Roman „Unter der Drachenwand“ Bestsellerautor Arno Geiger: Flüchtlingswelle „Kompliment“ für Europa

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Roman über die Endphase des Zweiten Weltkrieges: Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger schildert in seinem neuen Roman „Unter der Drachenwand“ die Schicksale von Menschen im Krieg. Foto: dpaRoman über die Endphase des Zweiten Weltkrieges: Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger schildert in seinem neuen Roman „Unter der Drachenwand“ die Schicksale von Menschen im Krieg. Foto: dpa

Leipzig. Krieg und Flucht zerstören Vertrauen, höhlen das Private aus: Im Gespräch über seinen neuen Roman „Unter der Drachenwand“ spricht der Schriftsteller Arno Geiger über das Jahr 1944 und aktuelle Gefahren für den Frieden. Geiger präsentiert sein Buch auf der Leipziger Buchmesse 2018.

In Ihrem Roman „Unter der Drachenwand“ erzählen Sie von Menschen im Jahr 1944. Warum ist es wichtig, heute an die Endphase des Zweiten Weltkrieges zu erinnern?

Mir war aufgefallen, wie abstrakt wir mittlerweile über den Krieg sprechen. Die Jahrzehnte haben hier emotional vieles abgeschliffen. Darin lag für mich ein wichtiger Ansporn. Und die Literatur hat hier andere Möglichkeiten als die Geschichtsschreibung, die der Nachprüfbarkeit verpflichtet ist. Im Roman kann ich in einen emotionalen Raum betreten und versuchen, nachvollziehbar zu machen, wie sich ein Leben im Krieg anfühlt. Das hat für uns heute große Relevanz: sich unmittelbar zu vergegenwärtigen, wie Krieg auch abseits der Schlachtfelder das Private aushöhlt, Selbstvertrauen zerstört. Da ist es doch selbstverständlich, dass Menschen sich dem Krieg entziehen, weil Gestaltungsmöglichkeiten nicht mehr vorhanden sind. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, jeder Mensch hat den Wunsch, sein Leben zu planen und zu gestalten. Hier weiterlesen: Arno Geiger liest aus „Selbstporträt mit Flusspferd“,

Menschen, die sich dem Krieg entziehen: Dafür gibt es eine literarische Tradition von Alfred Andersch´ „Kirschen der Freiheit“ bis zu dem jüngst publizierten Roman „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz. Sehen Sie Ihr Werk im Kontext dieser Tradition?

Nicht wirklich. Und gleichzeitig, ja, klar, das Thema liegt auf der Hand, also eine untergründige Tradition. Es geht darum, die Situation der Bedrängnis literarisch zu verarbeiten. Die Romanfigur Veit Kolbe steckt seit fünf Jahren in der Uniform. Er ist ein geborener Zivilist. Ihm stellt sich die Frage nach eigenen Gestaltungsräumen. Und mit dieser Figur spüren wir den harten Kontrast zu unserer Gesellschaft, in der wir mit großen Freiheiten ausgestattet sind. Und dennoch stellt sich heute die gleiche Frage: Wie nutze ich die Freiheiten, die ich habe? Wir wissen ja, um nur ein Beispiel zu nennen, dass unser Verbrauch von Ressourcen nicht nachhaltig ist. Wir wissen, dass vieles unrecht ist, und trotzdem machen wir weiter. Was man im Leben versäumt, ist das Leben. Hier weiterlesen: Mehr als der gute Mensch von Köln? Heinrich Böll im Porträt.

Sie haben von jener Erinnerung an den Krieg gesprochen, die emotional abgeschliffen sei. Befürchten Sie, dass heute gerade deshalb die Versuchung wieder größer sein könnte, in neue Kriege einzutreten?

