Strikter Kurs auf die Freiheit Santiano im Gerry-Weber-Stadion mit voller Kraft voraus

Von Matthias Liedtke

Mitreißend: Santiano spielt vor 5800 Fans im Gerry Weber Stadion. Foto: André HavergoMitreißend: Santiano spielt vor 5800 Fans im Gerry Weber Stadion. Foto: André Havergo

Halle. Mit ihrer explosiven maritimen Mischung aus Rock, Folk, Shanty und Schlager zündeten die Seemänner des Schlachtschiffs Santiano zahlreiche musikalische Leuchtbojen im Gerry Weber Stadion, wo sie vor 5800 Fans einmal mehr vor Anker gingen.

Krankheitsbedingt waren sie ein paar Tage untergetaucht wie das U-Boot, das die opulente Licht- und Pyro-Show auf der Videoleinwand einleitete. Nun ging es aber wieder spürbar mit voller Kraft voraus hoch auf See, wo die „Herren der Winde“ seit einem halben Dutzend Jahren auf einer anhaltenden Welle des Erfolgs schippern - getragen von einem treuen Publikum, dem sie das am Schluss mit einem pathetisch gemeinsamen gesungenen „Wir für euch und ihr für uns“ dankten. Rund zwei Stunden zuvor hieß es zu den Klängen von Klaus Doldingers „Das Boot“-Filmmusik „Leinen los!“ mit der programmatischen Rock-Ode auf die Unsterblichkeit „Könnt ihr mich hören?“, was eindeutig zu bejahen war. Denn der wiedergenesene Frontmann Björn Both strapazierte seine Grog- und Whisky-getränkte Reibeisen-Stimme, als wäre nichts gewesen. Mit hohem Tempo wurde die Schiffsschraube thematisch weitergedreht in Richtung Unendlichkeit durch die raue Schlagerhymne „Gott muss ein Seemann sein“. Spätestens jetzt wurde vor allem unendlich mitgesungen und mitgeklatscht.

Tanzen statt trauern

Ruhiger wurde es, als sich der Kapitän auf die Brücke begab, um unter nur knapper Umschiffung von Kitsch-Klippen sehnsüchtig „Ich bring dich heim“ zu versprechen – musikalisch gesteuert von der quietschfidelen Geige von Pete Sage, der wenig später auch stimmlich den Ton angab: Unter anderem bei der schunkeligen Irland-Hommage „Land of Green“ und dem unvermeidlichen „Irish Rover“ sang er die englischen Texte. In plattdeutscher Animation versuchte sich Gitarrist „Timsen“ Hinrichsen, der „Hände sehen“ wollte zum anfänglich fast im Reggae-Rhythmus groovenden „Der Alte und das Meer“.  Die flogen indes ganz freiwillig in die Höhe für das „Salz auf unserer Haut“. Unter die Haut ging die fröhliche Aufforderung zum Tanze auch im Todesfall „Ihr sollt nicht trauern“ ebenso wie die unter Vollmond melancholisch vorgetragene Ballade „Weh mir“. Vom Himmel ging es dann flugs unter Wasser, als sich die Exit Eden-Sängerin Anna Brunner zu Björn Both auf die Planken gesellte, um mit ihm im Duett, im blutroten Kleid und mit wehendem dunklem Haar dem „Auge des Sturms“ entgegenzusingen, dem Titelsong von Santianos aktuellem, bereits viertem Nummer-Eins-Albums.

Politisches Plädoyer

Im Klatschmarsch ging es weiter auf „Kaperfahrt“, um dann mit zwei „Liedern der Freiheit“ ebendieser zu huldigen, die gerade weltweit, aber auch hierzulande im Begriff sei, „unter dem donnernden Applaus des jubelnden Volkes“ zu gehen, wie Both betonte und dies mit dem politischen Plädoyer verknüpfte, angesichts rechter Umtriebe „wach“ und „frei wie der Wind“ zu bleiben – „im Kopf und im Herzen“. Der Wind wurde schließlich noch einmal kräftig in die Segel geblasen bei der Hooters-Melodie zu „Walhalla“ und der Handvoll Zugaben, die mit dem namensgebenden traditionellen Shanty „Santiano“ begannen und mit dem buchstäblich erleuchteten „Sehnsucht ist mein Steuermann“ endeten.