eine Annäherung von zuvor wildfremden Menschen, ob Schwarz oder Weiß, Mann oder Frau, Alt oder Jung. Viele von ihnen halten sich nur vorübergehend oder erst seit Kurzem in Deutschland auf. Andere sind schon länger hier oder gar in Deutschland geboren.

In Deutschland sind auch alle großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts entstanden und nun im Frankfurter Museum für Kommunikation ausgestellt. Herlinde Koelbl hat immer zwei Personen auf ein Foto gebannt. So sind 28 Doppelporträts zu sehen, drei schon von außen an der hohen Fensterfront, die anderen 25 dann im Museum. Immer flüstert einer dem anderen etwas ins Ohr; der linke, flüsternde Kopf ist nur im Profil zu sehen, während man dem Zuhörenden direkt ins Antlitz blickt.

Uraltes Kinderspiel

Beim uralten Kinderspiel „Stille Post“ flüstert nämlich ein Teilnehmer seinem Nachbarn einen kurzen Satz zu, der dann reihum weitergegeben wird, bis der Letzte das Gehörte laut sagen muss – großes Gelächter ist garantiert, denn auf dem Weg von Ohr zu Ohr kommen fast immer kuriose Ergebnisse heraus. Doch die renommierte Fotografin ließ den Teilnehmern freie Hand bei der Auswahl der Botschaft, zumal nicht jeder Deutsch sprechen kann. Auch das Ergebnis wollte Koelbl nicht hören.

„Zuhören ist keine Einbahnstraße

Wichtig ist nicht, was kommuniziert wird, sondern dass kommuniziert wird“, meint Koelbl. So entsteht erst Nähe, dann Vertrautheit. Durch die Redewendung „jemandem ein Ohr schenken“ kam sie zur Idee: „Zuhören ist keine Einbahnstraße, denn auch wir werden beschenkt, können etwas lernen, werden reicher durch die Erfahrungen aus der Welt des anderen.“

Die Bilderserie entstand vor etwa zehn Jahren als Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus – ein Thema also, das noch immer aktuell ist. Doch die 78-jährige Fotografin, die sich immer offen ihrem Gegenüber nähert, hielt sich dieses Mal zurück. Koelbl hat etliche psychologische Porträts geschaffen: über Schriftsteller, Politiker und jüdische Persönlichkeiten, aber auch über Schlaf- und Wohnzimmer, denn sie verraten viel über die Bewohner. Bei der „Stillen Post“ hingegen spielen die Lebensgeschichten der Teilnehmer keine Rolle.

Auch wenn nicht jeder die Botschaft seines Nachbarn in der fremden Sprache versteht, so verschwinden zumindest die kulturellen Unterschiede. Kein Wunder, dass fast alle Zuhörer grinsen, während die Sprecher ihren Part übermitteln. Manch einer hält automatisch die Hand vor das Ohr des Empfängers, damit die Botschaft ankommt. Und dank der überlebensgroßen Köpfe wähnt sich der Besucher mittendrin im Getuschel.

Gehörtes verwirrt manchmal

Es gibt aber auch Zuhörer, die angesichts des Gehörten eher nachdenklich oder verwirrt dreinblicken, um dann im nächsten Moment bei der Weitergabe selbst lachen zu müssen – vielleicht haben sie sich etwas Neues einfallen lassen, weil sie den Satz nicht kapiert haben? Unendlich viel lässt sich in die Bilder hineininterpretieren. Wenn etwa der weißbärtige Bayer mit Filzhut und Gamsbart erst von einer schwarzen Amerikanerin zugetextet wird, um dann das Verstandene einem Mädchen aus Togo zu erklären, ahnen wir schon, dass es dabei nur so in den Ohren rauscht. Ob es der Schauspielerin Sunnyi Melles und der Autorin Amelie Fried wohl besser erging?


Frankfurt/Main, Museum für Kommunikation: „Stille Post. Fotoprojekt von Herlinde Koelbl zum Hören und Verstehen.“ Bis 2. April. Di.-Fr. 9-18, Sa./So. 11-19 Uhr. Katalog 22 Euro. Internet: www.mfk-frankfurt.de

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN