Neu im Kino Selbstfindungsdrama: „Call Me By Your Name“

Von Frank Jürgens


Osnabrück Die sensibel inszenierte und herausragend gespielte Romanadaption „Call Me By Your Name“ um eine heimliche Männerliebe in der italienischen Provinz des Jahres 1983 lebt von beiläufigen Andeutungen einer unsicheren Annäherung. Ein Film wie aus der Zeit gefallen.

Der Sommer des Jahres 1983 in der norditalienischen Provinz ist für den jugendlichen Elio ( Timothée Chalamet) zunächst einmal ein Sommer wie in jedem Jahr. Flirrende Hitze, Langeweile und ein Besucher aus Übersee, für den Elio übel gelaunt das Zimmer räumen muss. Oliver ( Armie Hammer) heißt der Gast von Elios Vater, Professor Perlman ( Michael Stuhlbarg), der ihn einen Sommer lang als Gastarchäologe bei der Arbeit unterstützen soll.

Zunächst begegnet Elios dem oberflächlich und arrogant wirkenden Mittzwanziger aus Amerika mit beinahe offener Abneigung. Aber irgendwie weckt der auch eine seltsame Neugier in ihm. Langsam, ganz langsam kommen sich die beiden näher. Und schon bald fühlt sich der von seinen Gefühlen immer mehr verwirrte Elios hin- und hergerissen zwischen seiner französischen Freundin Marzia (Esther Garrel) und Oliver. Je größer die Begierde zu Oliver wird, desto verwirrter erscheint Elios in seinem Denken und Handeln. Denn wirklich aussprechen können weder Oliver noch Elios das, was sie miteinander verbindet – oder auch nicht?

Wie aus der Zeit gefallen

Der Film „Call Me By Your Name“ unter der Regie vonLuca Guadagninolebt von der subtilen inszenatorischen Zurückhaltung der Darstellung einer „verbotenen“ Männerliebe und wirkt dabei wie aus der Zeit gefallen. Durch die langsame, unsichere Annäherung zwischen den beiden Protagonisten entsteht eine dramaturgische Spannung, die auch ohne größere dramatische Ereignisse auskommt. Hier droht keine Katastrophe, kein großer Knall oder sonst ein Unglück von außen. Die Geschichte erhält ihre anhaltende Spannung einzig und allein aus den Unsicherheiten der sich anbahnenden, verbotenen Liebe.

Dabei kommt der Film ohne allzu viele Worte aus. Die atemberaubend schön eingefangenen sommerlichen Landschaftsbildern sprechen für sich. Genauso wie die enormen darstellerischen Leistungen der beiden Protagonisten. Nicht ganz zufällig ist Chalamet bei den diesjährigen Acadamy Awards für einen Oscar in der Kategorie bester Hauptdarsteller nominiert.

Zwischen Coming Out und Coming-of-Age

Chalamet gelingt mit seiner Figur Elio eine präzise Charakterstudie, die auf eine faszinierende Art und Weise zwischen Coming Out und Coming-of-Age balanciert. Die scheinbare Beiläufigkeit, mit der er die Irrungen und Wirrungen der Liebe darstellt, sorgt für eine große emotionale Nähe beim Publikum. Jeder Zuschauer, ob Mann oder Frau, homo- oder heterosexuell, wird sich irgendwo mit diesem jungen Mann identifizieren können. Denn letztendlich geht es auch ganz allgemein um das verwirrende Gefühl des Verliebtseins.

Erst ganz zum Schluss spielen Worte dann doch noch eine große Rolle. Ein offenes Vater-Sohn-Gespräch über den wahren Wert von Gefühlen spricht aus, was vorher nur angedeutet wurde.

Regisseur Guadagnino erzählt nach dem Drehbuch von James Ivory die Romanvorlage von André Aciman nicht ganz zu Ende. Eine Fortsetzung ist aber angekündigt.