Porträt einer Angstbürgerin „Munin oder Chaos im Kopf“: Neuer Roman von Monika Maron

Von Thomas Schaefer

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Osnabrück. In ihrem neuen Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ thematisiert Monika Maron die Stimmungslage der Angstbürger. Allerdings ist ihre Bestandsaufnahme unsachlich und irrational.

Sie beklagt „die ständig wachsende Zahl menschlicher Geschlechter“ und den „Irrsinn genderspezifischer Sprachverhunzung“ als „eine Art von Krieg, den eine Horde von Fanatikern in unbegreiflicher Anmaßung der Sprache erklärt hatte“. Zuvörderst sorgt sie sich aber immer wieder, „dass afrikanische Stammes- und Religionskriege in Deutschland einziehen könnten“, angezettelt durch „die Millionen Söhne Afrikas“, welche „ohne Aussicht auf Erbschaft oder einträgliche Arbeit als Krieger oder Glückssucher in die Welt ziehen“. Ist die so sprechende Mina Wolf, Erzählerin in Monika Marons neuem Roman, als Karikatur einer überforderten Angstbürgerin angelegt?

Eher nicht, schließlich repetiert sie Thesen, wie sie Maron selbst in journalistischem Kontext publiziert hat, beispielsweise als sie im Juni 2017 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erklärte, dass sie „Angst vor dem Islam“ habe, vor den „blutrünstigen Verbrechen, die im Namen der Religion begangen werden“, dass sie nicht nur „die sperrangelweit geöffneten Grenzen“ ablehne, sondern auch, dass „Meinung und Sprache zensiert“ werden. Unzensiert erzählt die 1941 geborene Autorin Maron nun von der Autorin Wolf, die an einem Vortrag über den Dreißigjährigen Krieg arbeitet und dabei Parallelen zu entdecken meint: Probleme, die einst in die Katastrophe führten, gelten ihr auch als Symptome „unserer Vorkriegszeit“: „Klimawandel, Wassermangel, Hunger, Verdoppelung der Bevölkerung in fünfzig oder sogar dreißig Jahren, und die Religionen, natürlich die Religionen“.

Über all das unterhält sie sich mit einer Krähe, deren Zuneigung sie gewonnen und die sie nach einem Begleitraben Odins Munin genannt hat. Die Welt und Gott , dass wir laut Munin „ein schlechtes Geschäft gemacht haben, als wir unser tierisches Genie gegen das bisschen Verstand eingetauscht haben“, sind Themen der vorwiegend nachts stattfinden Unterhaltungen. Den Tag verbringt Mina schlafend in ihrer Wohnung, weil eine verrückte Nachbarin sich dann auf dem Balkon aufhält und durch lauten Dauergesang die Gesellschaft peinigt – was zu einer dramatischen Spaltung derselben in tolerante Gutmenschen und Verfechter einer rigiden Lösung führt.

Minas Vortrag wird vom Auftraggeber als „zu pessimistisch und düster“ abgelehnt. Vorbehalte gegenüber Marons Roman hingegen betreffen nicht dessen Pessimismus, sondern seine postfaktische Irrationalität. So hat Mina erfahren, „dass man unter massivem Protest der linken Bewegung achtzehn von den Millionen jungen Männern, die man zuvor ins Land gelassen hatte, nun wieder in ihre Heimat befördert hatte, achtzehn von einer Million.“ Millionen? Eine Million? Es kommt halt nicht so an auf Zahlen und Genauigkeit im Detail, auch nicht darauf, zu erklären, was eigentlich mit Afrika gemeint ist, ob wirklich all die „Millionen“ junger Männer Moslems sind. Ob beim Schreiben von Romanen oder Zeitungsartikeln: Ein kühler Kopf kann manchmal helfen, das gedankliche Chaos ein wenig einzudämmen.


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