Hermann Parzinger im Interview Louvre kein Vorbild: Berlin plant keine Dependancen

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Berlin. Der Pariser Louvre hat mit seiner Dependance in Abu Dhabi ein Zeichen gesetzt. Die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz will diesem Beispiel aber nicht folgen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung, plädiert für Modelle der Kooperation. Lange Bindung an einen Ort hält er für keinen guten Weg.

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters will in ihrer neuen Amtszeit dazu beitragen, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zukunftsfähiger zu machen. Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um die Stiftung optimal in die Zukunft zu führen?

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz steht vor großen Herausforderungen, sie muss riesige Bauprojekte bewältigen. Jede große Einrichtung hat Defizite, die sie angehen muss. Das kann strukturell-organisatorische Gründe haben, kann aber auch an fehlenden Mitteln liegen. Ganz entscheidend ist für uns zum Beispiel die digitale Transformation, die wir schon vor über einem Jahr angestoßen haben. Dabei wollen wir die fünf Einrichtungen, die fünf Säulen der Stiftung, mit Quersträngen verbinden. So sollen die Digitalisate, die überall in der Stiftung entstehen, spartenübergreifend nutzbar werden. Bei der Digitalisierung verfügt die Staatsbibliothek über eine hohe Expertise, davon können die anderen Einrichtungen profitieren. Bei Bildung und Vermittlung verhält es sich umgekehrt, da sind die Staatlichen Museen vorne. Das wollen wir durch neue interne Strukturen erreichen, aber es wird zusätzlich auch Personal und finanzielle Ressourcen nötig sein. Ein Zentralinstitut für Provenienzforschung für alle SPK-Einrichtungen, das sich mit Themen von der NS-Raubkunst über DDR-Unrecht bis hin zu den Sammlungen im Kontext der Kolonialgeschichte befasst, wäre ein großer Fortschritt. Die einzelnen Forschungsaktivitäten würden natürlich weiterhin dezentral stattfinden, doch ließen sich dadurch Kompetenzen besser bündeln und Synergien erzielen. Auch müssen wir unsere Sammlungen in den Museen, Bibliotheken und Archiven besser verknüpfen, um interessante Geschichten zu erzählen. Die Menschen haben ein großes Interesse daran.

Der Pariser Louvre oder das New Yorker MoMA sind Weltmarken. Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Das klingt sperrig. Wie wollen Sie die SPK im globalen Wettbewerb der großen Museumsmarken erfolgreich positionieren?

Ein Begriff wie Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist keine Marke wie der Louvre, aber die Berliner Museumsinsel ist schon eine Marke, die da mithalten kann. Umfragen zeigen, dass Touristen vor allem nach Berlin kommen, um die Museen zu besichtigen. Da gibt es ein großes Potenzial. Die Stiftung ist mit der Smithsonian Institution in Washington zu vergleichen, die ebenfalls eine Vielzahl von Bibliotheken, Archiven, Museen und Forschungsinstituten umfasst. Natürlich müssen wir dabei auch unser Marketing weiterentwickeln. Viele Menschen assoziieren mit der Bezeichnung „Preußenstiftung“ das Erbe der Hohenzollern. Eigentlich geht es aber darum, was Preußen an Weltkultur gesammelt hat, das macht die herausragende Qualität unserer Bestände aus. Internationales Engagement braucht allerdings auch entsprechende Ressourcen. Die Staatlichen Museen zu Berlin sind international sehr gut vernetzt. Das zeigte sich zuletzt an Ausstellungen zur chinesischen Porträtkunst in Berlin oder zum Reformationsjubiläum in Los Angeles, vieles geschieht zusammen mit Dresden und München.

Es geht ja auch darum, mit Ausstellungen und Projekten auch Narrative zu verbreiten. Der Louvre ist in dieser Richtung aktiv. Welches Narrativ setzt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz?

Dependancen, wie sie der Louvre jetzt in Abu Dhabi eröffnet hat, sind für uns kein Weg. Als die Entscheidung dazu vor etwa zehn Jahren getroffen wurde, setzte man in die Entwicklung der Golfregion große Hoffnungen. Die Länder dort wollten sich auch durch Kunst und Kultur auszeichnen, was sehr positiv ist. Aber Universalmuseen sind heute kaum mehr aufzubauen. Mit zeitgenössischenKünstlern geht das, aber ältere Kunst ist heute überall an strenge Ausfuhrbestimmungen gebunden. Da war es für Abu Dhabi naheliegend, die Kooperation mit einem Universalmuseum wie dem Louvre zu suchen. Was für uns zählt, ist aber eine andere Form der Kooperation. Austausch von Ausstellungen und Kuratoren, gemeinsame Forschung, Capacity Building-Programme und vieles mehr, hier liegt die Zukunft internationaler Zusammenarbeit im Museumsbereich. Dies bestimmt auch unseren Umgang mit der Beutekunst. In dieser Frage arbeiten wir eng mit Russland zusammen. Die politischen und juristischen Fragen, die damit verbunden sind, können wir nicht lösen. Aber wir können die Bestände gemeinsam erschließen, erforschen und ausstellen.

Sind da Rückgaben von Beständen zu erwarten?

Wir erfahren von unseren russischen Partnern eine große Offenheit. Wir haben überall Zugang zu den ehemaligen Berliner Beständen. Das ist für uns vordringlich. Derzeit arbeiten wir an mehr gemeinsamen Projekten als jemals zuvor, fast antizyklisch zu den eher eisig gewordenen politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Dabei geht es ja auch um ein geteiltes kulturelles Erbe. Entscheidend ist wieder die Zusammenarbeit. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren russischen Partnern an Ausstellungen und erforschen und restaurieren die Bestände, das ist auch eine Form gemeinsamer Verantwortung für das kulturelle Erbe der Menschheit.


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