Hermann Parzinger im Interview Das Humboldt Forum und die Kolonialgeschichte

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Welche Exponate befinden sich zu Recht im Museumsbesitz? Die Provenienzforschung ist ein heikles Thema. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger betrachtet im Ethnologischen Museum Dahlem in Berlin eine Nulis-Maske. Foto: dpaWelche Exponate befinden sich zu Recht im Museumsbesitz? Die Provenienzforschung ist ein heikles Thema. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger betrachtet im Ethnologischen Museum Dahlem in Berlin eine Nulis-Maske. Foto: dpa

Berlin. Hermann Parzinger hat angekündigt, im Berliner Humboldt Forum auch Raubkunst zeigen zu wollen. „Wir werden im Humboldt Forum auch ganz bewusst Exponate ausstellen, die als Folge von Kolonialkriegen in die Sammlung gekommen sind“, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Interview.

Vor allem ethnologische Sammlungen sollen in das Humboldt Forum einziehen. Das böte eine gute Gelegenheit, die Herkunft der Exponate noch einmal zu überprüfen. Wird im Vorfeld der Eröffnung des Forums Provenienzforschung betrieben?

Provenienzforschung gehört zu unseren Kernaufgaben. Wir betreiben sie auch in unserem Ethnologischen Museum. In einem ersten Schritt geht es dabei darum, aufzuklären, wie die Sammlungen in das Museum gekommen sind. Wir fragen nach dem Einlieferer und seiner Rolle, ob dabei kriegerische Handlungen eine Rolle gespielt haben könnten usw. Möchte man jedoch tiefer einsteigen, kann dies nur im Rahmen gesonderter Forschungsprojekte geschehen. Ein wichtiges Projekt läuft derzeit mit Tansania. Es freut uns auch, dass die Aufarbeitung des Kolonialismus im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung als Ziel ausdrücklich genannt ist. Für diese Arbeit brauchen wir dringend Unterstützung. Ähnlich wie bei der NS-Raubkunst muss man die Museen in die Lage versetzen, diese Arbeit auch durchführen zu können. Mit dem schnellen Blick in das Inventarbuch ist es dabei nicht getan. Wir müssen auch in den Archiven der Herkunftsländer nachforschen. Überdies sollte die Agenda dieser Provenienzforschung zusammen mit Vertretern aus den Herkunftsländern entwickelt werden. Hier weiterlesen: Humboldt Forum als Ort der offenen Debatte - Hermann Parzinger im Interview.

Fordern Sie für diese Forschung mehr Geld vom Bund?

Die Provenienzforschung betrifft viele Museen in Deutschland. Sehr große ethnologische Sammlungen gibt es auch in Hamburg, Bremen, Stuttgart, Leipzig, in Berlin befindet sich allerdings die mit Abstand größte. Die Erforschung dieser Bestände wird Jahre in Anspruch nehmen. Wir werden im Humboldt Forum auch ganz bewusst Exponate ausstellen, die als Folge von Kolonialkriegen in die Sammlung gekommen sind. Ich nannte bereits das Projekt mit Tansania, in dem wir uns auch mit dem Maji-Maji-Krieg von 1905 bis 1907, die Erhebung gegen die deutsche Kolonialherrschaft,befassen. Wir werden die Geschichte dieses Krieges anhand einiger Objekte gemeinsam mit Kuratoren aus Tansania erzählen. Das wären Museumsobjekte, die man danach an Tansania zurückgeben sollte, weil hier ein klarer Gewalt- bzw. Unrechtskontext gegeben ist. Provenienzforschung braucht viel Geld und Zeit. Manche Aktivisten fordern schnelle Rückgaben. Aber so einfach ist das nicht, weil die Sammlungen auf sehr unterschiedlichen Wegen zustande gekommen sind. Auch wenn früher nicht jede Erwerbung auf Augenhöhe abgelaufen ist, muss sie deshalb nicht automatisch unrechtmäßig gewesen sein. Man muss sehr genau untersuchen, wie die Objekte für die Sammlungen erworben worden sind. Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Mit einer Taktik der Verschleierung oder Verzögerung hat das nichts zu tun. Wenn die Ergebnisse dieser Forschungen vorliegen, muss man auch überlegen, wie man damit umgehen möchte.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat kürzlich vorgeschlagen, afrikanische Kunst aus Museen an ihre Herkunftsländer zurückzugeben. Was halten Sie davon?

