NRW Forum: „Pizza is God“ Heilige Scheibe! In Düsseldorf wird die Pizza Kunst

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Düsseldorf. Jetzt wird auch noch die Pizza zur Kunst. Das Düsseldorfer NRW Forum feiert den gebackenen Teigfladen in einer eigenen Ausstellung. Künstler feiern die Pizza als perfektes Symbol der Internetgeneration.

Die Welt ist eine Kugel. Wirklich? In Wirklichkeit ist sie eine Scheibe, misst bis zu 35 Zentimeter im Durchmesser und kommt aus einem fast 500 Grad heißen Backofen. Als „die heilige Scheibe, die alle vereint“, hat die Band „Antilopen Gang“ die Pizza 2017 hymnisch besungen. Im gleichen Jahr schaffte der gebackene Teigfladen auch den Sprung auf die Unesco-Liste des immateriellen Welterbes. Und jetzt der Auftritt im NRW Forum. Bilder, Skulpturen und Installationen von 30 Künstlerinnen und Künstlern erheben nun den kreisrunden Snack zur Hochkultur. Ist das eine längst überfällige Tat oder schlicht Kunst im Modus der Beliebigkeit? Die Ausstellungsmacher sprechen glatt von nichts weniger als der „Mythologie der Pizza“. Wie gut, dass es mancher Künstler mit seinem Ausstellungsbeitrag ein gutes Stück ironischer angehen lässt. Hier weiterlesen: Tulpen für die Terroropfer? Streit um Skulptur von Jeff Koons.

Pizza aus Styropor

Tom Friedman zum Beispiel klatscht die Teigscheibe als riesiges, bunt bemaltes Styroporobjekt an die Ausstellungswand. Kreisrunde Salamischeiben, grüne Paprikaringel, schwarze Olivenspots werden zu Elementen einer abstrakten Bildkomposition verfremdet. Oder Daniel van Straalen. Der stapelt für sein Werk „Studio Life“ in staubtrockener Manier helle Pizzakartons zu drei deckenhohen Türmen und ahmt so mit dem Allerweltsbehältnis als modularem Baustein Skulpturen der Minimal Art ironisch nach. Lars Bent Petersen legt das Double eines offenen Kartons mit Pizzarest in eine Raumecke. Das täuschend echt aussehende Objekt aus Epoxidharz, Polystyrol, Emaille und Ölfarbe macht aus dem verschmierten Essensrest ein raffiniertes Kunstwerk. So weit, so gelungen? Hier weiterlesen: Der Rebell aus der Subkultur - Frankfurt zeigt den Maler Jean-Michel Basquiat.

Konsum im Museum

Mit „Pizza is God“ präsentiert das NRW Forum eine klassische Themenausstellung, die gleich an mehrere Traditionslinien der jüngeren Kunstgeschichte anschließt. Wer ein Allerweltsessen zum Gegenstand der Kunst macht, schließt nicht nur Alltag und Hochkultur kurz, sondern holt auch den Konsum in das Museum und befragt Nahrung als Kulturphänomen. Claes Oldenburg hatte schon 1961 in seiner Installation „The Store“ Hamburger, Eisbecher und Tortenstücke aus mit Gips überzogenem Musselin präsentiert. Das Konsumprodukt als verfremdeter Wiedergänger: Mit diesem Konzept leistete die Pop Art Kritik an der Konsumgesellschaft. Die aktuelle Pizza-Kunst will nicht mehr kritisieren. Sie reflektiert eine Welt, in der Konsum Normalität signalisiert und Lebenssinn liefert. Das Problem: Kunst wird hier auf die bloße Belegstelle der Netzkultur reduziert.

Essensrest als Kunstobjekt: Das Kunstwerk Unregistered Work (Bonus) von Lars Bent Petersen aus dem Jahr 2006. Foto: dpa

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Zeichen der Netzkultur

Die Ausstellungsmacher feiern die Pizza nun als „Leibspeise der Internetgeneration“. Als wortwörtlich runde Sache passt die Pizza perfekt in die Netzkultur der Likes, sie gehört zum Standardangebot der digital georderten Lieferservices. Auf dem Sofa sitzen, chatten oder surfen und dabei Stücke einer vorab geschnittenen Pizza verspeisen - so funktioniert der Lifestyle der Netzgeneration. Die Backware passt zu einer Lebenswelt des „Alles gut“, in der User ständig nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer Kommunikation suchen. Die Pizza bedient dieses soziale Bedürfnis so perfekt, dass sie von der Band „Antilopen Gang“ prompt in den Rang einer die Welt rettenden Macht erhoben werden konnte. Kein Wunder. Auf den immer gleichen Teigboden passen viele Beläge. Weil sie die Ideen von Standard und Personalisierung verbindet, avanciert die vermeintlich simple Pizza unversehens zum kulturellen Symbol. Hier weiterlesen: Liebesrausch auf Goldgrund - Gustav Klimt im Porträt.

Weltscheibe in der Hand

Die Düsseldorfer Ausstellungsmacher walzen diese Ideen wie einen flachen Pizzateig aus. Sie präsentieren Spencer Sweeneys ironisches Gemälde „Pizza God“, auf dem ein antiker Gott die Pizza wie eine Weltscheibe in der Hand balanciert. Sie zeigen die Pizza als bemalte Holzscheibe, mit der Martin Kippenberger 1993 die Dripping-Malerei von Jackson Pollock parodierte. Und sie bringen den „Pizza Voyeur“ von Paul Brasch an die Wand, ein Gestänge mit einer Pizza als Auge einer Überwachungskamera. In welcher Gestalt auch immer - als kreisrundes Gebilde liegt die Pizza nicht nur millionenfach auf dem Teller, sie kreiselt auch durch das Universum einer globalen Verbrauchskultur. Die Pizza: Prägnanter kann eine Mahlzeit nicht sein, indifferenter auch nicht. So wie diese Ausstellung.


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