Tops und Flops Goldbär und Blechbär: Die Berlinale-Favoriten

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Berlin. Am Samstagabend vergibt die Jury unter Tom Tykwer den Goldenen und die Silbernen Bären der 68. Berlinale. Unsere Kritiker legen sich schon vorab fest und küren ihre persönlichen Tops und Flops des Wettbewerbs.

Ein leiser, unaufdringlicher Film könnte am Ende der große Gewinner sein: In „La Prière“ (Das Gebet) beschreibt Regisseur Cédric Kahn eine katholische Männergemeinschaft in den französischen Alpen, in der drogenabhängige junge Erwachsene eine letzte Chance bekommen. Zu ihnen zählt auch der zurückhaltende Thomas (Anthony Bajon), der sich zunächst widerwillig in das strenge Reglement einfügt. Ohne religiösen Firlefanz und ohne soziale Romantik erzählt der Film die Geschichte einer Rückkehr ins Leben. Mit einem jungen Darsteller, der diese Wandlung zurückhaltend und intensiv verkörpert. Sollte „La Prière“ am Ende der Goldene Bär versagt bleiben, so ist doch Anthony Bajon ganz sicher der erste Anwärter auf den Silbernen Bären für den besten Darsteller. kg

Eine Enttäuschung war die Hochstaplergeschichte „Eva“, obwohl mit Isabelle Huppert sehr prominent besetzt: Ein schriftstellerischer Scharlatan sucht Inspiration ausgerechnet bei einer Edelprostituierten (Huppert), die er zu wahrer Liebe zu verführen sucht – eine langatmige Geschichte eines angekündigten Untergangs. Der Emporkömmling hat gegen die selbstbewusste Eva nicht den Hauch einer Chance. Der Film fantasiert über wahre Liebe, die im wahren Leben nicht mehr zu finden ist. Dieser Fantasie wollte auf der Berlinale niemand folgen. kg

Bei der Auszeichnung für die beste Schauspielerin kommt die Jury nicht an Marie Bäumer vorbei. „3 Tage in Quiberon“ zeichnet das Treffen der damals 42 Jahre alten Romy Schneider mit einem Reporterteam des „Stern“ im Frühjahr 1981 nach. Grandios spiegelt Marie Bäumer die enormen Stimmungsschwankungen der Schauspielerin in dieser Phase ihres Lebens. Vom einen auf den anderen Moment wird aus Lachen Weinen, aus Lebensdrang tiefste Bedrückung. So entsteht das Bild einer erschöpften Frau in der Krise, die verzweifelt versucht, die Fäden ihres Lebens in den Händen zu behalten. kg

Christian Petzold erzählt im Marseille der Gegenwart vom Zweiten Weltkrieg, er findet in Seghers’ Romanvorlage seine eigenen Kernthemen und sieht Flucht als individuelle Krise und zugleich als existenziellen Grundzustand: Formal und thematisch zählt „Transit“ zu den reichsten Filmen des Wettbewerbs; wenn der Jury-Präsident Tom Tykwer sich als Landsmann Petzolds nicht zu befangen fühlt, sind die Chancen auf den Goldenen Bären hoch. dab

Eine Entdeckung war für mich Ana Brun, die sich in Marcelo Martinessis „Las herederas“ nach einem langen Leben an der Seite ihrer Partnerin neu entdeckt. Wie eine südamerikanische Deneuve spielt Brun eine ebenso standesbewusste wie empfindliche Dame, die als Taxifahrerin sprichwörtlich ihren biografischen Radius verlässt. Milan Maric spielt als Alexey Germans „Dovlatov“ einen russischen Schriftsteller der durch das Intellektuellen-Dasein Leningrads treibt wie Marcello Mastroianni durch „La Dolce Vita“ – nur dass das Nichtstun hier nicht süß ist, sondern eine Folge von Breschnews restriktiver Kulturpolitik. Zwischen Fellini und Tarkowski angesiedelt, hätte auch der Film selbst jeden Preis verdient. dab

Regisseure wie Małgorzata Szumowskas („Twarz“) und die Zellner-Brüder („Damsel“) blieben hinter ihren eigenen Filmen zurück. „Utøya 22. Juli“ überschätzt sich bei der Einfühlung in die Opfer Breiviks. Den Ehrentitel des Berlinale-Flops sollte aber ein Werk tragen, das uns mit voller Absicht quält: Philip Grönings „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ unterwirft zwei Geschwister einer verkopften Versuchsanordnung: Frei nach Heidegger wollen sie Ideen aus der Langeweile entwickeln. Die Kontrollgruppe des Experiments sind die Zuschauer, die sich volle drei Stunden mitlangweilen. Gut möglich, dass der Film einen Bären kriegt. Er ist durchdacht, entschlossen und radikal; an mir persönlich ist er allerdings auch radikal vorbeigegangen. dab


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