Berlinale-Retrospektive „Weimarer Kino – neu gesehen“: Abseits von Metropolis

Von Jens Hinrichsen

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Die Reihe „Weimarer Kino – neu gesehen“ lässt lieber die Filme glänzen, die halb oder ganz vergessenen, wie „Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes“. Foto: Deutsche Kinemathek/ Heinrich GärtnerDie Reihe „Weimarer Kino – neu gesehen“ lässt lieber die Filme glänzen, die halb oder ganz vergessenen, wie „Song. Die Liebe eines armen Menschenkindes“. Foto: Deutsche Kinemathek/ Heinrich Gärtner

Berlin. Bevor die Nazis kamen, blühte das deutsche Kino auf wie dann nie mehr. „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Nosferatu“, Fritz Langs „Metropolis“ oder sein früher Tonfilm „M – Ein Stadt sucht einen Mörder“ sind Klassiker aus der Weimarer Republik – die diesmal aber im Archiv bleiben. Die Reihe „Weimarer Kino – neu gesehen“ lässt lieber die anderen Filme glänzen, die halb oder ganz vergessenen.

Passend dazu läuft im Museum der Deutschen Kinemathek die Ausstellung „Die Ufa – Geschichte einer Marke“ (noch bis 22. April). Der Ufa-Filmkonzern, 1917 gegründet, verhalf dem deutschen Film zur Weltgeltung.

Doch es existierten viele kleine Produktionsfirmen neben der Ufa. So brachte die Georg Witt-Film GmbH 1932 die herrliche Komödie „Das Abenteuer einer schönen Frau“ heraus: Eine emanzipierte Berliner Bildhauerin (Lil Dagover) guckt sich als Modell für ihre neue Skulptur einen britischen Boxer aus. Man zankt und verliebt sich, der Boxer reist nach London zurück, die Künstlerin bekommt ein Kind. Zeitweilig sieht sie sich als alleinerziehende Mutter, ein dann in Hitlerdeutschland undenkbares Frauenbild. Die heroische Skulptur, die am Ende enthüllt wird, weist aber durchaus schon auf den NS-Kunstgeschmack voraus.

Übrigens wird auch Leni Riefenstahls Regiedebüt „Das blaue Licht“ wiederaufgeführt, das bei der Premiere 1932 Hitler und Goebbels auf die Filmemacherin aufmerksam machte. Nach der Machtübernahme schuf Riefenstahl NS-Propaganda wie „Triumph des Willens“.

28 Retro-Programme mit Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen aus den Jahren 1918 bis 1933 sind während der Filmfestspiele zu sehen. Dazu erscheint ein starker Katalog, für den neben Wissenschaftlern auch prominente Filmemacher wie Ulrike Ottinger oder Wim Wenders Texte beigesteuert haben. Wenders begeistert sich für das Melodram „Song“ von 1928 und seinen chinesischen Star (der den Partner Heinrich George an die Wand spiele): „Die Sensation dieses Films ist das Gesicht der Anna May Wong! (...) Das menschliche Gesicht, das ist das größte Kinoerlebnis, und mir kommt es vor, als könne man in Stummfilmen noch einmal von vorne lernen, darin zu lesen“.

Exotik und Orientalismus, geprägt von der Kolonialgeschichte Deutschlands, bilden ein zentrales Themenfeld des Weimarer Kinos. In „Opium“ (1919) wird ein britischer Professor in ein Eifersuchtsdrama um eine junge Chinesin verwickelt und geht schließlich selbst am Rauschgift zugrunde. Doch statt Orient-Klischees abzubilden, lässt Regisseur Robert Reinert die Kamera selbst halluzinieren: Der europäische Forscher entdeckt das Fremde in sich selbst.

Beispiele des Proletarischen Films wie „Sprengbagger 1010“ (1929) oder „Kameradschaft“ (1931) kreisen um den Arbeiter-Alltag. Und für sein Sozialdrama „Die Unehelichen. Eine Kindertragödie“ (1926) ließ sich Regisseur Gerhard Lamprecht vom großen „Milljöh“-Zeichner Heinrich Zille beraten.

Neben „Exotik“ und „Alltag“ nennt Retrospektive-Leiter Rainer Rother „Geschichte“ als zentrales Retro-Kapitel. Der düstere Preußenwestern „Der Katzensteg“ (1927, wieder von Lamprecht inszeniert) spielt während der Freiheitskriege gegen Napoleon. Boleslav, ein junger preußischer Offizier, überwirft sich mit seinem gräflichen Vater, der die preußischen Truppen an die Franzosen verraten hat. Später besteht der Sohn aber gegen den Widerstand seines ganzen Dorfes darauf, den Grafen zu beerdigen. „Der Katzensteg“, schreibt Regisseur Andres Veiel im Katalog, habe „in seiner Erzähldichte und seinem Tempo (...) etwas sehr Modernes: Er deutet an (...) und gewinnt gerade aus den Auslassungen eine subtile Spannung, die neunzig Jahre nach seiner Entstehung nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat.“


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