Ich finde es bemerkenswert, dass ein europäischer Staatsmann einen solchen Vorstoß unternimmt. Wir werden sehen, welche Objekte an wen mit welchen Argumenten zurückgegeben werden. Es wäre wichtig, sich darüber international auszutauschen. Vielleicht könnte man bei diesem Punkt auch zu einer deutsch-französischen Initiative kommen. Wir werden uns sicher über die Kriterien austauschen müssen, die zu Rückgaben führen. Wir sollten gerade jetzt nicht abseits stehen, wo so viel Dynamik in diesen Prozess gekommen ist, sondern diesen aktiv mitgestalten, am besten natürlich in einem internationalen Austausch. Dabei muss es nicht immer um Rückgaben gehen. Es ist auch denkbar, Exponate auszutauschen oder Ausstellungen auf Reisen zu schicken. Wichtig ist, dass es zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern kommt.

Viele Kunstmuseen forschen gerade nach Raubkunst in ihren Beständen. Der Fall der Sammlung Gurlitt hat das Bewusstsein für dieses Thema enorm geschärft. Was lernen Sie im Hinblick auf das Humboldt Forum von diesen Nachforschungen der Kunsthistoriker?

Die Provenienzforschung im Umfeld der NS-Raubkunst hat die Öffentlichkeit ganz grundsätzlich stärker für die Frage sensibilisiert, wie die Dinge in unsere Museen gelangt sind. Der Umgang mit unserer eigenen Kolonialgeschichte und den damit verbundenen Verbrechen hat sich ebenfalls verändert. Inzwischen spricht auch der Bundestag vom Völkermord an den Herero und Nama. All das hat zu einem anderen Bewusstsein geführt. Die Erfahrungen aus der Provenienzforschung zur NS-Raubkunst haben aber auch gezeigt, wie komplex dieses Thema sein kann. Viele Fälle sind nicht eindeutig zu entscheiden. Die Washingtoner Prinzipien sehen dafür faire und gerechte Lösungen vor. Das kann, zum Beispiel auch heißen, das begangene Unrecht in den Museen kenntlich zu machen. Man wird überlegen müssen, wie sich diese Erfahrungen für andere Felder der Provenienzforschung nutzbar machen lassen. Ein einfaches Übertragen wäre aber zu einfach.

Wann wäre denn für Sie ein Museumsexponat nicht mehr in der Sammlung haltbar, weil es zurückgegeben werden müsste?

Das gilt für mich zum Beispiel für Objekte, die im Zusammenhang mit dem Maji-Maji-Krieg in Tansania stehen. Wir haben aber auch gerade vereinbart, Objekte an die Chugach Corporation in Alaska zurückzugeben. Wir haben etwa 200 Objekte dieser Native People im Museum, die im späten 19. Jahrhundert gesammelt wurden. Forschungen haben nun ergeben, dass neun dieser Objekte aus Gräbern stammen. Das war ganz eindeutig Grabplünderung, keine archäologische Ausgrabung. Nachdem das erwiesen war, haben wir uns natürlich für die Rückgabe entschieden. Die Chugach haben auch nur diese Objekte zurückgefordert.

Gibt es auch Beispiele für Rückgaben afrikanischer Objekte?

Im Prinzip ist das natürlich denkbar. Wir haben vor einigen Jahren eine Sammlung von Schädeln und Gebeinen aus der Charité übernommen. Diese Kollektion hat nichts mit dem Humboldt Forum zu tun, weil solche Dinge dort nicht ausgestellt werden. Doch auch hier ist es wahrscheinlich, dass menschliche Überreste aus wissenschaftlichem Interesse ohne Genehmigung aus Friedhöfen damaliger Gemeinschaften entnommen worden sind. Sollte das der Fall sein, muss man zu Rückgaben bereit sein.


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