Geschichtsstunde im Kino Pädagogisch wertvoll: „Das schweigende Klassenzimmer“

Von Tobias Sunderdiek

Heldenhafter Mut: Wegen einer Schweigeminute für gefallenen Aufständischen in Ungarn droht den Schülern der Ausschluss vom Abitur. Foto: Studiocanal GmbH /Julia TerjungHeldenhafter Mut: Wegen einer Schweigeminute für gefallenen Aufständischen in Ungarn droht den Schülern der Ausschluss vom Abitur. Foto: Studiocanal GmbH /Julia Terjung

Osnabrück. Regisseur Lars Kraume verfilmte mit „Das schweigende Klassenzimmer“ einen authentischen Fall aus der DDR-Geschichte.

Eigentlich haben die jungen Helden des Films noch ihr ganzes Leben vor sich. Eigentlich. Doch wenn es nach dem Willen der Staatsführung geht, dann sollte eine ganze Abiturklasse bestraft werden. Sozusagen als Sippenhaft.

Es ist das Jahr 1956: Die Staatsführung der DDR kennt kein Pardon für Abweichler. Nur drei Jahre nach dem Volksaufstand im eigenen Land, wird die im Oktober stattfindene „Konterrevolution“ in Ungarn totgeschwiegen. Dass damals Menschen im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer starben, erfahren Theo und Kurt, zwei Schüler aus dem Osten, eher zufällig. Eigentlich lockten sie die weiblichen Reize von Marion Michael in „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ ins Westberliner Kino. Doch eine zuvor gezeigte Wochenschau über die Kämpfe in Budapest wird das Leben der beiden verändern.

Erschüttert erzählen sie ihren Klassenkameraden in Stalinstadt (heute: Eisenhüttenstadt) davon. Und sie schmieden einen Plan: Vor dem Unterricht wollen sie eine Schweigeminute abhalten.

Doch die zunächst eher beiläufig anberaumte Protestaktion wächst sich zur Affäre aus. Das DDR-Bildungsministerium schaltet sich ein. Sollte der „Rädelsführer“ der Schweigeminute nicht ausgeliefert werden, wird die gesamte Klasse vom Abitur ausgeschlossen. Die Methoden der Behörden sind perfide: Spitzelei und der Versuch, Denunzianten heranzuziehen, werden gefördert. Dennoch hält die Klasse zusammen. Doch der Druck, auch auf die Familien, nimmt immer mehr zu.

Basierend auf einem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstra, schildert „Tatort“-Regisseur Lars Kraume wie zuvor in seinem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015), politische Verwerfungen der Nachkriegszeit als Politdrama. Dabei zeigt sich rasch, dass die auf realen Geschehnissen basierenden Ereignisse wie geschaffen sind für eine filmische Umsetzung. Die bedrückende Atmosphäre in der DDR, aber auch der heldenhafte Mut innerhalb der Klassengemeinschaft – sie bergen allerlei dramatische Verwicklungen.

Das ist eine Stärke des Films, aber in gewisser Weise auch seine Schwäche. Denn neben der sorgfältigen Rekonstruktion der DDR-Tristesse (gedreht wurde größtenteils an Originalschauplätzen) und einer stets präsenten Bedrohungskulisse, ist jederzeit aber auch ein didaktischer Erzählimpetus spürbar. Handwerklich und schauspielerisch solide, verzichtet der Film weitgehend auf subtile Zwischentöne. Dadurch erscheint diese ZDF-Koproduktion eher wie einer jener Fernsehfilme, die um 20.15 Uhr zuweilen überdeutlich die Welt erklären wollen. Das ist zwar redlich, vielleicht auch notwendig, kommt hier aber dramaturgisch doch zuweilen wie ein TV-Movie oder als Schulaufsatz für den Geschichtsunterricht daher. Wenn auch als sehr gut geschriebener.

Trotzdem weiß Lars Kraume die Miefigkeit des Staates, die Verlogenheit der Parteibonzen sowie die damit einhergehende Verletzung elementarer Grundrechte gekonnt zu inszenieren.

Und dass die Geschichte der DDR-Diktatur h eute erneuter Aufklärung bedarf, belegen aktuelle Umfragen. Wozu „Das schweigende Klassenzimmer“ denn auch einen zweifellos guten und wertvollen Beitrag leistet. Als „pädagogisch wertvoller“ Film gegen das Vergessen.