Christian Petzold über seinen Film „Transit“ Der Krieg schaut aus den Gesichtern

Von Jens Hinrichsen

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Ein deutscher Flüchtling: Im Film „Transit“ bringt Regisseur Christian Petzold den gleichnamigen Roman von Anna Seghers in die Gegenwart und zeigt Flucht aus einer anderen Perspektive. Foto: Schramm Film/Marco KrügerEin deutscher Flüchtling: Im Film „Transit“ bringt Regisseur Christian Petzold den gleichnamigen Roman von Anna Seghers in die Gegenwart und zeigt Flucht aus einer anderen Perspektive. Foto: Schramm Film/Marco Krüger

Berlin. Die Handys habe ihm sein 17-jähriger Sohn ausgeredet, erzählt Christian Petzold. Sein Film „Transit“ spielt im heutigen Marseille, aber die neuesten Mobiltelefone, so das Argument von Petzold junior, sind in wenigen Jahren schon Fossilien.

Berlin. Also Handyverbot im Film. Doch die Frage bleibt, warum in der „Transit“-Adaption – Anna Seghers’ Roman spielt zwischen 1940 und 1941 – moderne Autos und Schiffe fahren und die Figuren wie du und ich gekleidet sind. Zwei Zeitstränge laufen hier parallel (ungefähr so, wie in Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ am Hof Ludwigs XVI. Kartoffelchips gegessen werden). Petzold: „Die Prämisse des Films ist, dass die Flüchtenden von 1940/41 hier und heute zwischen uns sitzen. Wie auch unsere Asylgesetzgebung auf die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs zurückgeht.“ Mit „Barbara“ – DDR anno 1980 – und „Phoenix“ – Berlin 1945 – hat Petzold zuvor zwei historisch „korrekte“ Filme gedreht, vielleicht waren die Geldgeber gerade deshalb von den Anachronismen des „Transit“-Drehbuchs irritiert. Der Regisseur deutet an: Da war viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Doch wer den Film jetzt sieht, akzeptiert die Differenzen zwischen Handlung und moderner Location. Über einen Theater-Hamlet in Jogginghosen wundert sich doch auch keiner mehr.

Hitlers Wehrmacht hat also Polen überfallen, die Nazis sind in Paris einmarschiert, und Georg (Franz Rogowski) flüchtet in einem Wohncontainer, der auf einem Güterzug ins südfranzösische Marseille rollt. Vom Krieg müsse man gar nicht so viel erzählen, sagt Petzold, „der schaut aus den Gesichtern heraus, aus den Blicken der Figuren. Ein Beamter auf der Asylbewerberstelle würde den syrischen Bürgerkriegsflüchtling wohl auch nicht fragen: Wo ist der Krieg? Die Antwort ist der Mensch, der vor ihm sitzt: Das ist der Krieg!“

„Transit“ ist ungemütlich, weil Petzold nicht wirklich von der schlechten alten Zeit erzählt. Und weil er zugleich den Fokus weg von heutigen Migrationsbewegungen oder Kriegen wie in Syrien verlagert. Aber was wäre, wenn wir selbst zu Verfolgten würden? Man kann „Transit“ als Dystopie lesen. „Es geht letztlich nicht darum, ob man selber etwas erlebt oder nicht“, erklärt Petzold, „Auch für Schauspieler oder Regisseure spielt es keine Rolle, ob sie Krieg oder Exil selbst erlebt haben. Zeitzeugen helfen einem ja auch nicht weiter, wenn man unfähig ist, sich in andere Menschen einzufühlen. Es geht um Lektüre! Ich meine damit nicht nur Literatur, sondern auch Musik oder das, was einem erzählt wird, Oral History. Ich bin in diesem Film drin, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Meine Lektüre ist die Geschichte.“

Die Welt zu lesen, das hat Christian Petzold von seinem Lehrer und Freund Harun Farocki gelernt, dem der Film gewidmet ist. 2014 starb der Künstler und Filmemacher 70-jährig. Fast alle Petzold-Scripts wurden gemeinsam mit Farocki verfasst, „drei Wochen an der Ostsee“ standen auch für „Transit“ an. „Ein Jahr lang konnte ich nach Haruns plötzlichem Tod nicht schreiben“, sagt Petzold, dann löste sich die Blockade: „Ich bin wirklich kein Esoteriker, aber inzwischen merke ich, dass Harun noch da ist. Innerlich diskutiere ich die Gedanken mit ihm, und er antwortet.“

„Film ist ein Gespräch“, sagt Petzold. Auch die Darsteller dürfen und sollen mitreden. Etwa die 22-jährige Paula Beer, die sich für die Figur der Marie starkmachte. Dank Beer sei Marie zum glaubhaften Charakter geworden. Und auch Franz Rogowski mischte sich ein, etwa mit dem Tipp, eine Szene am Flipperautomaten herauszunehmen. „Lass den Flipper weg, sagte Franz, sonst hast du auch noch die 60er-Jahre im Film“, erzählt Petzold, der überhaupt von seinen „klugen Schauspielern“ schwärmt.


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