Jedenfalls sollten wir Krieg in seiner zerstörerischen Kraft auf keinen Fall verharmlosen. Das Jahr 1944 war auch ein Jahr des Umdenkens. Nicht nur meine Romanfigur Veit Kolbe begreift, dass man sich mit dem Teufel ins Bett gelegt hat und dass es gar nicht so einfach ist, aus diesem Bett wieder herauszukommen. Viele wollten das nicht wahrhaben. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Wilhelm Canaris oder Friedrich Olbricht, die späteren Widerstandskämpfer, waren zunächst einmal national orientierte Kriegsherren. 1943, 1944 begreifen viele erst so richtig, auf was sie sich da eingelassen haben. Ich jedenfalls würde empfehlen, sich in das Bett des Teufels gar nicht erst hineinzulegen. Aber der Mensch, wenn ihm zu wohl ist, geht auf das Eis. Hier weiterlesen: Erich Kästners Kriegstagebuch in neuer Ausgabe.

Sie konzentrieren Ihre Erzählung auf genau ausgeleuchtete Einzelschicksale. Gab es für diese Schicksale Anregungen oder gar Vorlagen? Woher kam der Stoff?

Ich habe für den Roman extrem viel gelesen, habe versucht, an Originaltöne heranzukommen, um ein Gefühl für diese Zeit zu bekommen. Das gab das Fundament, auf dem ich schreiben konnte, tausende Details. Auslösend war zunächst die Korrespondenz des Kinderlagers Schwarzindien am Mondsee. Darin gab den ersten Impuls, hat alles in Gang gesetzt - auch wenn ich letztlich eine fiktive Geschichte erzähle, ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern. Das ist eben das Großartige an Literatur, dass sie die Möglichkeit hat, einen fiktiven Raum zu betreten und zu gestalten. Ich versuche, von Dingen zu erzählen, die nicht recherchierbar sind. Ich kann mit Mitteln der Plausibilität arbeiten und bin nicht eng an die Quellen gebunden. Die Herausforderung für mich ist letztlich, dass die Figuren Atem und Pulsschlag bekommen. Hier weiterlesen: Wenn der Terror normal wird - „Leere Herzen“ von Juli Zeh.

Das bewegt ja auch den Leser, der wissen möchte, ob diese lebendigen Figuren mit dem Leben davonkommen.

Jede Romanfigur, ganz gleich, ob sie einmal gelebt hat oder erschaffen worden ist, hat Anrecht auf ein Leben. Man kann auch Anna Karenina die Existenz nicht absprechen. Das letzte Kapitel, das die Lebensläufe der Figuren weiterführt, ist notwendig. Ein offenes Ende des Romans wäre nicht schlüssig. Die Handlung liegt 74 Jahre zurück. Da ist die Zukunft nicht mehr offen. Hier weiterlesen: Nicht nur die „Deutschstunde“ - wie Literatur in Deutschland den Geist von 1968 prägte.

Sie erzählen von den posttraumatischen Angstschüben eines Soldaten, von den Opfern des Bombenkrieges mit „Ratten am Rock“. Wie haben Sie es ausgehalten, einer verheerenden Kriegszeit in ihrem Schreiben selbst so nahe zu sein?

Ich bin beim Schreiben der Stellvertreter meiner Figuren. Im Gegensatz zum Historiker bin ich bei der Handlung anwesend. Ganz unbeschadet habe ich diesen Teufelskreis nicht betreten. Unter der Drachenwand war eine sehr intensive Arbeit. Ich musste oft aufstehen und einmal um den Tisch gehen oder etwas anderes machen, um ein wenig Distanz zu bekommen. Und trotzdem würde ich diesen Erfahrungsraum jederzeit wieder betreten, weil ich glaube, dass er meinen Blick auf die Welt geschärft hat. Meine Figuren sind mir so nahe gekommen. Ich weiß mehr über sie als über meine Geschwister, die mir das Intimste nicht erzählen. Meine Figuren geben dieses Intimste preis.

„Unter der Drachenwand“ handelt auch von einer Sommerfrische mitten im Krieg. Die Figuren leben in einer Zwischenzeit, im Schatten großer Konflikte. Sehen Sie darin Parallelen zur Situation heute?

