Ausstellung in Frankfurt zeigt Architektur: Eine Domäne fest in Männerhand

Von Christian Huther

Gehört zu den erfolgreichen deutschen Architektinnen: Almut Grüntuch-Ernst. Foto: Edgar RodtmannGehört zu den erfolgreichen deutschen Architektinnen: Almut Grüntuch-Ernst. Foto: Edgar Rodtmann

Frankfurt. Christina Budde klingt genervt: „Alle fragen nach Zaha Hadid, niemand nach den anderen Frauen, weil das Publikum noch nie von ihnen gehört hat.“ Damit bringt die Kuratorin des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt das große Dilemma auf den Punkt.

Die vor anderthalb Jahren gestorbene Zaha Hadid ist die populärste Architektin des 21. Jahrhunderts, andere weibliche Stararchitekten gibt es nicht, in Deutschland schon gar nicht. Die Architektur ist fest in Männerhand.

Budde will mit Mary Pepchinsky und Wolfgang Voigt die deutsche Architekturgeschichte aus der Perspektive von Frauen neu beleuchten. „Frau Architekt“, so der Titel der Schau, stellt 22 Frauen aus den vergangenen 110 Jahren vor. Etwa 70 Frauen hatte das Trio für wichtig befunden, ausgewählt wurden dann „bestimmte Typen, die für etwas stehen, von der Macherin über die Nazifrau bis zur Unternehmerin und Feministin“, erläutert Voigt.

Die Schau beginnt mit der ersten Architektin in Deutschland. Emilie Winkelmann hatte fünf Jahre studiert, wurde aber nicht zur Prüfung zugelassen. Erst ab 1909 durften Frauen an den technischen Hochschulen studieren. Doch Winkelmann machte sich 1907 in Berlin als Architektin selbständig. Sie baute nicht grundlegend anders, wie die Schau zeigt. Emilie Winkelmann war eine stille Pionierin, sie hatte keine programmatische Mission, ging vielmehr mit Leidenschaft ihrem Beruf nach.

Doch zu dieser Zeit erhielten Architektinnen kaum Aufträge, meist halfen ihre vermögenden Familien aus. Therese Mogger etwa erwarb ab 1911 Grundstücke in Düsseldorf und baute darauf Mehrfamilienhäuser, die sie vermietete oder verkaufte. Wenig später hatten Frauen mehr Chancen. So ist Margarete Schütte-Lihotzky als Erfinderin der „Frankfurter Küche“ bekannt. Sie platzierte auf sechs Quadratmetern alles in Griffnähe – fertig war 1926 der Prototyp der Einbauküche.

Freilich scheuen sich die Ausstellungsmacher auch nicht, eine heute verpönte Architektin wie Gerty Troost zu zeigen. Als ihr Mann Paul Ludwig Troost 1934 starb, führte sie die Nazibauten weiter, die er für Hitler geplant hatte, darunter das Münchner Haus der Deutschen Kunst. Später war sie Hitlers Stilberaterin – auch Frauen erliegen den Verlockungen der Macht.

Die Schau endet mit zwei rund 50-jährigen und erfolgreichen Architektinnen, Almut Grüntuch-Ernst und Gesine Weinmiller. Letztere hat 1992 beim Wettbewerb zum Umbau des Berliner Reichstag gegenüber Norman Foster den Kürzeren gezogen. Prompt wurde sie für Fosters Sekretärin gehalten; später sagte die Politikerin Rita Süssmuth, sie habe nicht gedacht, dass Frauen so harte Architektur entwerfen könnten.

Aber gibt es überhaupt weibliche Architektur? Das Nein von Budde und Voigt fällt ziemlich klar aus. Allenfalls während der Frauenbewegung in den 1970er Jahren wurde das Weibliche betont. Heute bauen Frauen wie Männer gleich, meint auch die Münchner Architektin Ulrike Lauber: „Die Idee, dass Frauen Verzierungen bauen und Männer gerade, strenge Linien, ist Unsinn. Ein Büroboau ist ein Bürobau.“ Ähnlich klingt Hilde Léon von LéonWohlhage: „Die Idee, dass Frauen höhlenartige Gebilde bauen und Männer Wolkenkratzer, das stimmt nicht.“

Freilich ist der Architektenberuf nicht leicht mit Familie und Kindern zu vereinbaren, wenn ein eiliger Auftrag nächtelanges Arbeiten erfordert. Kein Wunder, dass zwar 56 Prozent der Architekturstudenten weiblich sind, aber unter den Architekten nur knapp 31 Prozent Frauen sind. Folglich bleiben viele Frauen auf der Strecke. Ohnehin scheinen sie eher Teamplayer zu sein und gründen oft mit männlichen Kollegen Bürogemeinschaften. Zaha Hadid hingegen war ihre eigene Chefin. Sie hat im DAM doch noch eine kleine Schau mit ihrem kühnen Entwurf für ein Berliner Bürohaus von 1986. Der wurde abgelehnt, da er nicht umsetzbar sei. Hadid galt lange als „Papierarchitektin“.

Auch das DAM hat viel nachzuholen. Seit der Eröffnung 1984 gab es 370 Ausstellungen, 100 galten einzelnen Architekten. Darunter waren aber nur vier Frauen.