Berlinale 2018 Nackter Bär: Die Sex-Doku „Touch me not“ siegt

Von Daniel Benedict

Keine Angst vor Intimität: das Team des Preisträgerfilms „Touch Me Not“: Hanna Hofmann, Seani Love, Dirk Lange, Adina Pintilie, Christian Bayerlein, Laura Benson, Grit Uhlemann, Tomas Lemarquis. Foto: Maurizio Gambarini/dpaKeine Angst vor Intimität: das Team des Preisträgerfilms „Touch Me Not“: Hanna Hofmann, Seani Love, Dirk Lange, Adina Pintilie, Christian Bayerlein, Laura Benson, Grit Uhlemann, Tomas Lemarquis. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Berlin. Die 68. Berlinale endet mit einem Votum für extreme Intimität: Überraschend geht der Hauptpreis an die Sex-Doku „Touch Me Not“. Kommt das Festival mit diesem Wettbewerb aus dem Kreuzfeuer der Kritik?

Berlinale im Zeichen von #MeToo

Am Eröffnungstag der Berlinale fokussierte die #MeToo-Debatte nur noch den roten Teppich. Sollte man ihn als Zeichen gegen Missbrauch schwarz einfärben, wie die Schauspielerin Claudia Eisinger und 23450 Unterzeichner per Petition forderten? Sollten Frauen ihn mit flachen Schuhen betreten, um dem Patriarchat eins auszuwischen, wie ihre Kollegin Anna Brüggemann vorgeschlagen hatte? Der Teppich blieb rot; Greta Gerwig beschritt ihn ungerührt mit einem goldfunkelnden Gaze-Kleid – und bleibt als eine von nur fünf Regisseurinnen, die je für den Oscar nominiert wurden, trotzdem eine der großen Hoffnungen für Frauen in Hollywood.

Fragen von Macht und Geschlecht prägten die 68. Berliner Filmfestspiele – von der Podiumsdiskussion über Robert Pattinsons komödiantischen Wildwest-Stalker in „Damsel“ bis hin zum Auftritt von Kim Ki-Duk. Eine Schauspielerin hatte dem Regie-Star sexuelle Gewalt vorgeworfen; zumindest für eine eingestandene Ohrfeige musste er eine Strafe zahlen.

„Touch me not“: Wie kam es zu diesem Goldenen Bären?

Am Ende steht nun – völlig überraschend – der Goldene Bär für Adina Pintilies „Touch Me Not“. Der Siegerfilm führt die Diskussion um Sexualität und Selbstbestimmung vom Teppich zurück auf die Leinwand: Pintilie begleitet Behinderte, Haarlose sowie Menschen mit Berührungsekel zu Experten die Sexworker, Therapeuten oder beides zugleich sind. Höhepunkt ist der Gruppensex im Lederclub. Die Rumänin fordert ihr Publikum nicht nur mit Bildern von Erektionen und einem Gelähmten, der beim Sex hintüberkippt, sondern auch mit der involvierenden Erzählweise: Unser Blick ist es, an dem die Protagonisten hier über sich hinauswachsen. Wer das aushält, erlebt Intimität als komplexe Angelegenheit, über die wir viel weniger wissen, als die zur Vereindeutigung neigende Debatte derzeit glauben macht. Ein guter Film ist „Touch Me Not“ trotzdem nicht: Der Mix aus Doku und Inszenierung gibt die Bekenntnisdramaturgie der Beliebigkeit preis. Dazu kommen die eitle Selbstthematisierung der Filmemacherin und ihr fataler Wunsch, am Ende doch noch alles künstlich abzurunden.

Am Publikum geht der Hauptpreis genauso vorbei wie an der Kritik. Dafür stärkt er das Selbstbild der Berlinale, die diesmal mit sich selbst und mit der #MeToo-Thematik rang. Dem offenen Brief zur Nachfolge von Festival-Chef Dieter Kosslick hatte Jury-Präsident Tom Tykwer die Unterschrift verweigert. Mit dem Goldenen Bären für das Erotik-Experiment stärkt er nun sogar eine der Traditionslinien des Festivals: den Rang als Forum für Gender-Trouble und queere Kunst. Um es im kommenden Jahr, das Kosslicks letztes sein soll, aus der Diskussion zu holen, reicht das nicht.

„Wild und sperrig“? Das restliche Extremkino geht leer aus

Die Thematik scheint hier ohnehin wichtiger gewesen zu sein als Tykwers vorab geäußerter Wunsch nach „wilden und sperrigen“ Filmen. Die übrigen Extrempositionen des Wettbewerbs hat die Jury jedenfalls konsequent ignoriert. Dabei waren sie eine Stärke des oft als lasch kritisierten Wettbewerbs: Lav Diaz’ vierstündiges Musical über das Marcos-Regime („In Zeiten des Teufels“), Philip Grönings dreistündige Philosophiestunde „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, Erik Poppes Reenactment des Breivik-Massakers („Utøya 22. Juli“) – all diese polarisierenden Filme überzeugen die Juroren nicht. Stattdessen vergeben sie den Großen Preis der Jury an Małgorzata Szumowskas „Twarz“ – eine Satire über das katholische Provinzpolen, deren leichte Konsumierbarkeit die zweitwichtigste Berlinale-Auszeichnung wie eine Entschuldigung für den Hauptpreis aussehen lässt. Ein absolutes Liebhaber-Werk holt den Silbernen Bären für die beste Regie: Wes Andersons Puppentrick-Film „Isle of Dogs“.

Berlinale als Wegbereiter für Geheimtipps

Andersons Hunde hätten die Fährte ins Kino auch allein erschnüffelt, für die übrigen Preisträger übernimmt die Berlinale die gute Funktion des Wegbereiters: Marcelo Martinessis behutsames Porträt „Las herederas“, das von der späten Selbstfindung einer lesbischen Frau erzählt, hat dank zweier Bären, einer für Hauptdarstellerin Ana Brun, die Chance auf ein großes Publikum. Der Bär für Anthony Bajons Darstellung eines jugendlichen Junkies leistet dasselbe für Cédric Kahns „La Prière“. Beide Filme verdienen die Empfehlung genauso wie Alexey Germans Schriftsteller-Biografie „Dovlatov“ – auch wenn hier der Fokus auf der Ausstattung von Elena Okopnaya willkürlich wirkt. Größtes Ärgernis dieses Jahres bleibt die Gleichgültigkeit, mit der Christian Petzolds exzellentes Fluchtdrama „Transit“ übergangen wurde. Er lohnt natürlich auch ohne Preis die Sichtung. Der deutsche Filmstart ist am 5. April.