Dramatische Zuspitzungen T. C. Boyle erweist sich in „Good Home“ erneut als grandioser Erzähler

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Schriftsteller T.C. Boyle Foto: dpaSchriftsteller T.C. Boyle Foto: dpa

Osnabrück. Väter, die ihre Babys verleugnen, Inselbewohnerinnen mit Putzwahn, trauernde Ehemänner mit einer Vorliebe für Ratten: In T. C. Boyles „Good Home“ sind es mal wieder skurrile Figuren und Situationen, die bestechen. Der fast 70-jährige Autor erweist sich dabei als grandioser Erzähler.

Es ist nicht das schöne Amerika, das T. C. Boyle uns zeigt. Hier geht es nicht um Hollywood-Glamour, um Silicon-Valley-Hightech oder um Großstadt-Intellektuelle á la Woody Allen. Boyle zeigt ein schmuddeliges Amerika, eines, in dem Kinder vernachlässigt werden, in dem viel Alkohol getrunken wird und in dem es völlig normal ist, bewaffnet zu sein.

Und doch gibt es Lichtblicke für die Menschen in diesen 20 Erzählungen, gerade in den aussichtlosesten Situationen. In „La Conchita“ muss ein Fahrer möglichst schnell eine Spenderniere in ein Krankenhaus bringen, wo sie einer jungen Frau das Leben retten soll. Doch der sintflutartige Regen löst einen Erdrutsch aus, und direkt vor seinen Augen prallt ein Auto in ein anderes. Die Fahrt ist unterbrochen.

Unbeirrt ins Unglück

Nein, subtil ist T. C. Boyle nicht unbedingt. Doch er versteht es meisterlich, Situationen dramatisch zuzuspitzen. Sein Protagonist Gordon in „La Conchita“ wächst regelrecht über sich hinaus, als ihn eine junge Frau um Hilfe anfleht, weil ihr Haus von dem Erdrutsch überrollt wurde. Er gräbt und wühlt im Schlamm, um nach Überlebenden zu suchen. Und dann passiert das scheinbar Unmögliche und Unerwartete tatsächlich: Gordon hat ein paar Menschen das Leben gerettet. Gleichzeitig aber vergisst er darüber fasst seine eigentliche Mission, das Spenderorgan.

Der 1948 geborene Boyle erweist sich in den 20 Geschichten von „Good Home“ erneut als gnadenloser Erzähler. Unbeirrt schickt er seine Charaktere ins Unglück. Und dazu reicht schon ein einziger Satz, wenn der junge Vater Lonnie fälschlicherweise behauptet, sein Baby sei gestorben. Eigentlich hat er keine Lust auf seine Arbeit und macht einen um den anderen Tag blau. Und dabei fällt eben irgendwann dieser eine Satz: „Die Kleine ist tot.“

Die Folge ist eine Welle des Mitleids seiner Kollegen, die sogar Geld für ihn sammeln. Doch die Lüge fliegt auf. Lonnie hat mit wenigen Worten seine ganze Existenz zerstört.

Amerika als „Good Home“?

Der fast 70-jährige Autor schafft es immer noch, dass seine Leser seine Geschichten regelrecht aufsaugen. Das liegt an den skurrilen Charakteren, den unerwarteten Wendungen, den unerhörten Situationen. Nur eines glaubt keiner nach dieser Lektüre: Dass die Vereinigten Staaten von Amerika ein „Good Home“, ein gutes Zuhause, sind.


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