Interview mit Ulrich Khuon Theater wirkt in den Leer- und Zwischenräumen

Von Christine Adam

Versteht Theater als radikale Form von Sozialem: Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Foto: Klaus Dyba PhotographyVersteht Theater als radikale Form von Sozialem: Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Foto: Klaus Dyba Photography

Osnabrück. Ulrich Khuon, seit 2009 Intendant des Berliner Deutschen Theaters, ist seit 2017 Präsident des Deutschen Bühnenvereins und verleiht in dieser Funktion auch den undotierten Theaterpreis „Der Faust“. Wir sprachen mit ihm über den letzten „Faust“-Jahrgang vom November 2017, die aktuelle und künftige Rolle von Theater – in einer Demokratie auf „schlingernder Fahrt“, wie er sagt.

Was sagt der aktuelle Jahrgang des Theaterpreises „Der Faust“ über das derzeitige Verhältnis von Theater und gesellschaftlicher Wirklichkeit aus?

Das wesentliche Gewicht des „Faust“ liegt vielleicht im Bewusstsein von uns allen für die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Theater, aber auch der Notwendigkeit, sich einzumischen. Kennzeichnend dafür gab es den Lebenswerkpreis für Elfriede Jelinek.

Setzt das Bemühen um die drängenden Fragen der Gegenwart neue ästhetische Zugänge und Formate frei?

Wir haben derzeit eine ungeahnte Vielfalt an Theaterformen. Wobei sich die politische Dimension von Theater nicht immer in direkte politische Wirksamkeit umsetzt, also beispielsweise agitatorisch oder belehrend wirkt. Theater vermag gesellschaftliche Wirklichkeit tiefer auszuloten oder auch infrage zu stellen. Formate der Recherche und des Dokumentarischen leisten hier schon seit Jahren einen erheblichen Beitrag. Noch tiefer hinein in die Verschmelzung der Wirklichkeit des Zuschauers mit dem Dargestellten gehen die Formen des immersiven Theaters. Das Publikum macht Erfahrungen, indem es Teil des theatralen Ereignisses wird. Wir spüren aber auch, dass wir die artistischen Wege der Bühne nicht aus den Augen verlieren dürfen. Elfriede Jelineks „Wut“ oder Christoph Marthalers Inszenierung von „Lulu“ sind eminent politisch, indem sie einer brachialen , dann wieder sehr verletzlichen Wirklichkeit von Masse und Vereinzelung eine Form geben. Die Theaterkunst sucht sich also immer neue Wege, auf denen wir neu denken und fühlen lernen. Oft sind es die Zwischenräume, die Leer-Räume jenseits einer direkt abbildbaren Welt.

Ist das Theater ein Raum, in dem man ohne Druck Meinungen und Vorurteile überprüfen kann?

Man hört dort mehr zu, glaube ich. Ich würde behaupten, dass man sich in den Künsten nicht gleich auf eine Seite schlagen muss. Wenn man politische Talkrunden anschaut und den Riesendruck erlebt, innerhalb von Minuten zu Haltungen zu kommen, ist es bei der Kunst gerade umgekehrt. Da macht man eine Tür in einen Raum auf. Deshalb hören und schauen die Leute auch so gern zu, weil sie nicht genötigt werden, sich innerhalb von Sekunden mit dem Einen oder Anderen zu solidarisieren.

Sie haben selbst einmal vom Theater als Schule der Demokratie gesprochen. Ist das Theater ein geeigneter Ort, um aufklärerische Werte fortzuentwickeln?

In der Demokratie verbinden sich Offenheit für Andersdenkende mit der Bereitschaft für die eigene Haltung einzustehen und für sie zu werben. Im Theater können wir beides: eine Haltung erleben und dennoch Welten erfahren, die darüber hinausreichen. Das heißt, unsere Haltung muss immer wieder überprüft werden. Theaterkunst selbst geht nur in der Gruppe und ist eine radikale Form des Sozialen. Gerade darin liegt aber auch eine Gefahr. Soziale Systeme sind immer zerbrechlich, durch Machtallüren und –ansprüche zu gefährden. Wir müssen also genau hinschauen und überprüfen, wo solch ein Machtmissbrauch betrieben wird.

Man muss ja auch nicht immer Angst vor Fragen haben. Angst verhindert Kommunikation.

