„Blaues Buch“ in neuer Ausgabe Erich Kästners Tagebuch des Dritten Reiches

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. „Das Blaue Buch“ ist ein Dokument im doppelten Sinn – für den Alltag während des Zweiten Weltkrieges und für das Scheitern eines Romanprojektes. Jetzt liegt Erich Kästners Tagebuch aus den Jahren 1941 bis 1945 in einer neu edierten Ausgabe im Atrium Verlag vor.

Er notiert Arbeitstitel, listet Charaktere auf, entwirft Situationen, ordnet die Chronologie. Aber Ideen und Gliederungsentwürfe helfen nichts. Erich Kästner schreibt ihn nie, den großen Roman über das Dritte Reich. Dabei entscheidet sich der Autor nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bewusst dafür, im Land zu bleiben und Zeitzeuge zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ist Kästner bereits arriviert. Mit Büchern wie dem Lyrikband „Herz auf Taille“ (1928), dem Kinderbuch „Emil und die Detektive“ (1929) oder dem zeitkritischen Roman „Fabian“ (1931) ist er berühmt geworden. Für die nächsten Jahre wird aber ein anderes Buch sein wichtigstes Buch sein, ein Buch mit lauter leeren Seiten. Hier weiterlesen: „Deutschstunde“ und „Christa T.“: Wie Literatur in Deutschland den Geist von 1968 prägte.

Notizen aus dem Alltag

Das Buch mit dem blauen Einband ist eigentlich ein Blindband, der keine andere Aufgabe hat, als die technische Machart einer neuen Publikation zu demonstrieren. Kästner aber vertraut den blanken Seiten seine Notizen aus dem Alltag des Dritten Reiches an. Beobachtungen über kleine und große Ungerechtigkeiten, Flüsterwitze über Hitler und Goebbels, Notizen über den Luftkrieg, Nachrichten von den Gräueln in Konzentrationslagern – Erich Kästner schreibt auf, was er sieht, hört, liest. Vom 16. Januar 1941 bis zum 29. Juli 1945 reichen die Notizen, aus einem Land, auf dem der Terror lastet, das im Krieg versinkt – und von Menschen, die sich mit Witzeleien Luft verschaffen oder sich umgekehrt im Fanatismus verbeißen. Hier weiterlesen: Gegen Antisemitismus - Hans Joachim Schädlich im Interview.

Aktenmappe in Griffweite

Kästner ist das Blaue Buch kostbar. Er hat es immer in Griffweite, in einer „Aktenmappe, die ich kaum noch aus den Händen ließ“. Kein Wunder. Er hortet seine Notizen wie einen Schatz. Sie sollen der Stoff sein, aus dem der Autor seinen Roman über das Dritte Reich formen wird. Wegen dieses Projektes harrt er aus in der Winterkälte des inneren Exils. Und in einem Leben, das sich mit jedem Kriegstag mehr und mehr zur schalltoten Echokammer einer Gesellschaft in totaler Gleichschaltung verengt. „Ich dachte an einen großen Roman. Aber ich habe ihn nicht geschrieben“, gesteht Kästner später ein. Für ihn verweigert sich das große Grauen von Krieg und Holocaust jeder künstlerischen Formbarkeit. Ein „deformiertes blutiges Adreßbuch“ will er nicht aufschreiben. Das wäre aber im Hinblick auf die Opferzahlen von Krieg und Holocaust der einzige Weg. Hier weiterlesen: Ein Ausblick - Was bringt das Literaturjahr 2018?

Text neu übertragen

Der Germanist und Kästner-Experte Sven Hanuschek hat jetzt das Kriegstagebuch Erich Kästners neu ediert. Die präzis gemachte Edition bietet nicht nur den aus der Gabelsberger’schen Kurzschrift neu übertragenen Text, sondern nützliche Anmerkungen sowie die Romankonzepte Kästners sowie Hinweise zu Literatur und ein Personenregister. Das Blaue Buch wird so zur Fundgrube zeitgeschichtlicher Erinnerung, aber auch zum Lehrstück zu der Frage, ob künstlerische Kreativität unter einer Diktatur überhaupt möglich sein kann. Kästner reagiert in seinen Notizen mit dem vom ihm gewohnten lakonisch-witzigen Ton auf die Geschehnisse im Dritten Reich. Angesichts der Berichte aus den Konzentrationslagern bricht seine ironische Distanz aber zusammen. Aus seinen Zeilen zu den Geschehnissen in den Todeslagern ist noch Jahrzehnte später Kästners ganze Fassungslosigkeit herauszuhören. Hier weiterschauen: 50 Jahre 1968 - das Protestjahr in Bildern.

Die Distanz fehlt

Seinen Roman über das Dritte Reich hat der Autor nicht geschrieben. Die Edition zeigt, warum. Kästner mag ein aufmerksamer Beobachter sein, aber gerade in der Nahsicht auf den Alltag der Diktatur fehlt ihm jene Distanz, die ein Schriftsteller braucht, um aus der Fülle der Fakten die künstlerische Idee für einen Roman zu entwickeln. Die großen Romane jener Zeit gelingen den Emigranten – ob als Tiefenlotung in deutscher Geistesgeschichte (Thomas Manns „Doktor Faustus“), als politische Alternative (Heinrich Manns „Henri Quatre“) oder Exilroman (Lion Feuchtwangers „Exil“ und Anna Seghers’ „Transit“). Kästner fehlt jene Distanz, die er gebraucht hätte, um eine Kritik der Diktatur formulieren zu können. Hier weiterlesen: Meisterwerk aus dem Nachlass - „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz.

Für die Erinnerungskultur

Immerhin brachte er 1961 sein Erinnerungsbuch „Notabene 45“ heraus. Für diesen Text verarbeitete Kästner seine Tagebuchnotizen und avancierte mit diesem, kurz vor dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess publizierten Buch zum Schrittmacher bundesdeutscher Erinnerungskultur. „Wir müssen zurückblicken, ohne zu erstarren. Wir müssen der Vergangenheit ins Gesicht sehen“, heißt es in „Notabene 45“. Kästners Mahnung ist unvermindert aktuell. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden.


Erich Kästner in der Zeit des Krieges: Notizen aus seinem Tagebuch

15. Juli 1941: „Münster soll dem Erdboden gleichgemacht worden sein. Ein einziger Lufttorpedo zerstöre zirka fünfunddreißig Häuser bis zur Grundmauer.“

18. Februar 1943: „Von den Judenerschießungen im Osten erzählte jemand, dass vorher ein SS-Mann mit einem Pappkarton von einem zum anderen geht und ihnen die Ringe und Ohrringe abzieht.“

10. August 1943: „Die Zivilisation macht immer neue Fortschritte. Nun fahren also schon Phosphor-Sprengwagen durch die Lüfte!“

1. September 1943: „Ein neues Tischgebet von uns: Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und iss mit uns, wenn du Marken hast.“

4. Mai 1945: „Die Sportlehrerin der Lehrerinnenbildungsanstalt soll, wie die Freundin Lizius berichtet, ganz außer sich sein. Am liebsten möchte sie jeden Soldaten anspucken, der nicht mehr weiterkämpft. Es wird schwer halten, aus diesen mit falschen Idealen aufgezogenen Nibelungen wieder realitätsnahe anständige Menschen zu machen.“