Das weiß ich nicht. Für mich war beim Schreiben aber klar, dass der Mensch ein unzerstörbares Bedürfnis nach Sicherheit hat, nach Geborgenheit und Halt. In dieser äußersten Bedrängnis wissen die Figuren des Romans, dass sie nichts aufschieben dürfen. Sie haben ein starkes Bewusstsein der Zerbrechlichkeit ihrer selbst. Das Bedürfnis nach einem Glücksmoment, nach Menschen, die zugewandt sind. Dieses Werts sozialer Beziehungen sind wir uns oft nicht ausreichend bewusst. Alles scheint verfügbar zu sein. Das ist aber nicht so. Alles ist zerbrechlich. Wir sind uns der Bedeutung und des Werts unseres Alltags nicht mehr bewusst. Hier weiterlesen: Über welche Bücher werden wir reden? Ein Ausblick auf das Literaturjahr 2018.

Menschen mit einem Bedürfnis nach Sicherheit: Müssen wir heute in dieser Hinsicht nicht gerade auf die vielen Flüchtlinge sehen?

Unbedingt. Das ist der Grund, warum sie zu uns kommen. Darin liegt ja auch ein Kompliment, weil sie unsere Gesellschaften als stabil ansehen. Diese Menschen wissen Rechtsstaatlichkeit zu schätzen. Aus ihren Herkunftsländern sind sie eher Willkür und Unsicherheit gewohnt. Es ist so menschlich, an einem Ort leben zu wollen, an dem man Sicherheit erfährt. Krieg - Bedrängnis von heute auf morgen - unterhöhlt alles, auch das Privateste. Das reicht in alle Beziehungen hinein, weil Unsicherheit und Angst langfristig jede Persönlichkeit aufweichen. Hier weiterlesen: Der Blechtrommler Günter Grass als sehr junger Mann.

Man weiß nicht, wer in diesem Roman gefährlicher ist, die alliierten Bomber oder die ideologisch radikalisierten Volksgenossen. Analysieren Sie nicht auch eine Gesellschaft im Zustand der Entsolidarisierung?

Ja, sicher. Letztlich halte ich den Menschen eher für eigennützig. Solidarität existiert nicht per se. Es ist ein beständiger Kampf, und wir können immer nur versuchen, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass alle von gegenseitiger Solidarität profitieren, und zwar alle. Das schafft für uns alle Lebensqualität. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden.

Populisten versuchen heute aber, den Menschen das Gegenteil zu vermitteln, oder?

Die Figur des Brasilianers sagt im Roman, dass es leichter ist, die Menschen zu Hass anzustacheln, als sie zu Liebe und Achtung zu bringen. Der Nachsatz lautet: Eine Ahnung davon schlummert in jedem Menschen. Und diese Ahnung schlummert wirklich in jedem Menschen. Deshalb ist es immer lohnend, an diese Ahnung zu appellieren.

Auf der Leipziger Buchmesse werden Sie ihr neues Buch in Gesprächen und Lesungen vorstellen. Was bedeutet für Sie das Format der Lesung?

Mit einem neu erschienenen Buch sind Lesungen Teil des Abschiednehmens. Ich bekomme das Buch gespiegelt in den Leseerfahrungen anderer Menschen. Bis zum Erscheinen gehört mir ein Buch ganz allein. Aber irgendwann muss ich loslassen. Und für die Zuhörer sind Lesungen eine Möglichkeit, in einen Text hineinzuhören, sich vom Autor ein Bild zu machen. „Leipzig liest“ bietet hier ein so vielfältiges Angebot, dass ein komplexes Panorama der aktuellen Literatur entsteht. Und natürlich gehe ich nicht nur auf Lesereise, um vorzulesen. Ich spreche sehr gerne über Literatur, darüber, wie ich arbeite, wie, warum ich in einer bestimmten Weise geschrieben habe.

Und Sie werden damit frei für das nächste Buch?

Das Schreiben speist sich aus der Neugier, nicht aus Besserwisserei. Ich möchte die Welt immer wieder aus einer neuen, unvertrauten Perspektive betrachten. Wenn ein Buch dann hinter mir liegt, ist es Teil eines Lebensabschnittes, der vergangen ist.


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