So ist es, Angst macht enger, defensiv, weil man sich dann abschließt und abschottet. Die neuen nationalen Bestrebungen haben ja mit einer solchen Angst vor dem Fremden zu tun. Plötzlich gibt es etwas, in dem ich größer werde, indem ich dazugehöre. Das bannt die Angst. Man kann sie aber auch auf anderen Wegen bannen. Ich glaube, dass Angst nur im sozialen Kontext besiegbar ist. Aber das muss nicht in irgendeiner nationalen Bindung geschehen, es kann auch eine offene Stadtgesellschaft sein. Aber sie muss erfahrbar sein. Denn wenn in unserer Gesellschaft zu wenig Gemeinschaft erfahrbar ist, dann ist das ein Problem.

Verhindert nicht das allgegenwärtige Digitale das Entstehen von Gemeinschaft?

Wenn Gemeinschaft nicht mehr real ausgestellt werden kann, ist sie ein Phantom, das zerbricht in genau dem Moment, wo man sie bräuchte.

Ist deshalb der Schauspieler, der sich ganz real mit seinem Körper preisgibt, auch etwas sehr Glaubwürdiges, ganz gleich, was er da gerade macht?

Richtig. Wenn dann bei der „Faust“ Preis-Verleihung oft gesagt wird, Ihr feiert Euch nur selbst, muss ich sagen, wir ehren die Künstler, die sich das ganze Jahr über aussetzen, viel von sich hergeben. Einige Künstler stellvertretend für alle anderen einmal im Jahr zu feiern, das ist ein totales Anliegen und keine Fete, wo sich 300 Intendanten gegenseitig auf die Schulter klopfen. Bei diesem „Faust“-Jahrgang ist es gelungen, den Geist, der mir wichtig ist, spürbar zu machen.

Welche Akzeptanz, welchen Stellenwert wird das Theater in den kommenden Jahren haben?

Man spürt, dass sich unser Parlamentarismus oder die Prinzipien, die ihn tragen, nicht permanent selbst schützen. Nun ist die Kunst keine Schutzmacht, aber sie schafft Orte jenseits des Parlamentarismus, die ähnliche Fragen bearbeiten. Das spüren die Menschen stark. Die Theatermacher selber sind sehr erfinderisch und wechseln ihre Instrumente häufig. Das finde ich gut. Man merkt, dass viel Bewegung drin ist, viel Nachdenken und viel Skepsis gegenüber sich selbst. Die Szene ist im Moment also wach und beweglich. Die Zuschauer spüren dieses demokratische Erdbeben und wollen fragen, was Demokratie eigentlich bedeutet. Auch wenn hier und da gesagt wird, das Theater habe schon einmal mehr im Mittelpunkt der Gesellschaft gestanden, ist es toll, wenn das Theater sich in den Leerräumen, Zwischenräumen einrichtet, Wirksamkeit entfaltet und trotzdem nicht selbstgefällig wird. Also ich würde sagen: Das Theater wird immer wichtiger in der schlingernden Fahrt, die wir gerade erleben – und es lohnt sich, weiterzukämpfen. Ich glaube auf keinen Fall an einen Bedeutungsverlust des Theaters. Das spüre ich an den Reaktionen der Politik. Ohne dass man sich verbrüdert, gibt es ein viel stärkeres Bewusstsein von Gemeinsamkeit zwischen der Politik und Kultur. Es gab Zeiten, in denen dieser Dialog viel gestörter war.


Ulrich Khuon, 1951 in Stuttgart geboren, begann seine Intendantenlaufbahn 1988 am Stadttheater Konstanz. Ab 1993 erlebte das Staatsschauspiel Hannover in seiner Intendanz eine künstlerisch spannende und fruchtbare Zeit. 1997 wurde er zum Professor an der Hochschule für Musik und Theater ernannt. Ein Jahr später wurde er Jury-Mitglied des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises. Während seiner Intendanz des Thalia Theaters Hamburg von 2000/01 bis 2009 wurde sein Haus zweimal Theater des Jahres von der Zeitschrift „Theater heute“ ernannt. Seit 2009 ist Khuon Intendant des Berliner Deutschen Theaters und seit Januar 2017 Präsident des Deutschen Bühnenvereins, des Interessen- und Arbeitgeberverbandes der Theater und Orchester.