Getty-Entführung als Thriller „Alles Geld der Welt“: Der Film selbst ist sein größtes Problem

Von Daniel Benedict

Der Patriarch und sein Thronfolger: Christopher Plummer in Ridely Scotts „Alles Geld der Welt“. Foto: TobisDer Patriarch und sein Thronfolger: Christopher Plummer in Ridely Scotts „Alles Geld der Welt“. Foto: Tobis

Berlin. Ridley Scotts „Alle Geld der Welt“ erzählt von Menschen, die das Geld verformt. Tatsächlich ist dem Film, in dem Kevin Spacey durch Christopher Plummer ersetzt wurde, genau dasselbe passiert.

Plummer statt Spacey: „Alles Geld der Welt“

Der Enkel des reichsten Menschen aller Zeiten wird gekidnappt – und der Milliardär verweigert das Lösegeld. 1973 ist das wirklich geschehen; und für einen Film über die verderbliche Macht des Geldes ist die Entführung John Paul Gettys III. ein starker Stoff. Das Problem von Ridley Scotts „Alles Geld der Welt“ ist allerdings: Seine eigene Entstehungsgeschichte bedient dasselbe Thema. Kevin Spaceys hoher Marktwert vor der #MeToo-Debatte war der Grund dafür, dass zuerst er den alten Getty spielte – statt Scotts Favorit Christopher Plummer. Mit dem Vorwurf sexueller Übergriffe wurde Spacey zum Kassengift; der Regisseur tilgte seine Szenen, um sie nun doch mit Plummer nachzudrehen. Der Film wurde vom Geld genauso gequält und deformiert wie seine Figuren.

Scott erzählt den Stoff als Kombination aus Familienporträt und Detektivgeschichte: Gettys Versuch, eine Dynastie aufzubauen, führt in die Sucht (Getty II.) oder ins lottrige Playboy-Dasein (Getty III.). Ihn selbst macht seine Sparsamkeit zur Karikatur. Im Hotel wäscht er seine Unterhosen eigenhändig. Für Verhandlungen mit der Mafia schickt er die Schwiegertochter zum Münztelefon. („House of Cards“ ohne Underwood: Was kostet Netflix der Rauswurf von Spacey?)

Das große Rätsel Getty

Warum verweigert Getty den Entführern das Lösegeld – selbst dann, als sie seinem Enkel ein Ohr abschneiden? Ist es krankhafter Geiz? Eine Strategie gegen Nachahmertaten? Ist es überhebliches Vertrauen in den Ex-Agenten, den er auf den Fall ansetzt? Oder die Komplizenschaft eines skrupellosen Patriarchen, der über die Entführung das Sorgerecht für das Opfer erkaufen will? All das erzählt Scott in immer neuen Deutungsangeboten, bevor er den Milliardär als zweiten „Citizen Kane“ in die Einsamkeit seines Reichtums verbannt. Die Frage, ob nicht schon die bloße Anhäufung eines so gewaltigen Vermögens ethische Probleme aufwirft, verliert Scott über den Fallstricken der Entführung aus den Augen.

Plummer hat die einzige Oscar-Nominierung für „Alles Geld der Welt“ bekommen. Das mag eine Spitze gegen Spacey sein; aber auch ohne Skandal wäre er die bessere Besetzung gewesen, schon weil nur er so alt ist wie die Figur. Spacey musste das fehlende Vierteljahrhundert mit fingerdicker Maske ausgleichen. Im März kommt übrigens noch ein dritter Getty dazu: Danny Boyle hat den Stoff für den US-Sender FX als Serie verfilmt – nun mit Donald Sutherland.

Dreimal Getty: Spacey, Plummer und Sutherland

In den folgenden drei Trailern können Sie überprüfen, welcher Getty Ihnen am besten gefällt.

Kevin Spacey in „Alles Geld der Welt“: Im Trailer ist die Originalbesetzung von Ridley Scotts Getty-Film noch zu sehen. Screenshot: Tobis, Youtube, dab