Räudige Hunde für den roten Teppich Gelungener Auftakt: „Isle of Dogs“ überzeugt bei Berlinale

Von Daniel Benedict

Putzig, aber mit Biss: Atari und seine Hundebande.Foto: Twentieth Century Fox/BerlinalePutzig, aber mit Biss: Atari und seine Hundebande.Foto: Twentieth Century Fox/Berlinale

Berlin. Die Berlinale wurde am Donnerstag mit dem Film „Isle of Dogs“ eröffnet. Ein gelungener Auftakt.

Auf der Berlinale erwarten Kritiker eisenharte Polit-Statements. Das zeigen auch die ersten Reaktionen auf den Eröffnungsfilm. Wie kam es, wird Wes Anderson nach der Pressevorführung gefragt, dass er der Gesellschaft diesmal so überdeutlich den Spiegel vorhält? Zuallererst sei es ihm eigentlich um Hunde gegangen, antwortet der Regisseur. Dass sein Film etwas mit den herrschenden Verhältnissen zu tun haben könnte, sei ihm selbst erst recht spät aufgefallen. Zwei Dinge, sagt Anderson, wollte er in „Isle of Dogs“ kreativ zusammenbringen: das schlichte Bild von Hunden auf einer Müllkippe und seine Liebe zum japanischen Kino.

Bürgermeister verseucht Hunde

Tatsächlich lässt sich die Geschichte jetzt als Parabel auf eine Ausgrenzungspolitik lesen, die noch aggressiver ausfällt als bei Trump: Aus gekränkter Katzenliebe verseucht ein übler Bürgermeister alle Hunde einer japanischen Megacity mit einer tödlichen Schnauzengrippe – und lässt sie danach sämtlich auf eine Schrottinsel deportieren. Dass sie sich dort nicht zu Tode niesen, verdankt sich dem Einsatz von Atari. Das zwölfjährige Mündel des Bürgermeisters sucht auf Trash Island seinen eigenen Hund Spots – und gibt den verelendeten Vierbeinern den Mut zur Revolte.

So grob das als politische Metapher wäre, so raffiniert ist es als verspielte Unterhaltung. Das beginnt natürlich schon bei den Stop-Motion-Hunden des Puppenbauers Andy Gent, die Anderson Bild für Bild und mit enormer Lakonie über die Leinwand bewegt. Der Film ist das Werk eines begnadeten Kindes, das lustvoll und auf höchstem Niveau mit Spielfiguren hantiert. Andersons Liebe zum Mechanischen prägt auch die Bauten: Der Regisseur jagt sein Hunderudel über die Laufbänder einer Müllverbrennungsanlage wie durch eine Geisterbahn, in der dystopische Visionen eine beinahe nostalgische Retro-Optik bekommen. Dazu feuert Alexandre Desplat einen grandiosen Soundtrack ab, in dem Japans Filmgeschichte vom Kanon bis zum B-Movie widerhallt.

„Isle of Dogs“ eine doppelte Liebeserklärung

Denn vor allem ist „Isle of Dogs“ eine doppelte Liebeserklärung: zum einen an die asiatische Kultur, die von der Musik über die Malerei bis in die Kostüme zitiert, imitiert und parodiert wird. Zum anderen zelebriert Anderson die Leinwand selbst: Mit seinen Gags über die eigenen Synchrontricks, mit geteilten Screens und sich selbst kommentierenden Rückblenden ist der Eröffnungsfilm der Berlinale eine vor Fabulierlust sprühende Hommage an das Kino, an den handgemachten Illusionismus des klassischen Hollywood genauso wie an das asiatische Kino, das auf der Berlinale schon immer eine Heimat hatte.

Wer will, kann in alldem ein satirisches Präludium für das politischste der A-Festivals sehen. Sogar die Gender-Debatte wird vorformuliert, wenn Scarlett Johanssons Hündin Nutmeg von sich sagt: „Ich wurde als Show-Hund gezüchtet und darauf hingestriegelt; aber ich betrachte es nicht als meine Identität.“ Und doch ist „Isle of Dogs“ vor allem eine Feier der ungezügelten Fantasie, die sich ab jetzt in den 384 noch folgenden Berlinale-Filmen austoben kann.