Berlinale 2018 Im Wettbewerb: Petzolds „Transit“ weit vorn dabei

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Überzeugend einfältig: Robert Pattinson parodiert im tragikomischen Western „Damsel“ sein Rollenprofil des finsteren Liebhabers. Szene mit Mia Wasikowska.Foto: Strophic Productions LimitedÜberzeugend einfältig: Robert Pattinson parodiert im tragikomischen Western „Damsel“ sein Rollenprofil des finsteren Liebhabers. Szene mit Mia Wasikowska.Foto: Strophic Productions Limited

Berlin. Wenn es nach dem Applaus der Presse geht, hat die Berlinale am Eröffnungswochenende schon einen Favoriten hervorgebracht: Christian Petzold, der erste und prominenteste der vier Deutschen im Wettbewerb.

Christian Petzolds Verfilmung von Anna Seghers’ Exil-Roman „Transit“ ist schon durch die Konzeption ein Coup. Die Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg spielt im Marseille der Gegenwart. Mexiko, dessen Emigranten Trump gerade einmauern will, ist der Sehnsuchtsort eines Deutschen auf der Flucht. Das Gestern mit dem Heute verschmelzen: Mit dieser schlichten Setzung schafft Petzold Aha-Momente in Serie.

„Eigentlich“, zitiert Petzold in der Pressekonferenz Hitchcock, „könne man nur schlechte Bücher verfilmen.“ Seghers’ „Transit“ nimmt er davon aus. Und tatsächlich verblüfft, wie intensiv die Vorlage den persönlichen Motivkatalog des Regisseurs bedient: Figuren, die sich in Phantom-Existenzen verlieren, Schuld als Beziehungsstifter, Selbstverwirklichung in falschen Rollen – der fremde Stoff erscheint wie ein Kompendium von Petzolds wichtigsten Fragen.

Stillstand und Bewegung

Thematisch verwandt ist „Dovlatov“ des Russen Alexey German jr., auch wenn das Exil hier noch vor der Hauptfigur liegt. Der Film erzählt eine Woche aus dem Leben des Schriftstellers Sergei Donatowitsch Dowlatow, der im Leningrad der frühen 70er vergeblich darum kämpft, publiziert zu werden. Innerlich bebend, schlendert die Hauptfigur – gespielt vom charismatischen Milan Maric – durch einen intellektuellen Alltag, der ihn zur Untätigkeit zwingt. Diskussionen in literarischen Salons, Arbeiterfeste auf Werksgeländen und Redaktionskonferenzen komponiert German als kunstvolle Tableaus, die eine ständig bewegte Kamera zum Fließen bringt. Diese formale Kombination von Stillstand und Bewegung beschreibt zugleich das zentrale Dilemma einer Figur, der die Stagnation der Breschnew-Jahre zur Antriebskraft für die Emigration nach New York wird.

Im Wettrennen um den Darstellerbären kriegen Rogowski, der in diesem Jahr auch als Berlinale-Shooting-Star geehrt wird, und Maric am Sonntag Konkurrenz: Anthony Bayon spielt in „Das Gebet“ einen Teenager, der zum Drogenentzug in eine katholische Berggemeinschaft geht – eine intensive Figur, der die Selbstfindung zur gleichermaßen körperlichen wie spirituellen Erfahrung wird. Ist das klösterliche Leben ein echter Rettungsanker? Ist das religiöse Ritual nur eine andere Form der Sucht? Regisseur Cedric Kahn hält lange beide Lesarten offen.

Freiräume und Grenzen

Der schwere Weg zum Ich ist auch sonst ein wichtiges Thema des Festival-Jahrgangs: Die Heldin aus Marcelo Martinessi „Las herederas“ kommt erst im letzten Lebensdrittel bei sich an: Als ihre Partnerin eine Haftstrafe wegen Schulden absitzt, verkauft sie die antiken Möbel ihres Elternhauses – und schafft dabei Raum für einen persönlichen Neuanfang. In Laura Bispuris „Figlia Mia“ wird für eine Zehnjährige schon die Kindheit zur Zerreißprobe: Vittoria: (Sara Casu als bislang eindrucksvollste Kinderdarstellerin des Festivals) wächst zwischen zwei Müttern auf: zwischen der behütenden Tina, bei der sie lebt, und der verwahrlosten Angelica, die das Kind nach der Geburt abgegeben hat. Freiräume und Grenzen, Schutz und Risiko: In diesem mitunter überdeutlichen Gerüst schildert der mitreißende Film die widerstrebenden Pole, in denen ein Kind sich selbst erproben kann.

Robert Pattinson im Western

Und das Star-Kino? Isabelle Huppert spielt in Benoît Jacquots „Eva“ eine wunderbar gleichmütige Edelprostituierte, die von einem literarischen Hochstapler umgarnt wird. Die Verfilmung eines Romans, den Joseph Losey vor Jahrzehnten schon mit Jeanne Moreau adaptiert hatte, funktioniert als Spiel mit Wahrheit und Lüge – als Porträt einer Beziehung überzeugt sie leider nicht.

Einen großen Fan-Auflauf verdankt die Berlinale außerdem Robert Pattinson. Im Western „Damsel“ spielt er ein Greenhorn auf der Jagd nach seiner großen Liebe (Mia Wasikowska). Sein Scheitern machen die Regie-Brüder David und Nathan Zellner zur lakonischen Tragikomödie, die leider nie mehr Tiefgang entfaltet als das Plumpsklo, auf dem der Held mitten im Film sein Leben aushaucht.

Effektvolles Genrekino ist Lance Dalys „Black 47“, der die irische Hungersnot des Jahres 1847 ebenfalls als Western inszeniert: Ein desertierter Elite-Soldat meuchelt die britischen Ausbeuter hier in höchst befriedigender Art und Weise nieder. Ein schmissiger Film mit James Frechville und Hugo Weaving – der auf dem politischsten aller großen Filmfestivals allerdings auch einen verblüffend unbedarften Blick auf Selbstjustiz wirft.


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