Retrospektive in der Schirn Rebell aus der Subkultur: Frankfurt zeigt Basquiat

Von Dr. Stefan Lüddemann


Frankfurt am Main. Er ist der Jimi Hendrix der Malerei: Jean-Michel Basquiat hat bis zu seinem frühen Drogentod die Kunstwelt aufgemischt. Jetzt zeigt die Frankfurter Schirn die erste Einzelausstellung des Künstlers seit Jahrzehnten. Basquiat lebt, als schwarzer Rebell und als Hip-Hopper der Malerei.

Wer, zum Teufel, ist der junge Kerl mit den ruppigen Dreadlocks? Ob sich Andy Warhol am 4. Oktober 1982 diese Frage gestellt hat? Der Galerist und Kunstsammler Bruno Bischofberger taucht an jenem Tag mit seinem jugendlichen Begleiter in Warhols New Yorker Factory auf. Der Newcomer in der Kathedrale der Pop Art. Jean-Michael Basquiat heißt er. Ganze 21 Jahre ist er da alt, hat aber gerade mit seinen an Graffitis erinnernden Bildern schon seinen gefeierten Auftritt auf der Kasseler Documenta 7 gehabt - als jüngster Teilnehmer aller Zeiten, bis heute. Das gibt Selbstvertrauen. Zurück in seinem Atelier malt Basquiat ein Doppelporträt. Der Pop-Patriarch mit zauseliger Perücke, der Senkrechtstarter mit breitem Grinsen. Noch am gleichen Tag schickt er das Bild an Warhol. Was für eine Frechheit, was für ein Coup. Hier weiterlesen: 110 Millionen für ein Gemälde von Jean-Michel Basquiat.

Mit Madonna im Club

Die Episode prägt das Bild von Jean-Michel Basquiat bis heute. Anfang der achtziger Jahre erobert er nicht allein Warhols Factory, der junge Afroamerikaner ohne die geringste Ausbildung stürmt die Kunstwelt. Von ersten Graffitis an New Yorker Hauswänden bis zur Documenta ist es für ihn nur ein Sprung. Basquiat hockt eben noch unerkannt zwischen Madonna, Klaus Nomi und Grace Jones im legendären New Yorker Mud-Club und feiert dann schon seinen großen Auftritt in der mächtigen Gagosian Gallery in Los Angeles. Dazwischen macht er Musik, schreibt Texte, zerschreddert auf seinen eruptiven Bildern die ganze Kulturgeschichte von ägyptischen Göttern über Mona Lisa bis Pablo Picasso mit den Mythen der Popkultur. Er stirbt schon 1988 an einer Überdosis Heroin. Basquiat geht ein in jenen Club der 27er, der sonst Rockstars vorbehalten ist. Basquiat, ein Jimi Hendrix der Kunst? Hier weiterlesen: Von Klimt bis Basquiat - das bringt das Ausstellungsjahr 2018.

Bemalter Football-Helm

Die Frankfurter Schirn sichtet jetzt in Kooperation mit dem Londoner Barbican Center anhand von rund 100 Werken vom bemalten Football-Helm bis zum wandfüllenden Triptychon Basquiats Werk. Ganze zwei Einzelausstellungen erlebt der Künstler zu Lebzeiten, in Edinburgh und 1986 in Hannovers Kestner-Gesellschaft. Das ist für einen Künstler dieser durchschlagenden Energie unfassbar lange her. Die Kunsthistoriker haben ihre liebe Mühe damit, ihn zu rubrizieren. Basquiat sei immer noch ein Mythos, stöhnen sie. Kein Wunder. Dieses Werk glüht. Es hütet in seinem Kern die Glut des Undergrounds. Es kartiert jene Samplingkultur, in der wir weiter leben. Und es bewahrt die Zirkulationsenergie des globalisierten Kunstmarktes. Basquiat - Außenseiter, Genie der Straße, Hip-Hopper der Kunst, Star der Galerienszene, der Clubs: Diesen Feuerball fängt niemand ein. Erst recht kein Kurator. Hier weiterlesen: „Cabra“ - Yoko Ono verkauft ihr Gemälde von Jean-michel Basquiat.

Zitate und Zeichen

Deshalb möchten die Bilder auch raus aus dem Gehege, das die Ausstellungsmacher nun aus chronologischen Achsen, stilistischen Zuordnungen und akkurat ausgebreiteten Rechercheschätzen um sie herum aufgebaut haben. Sicher, die Querverbindungen von Basquiats Bildern zu den verehrten Vorbildern des Jazz wie Charlie Parker oder vergötterten Heroen der Kunst wie Picasso und Warhol lesen sich ungemein informativ. Die auf den ersten Blick so spontan gemachten und chaotisch gemixten Bildwelten Basquiats werden nun als kalkulierte Konstrukte aus Zitaten und Zeichen lesbar. Basquiat inszeniert Kultur als Spiel mit Identitäten, er demontiert die Trennwände zwischen Hochkultur und Straße. Das wirkt ungemein vertraut. Zugleich aber bersten vieler dieser Arbeiten immer noch von einer anarchischen Vitalität, die sich jeder Zuordnung verweigert. Hier weiterlesen: Street Art in London - Banksy-Hommage an Basquiat.

Graffiti und Galerie

Jean-Michel Basquiat hat die unfassbar weite Strecke zwischen Graffiti und schicker Galerienkunst im Raketenflug durcheilt. Er ist der Star einer Ära, in der neben Andy Warhol vor allem Keith Haring die Grenzen der Genres schleifen. Ihr Idiom ist global lesbar. So wie das von Basquiat. Der drogenabhängige Künstler produziert jenen Stoff, nach dem reiche Sammler süchtig sind. Bilder eines Originalgenies, das mit den Bildwelten der Subkulturen gegen das Establishment revoltiert. Basquiat - seine Eltern sind Migranten aus der Karibik - kämpft gegen Diskriminierung und Rassismus. Seine Bilder mit Totenkopf und Krone atmen den Appeal der Auflehnung. Das gilt auch für die ruppig auf Bretterkreuze genagelten Leinwände, auf denen sich Warhol und Basquiat gemeinsam austoben. Emanzipation und der Mix der Kulturen - das ist Basquiats Leben. Hier weiterlesen: Tulpen für die Terroropfer? Streit um Skulptur von Jeff Koons.

Ikone des Kunstmarktes

In dem jungen Mann mit den Dreadlocks als Virtuose des Neuen erkennt sich der globalisierte Kunstmarkt bis heute. Nur wenige seiner Bilder finden sich in öffentlichen Sammlungen. Die meisten Exponate der Frankfurter Schau kommen aus privaten Kollektionen. Diese Bilder sind gesuchte Trophäen und sündhaft teuer. Es wäre instruktiv gewesen, in der Schirn-Schau anhand des Beispiels von Basquiat Aufschluss über die Operationen des Marktes zu erhalten. Aber bei diesem wichtigen Thema schweigen die sonst so beredten Kuratoren. Dafür strahlt Jean-Michel Basquiat, auch dreißig Jahre nach seinem Tod. Ein Film im Entree zeigt den jungen Künstler tanzend in seinem Atelier, rebellisch und anrührend schüchtern zugleich. Die Hoffnung des Aufbruchs vibriert in allen Fasern seines Körpers. Boom!