Friedensaktivistin der 60er nimmt Abschied Joan Baez veröffentlicht ihr wohl letztes Album

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Osnabrück. Zehn Coversongs hat die 77-jährige Sängerin Joan Baez aufgenommen, mit denen sie sich mehr oder weniger aus dem Musikgeschäft verabschiedet. Ihr neues Album heißt „Whistle down the wind“.

Für diejenigen, die die Flowerpower-Bewegung der 60er-Jahre bewusst miterlebt haben, gibt es gar nicht genug Superlative, um sie adäquat zu feiern: Joan Baez. Sie war Menschenrechtlerin und Pazifistin, sie war bereit, für ihre Anschauung ins Gefängnis zu gehen. Und sie hatte eine wunderschöne Stimme, mit der sie zur Gitarre politische Lieder in die Welt trug. Sogar Menschen, die eher harte Rockmusik hörten und mit ihren balladesken Politballaden musikalisch nicht so viel anfangen konnten, respektierten diese Frau ob ihres Engagements und ihres Einflusses. Mit 77 Jahren hat sie jetzt ein Album veröffentlicht, auf dem sie zehn Songs singt, die sie nicht selbst geschrieben hat. Stattdessen interpretiert sie Lieder von Kollegen, in deren Texten sie sich selbst wiederfindet. Lieder, die zur Reflexion ihres Lebens werden.

„Ich brauche einen anderen Platz. Wird dort Frieden herrschen? Ich brauche eine andere Welt, weil diese hier schon fast verschwunden ist“, singt sie in dem Lied „Another World“, geschrieben von Anohni, einer Britin, die als Transgender-Künstlerin bekannt wurde. Minimalistisch schrappt Baez ihre Gitarre zu den pessimistischen Versen. „Ich werde die Bäume vermissen, die Vögel und den Schnee.“

Es verwundert nicht, dass die Tochter aus einem Quäker-Elternhaus auch heute keine euphorischen Hymnen auf das Leben singt. Obwohl sie den Kampf gegen Rassentrennung und Diskriminierung, gegen Krieg und Gewalt aktiv prägte wie keine andere, muss sie sich heute offenbar eingestehen, dass sich die Welt nicht gerade zum Besseren gewandelt hat. Als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, konnte sie nicht umhin, mit einem Song zu reagieren, den sie ins Internet stellte: „Nasty Man“ hieß ihr Anti-Trump-Song, der einige Millionen Mal geklickt wurde – was aber im Vergleich zu dem Einfluss, den Joan Baez in den 60er- und 70er-Jahren weltweit hatte, eine eher marginale Resonanz darstellt.

Wie das neue Album beweist, ließ sich diese Frau von all den populistischen Entwicklungen in der Welt nicht von ihrer pazifistischen Einstellung abbringen. So singt sie jetzt einen Song von Zoe Mulford, der die vielen rassistisch motivierten Gewalttaten in den USA thematisiert. „The President Sang Amazing Grace“ heißt das Lied über Barack Obama und seine Reaktion auf den Anschlag in Charleston, bei dem 2015 neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde ihr Leben lassen mussten.

Mit dem Song „The Great Correction“ von Eliza Gilkyson hält der Country-Twang Einzug in das Album und spiegelt so eine weitere Facette ihres Lebens wider: 1968 hatte Baez den Kalifornier David Harris geheiratet, einen Antikriegsaktivisten und Country-Fan, der eine Zeit lang ihre Musik stilistisch beeinflusste. Einen Song von Bob Dylan, dem sie zu Popularität verhalf und mit dem sie ebenfalls eine Zeit lang liiert war, findet sich dagegen nicht auf dem Album. Vermutlich hat sich die Sängerin zu sehr emotional von dem Nobelpreisträger entfernt. Ebenso wie ihre Beziehung zu dem Apple-Gründer Steve Jobs war ihre Liaison zu Dylan nicht besonders harmonisch gewesen.

Den Titel verdankt das Album einem Song von Tom Waits: Die Auseinandersetzung mit den Tücken und Widerhaken des Lebens ist einer seiner Trauermärsche, der durch den altersbedingt leicht tiefer gelegten Sopran der Sängerin einen spannenden Kontrapunkt zu Waits’ Kratzbürstenstimme verpasst bekommt. Dazu sei die Preisfrage gestattet: Flötet Joan Baez am Ende des Songs höchstpersönlich, spielt jemand eine singende Säge, oder handelt es sich bei den leicht tremolierenden Tönen gar um ein Theremin…?


Joan Baez: Whistle down the wind. Proper Records (H’Art).

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