Soziologe Frank Hillebrandt im Interview Soundtrack des Protests: Die Rockmusik prägte 1968

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Hagen. Rockmusik gibt dem Protest von 1968 den Sound ruppiger Respektlosigkeit. Während Bob Dylan und Jimi Hendrix zu Stars werden, entwickelt sich eine weltweite Popkultur. Kultursoziologe Frank Hillebrandt erklärt, warum diese Kultur bis heute unser Leben prägt.

Was hat die E-Gitarre eigentlich mit 1968 zu tun?

Die E-Gitarre etabliert sich zeitgleich mit der Protestbewegung in der Rockmusik. Dadurch entsteht eine Wahlverwandtschaft, weil die E-Gitarre in hervorragender Weise dazu geeignet ist, den Soundtrack des Protestes zu liefern. Mit dem Protest verbindet sich immer wieder die Musik von Jimi Hendrix, auch wenn er mit diesem Thema zunächst vielleicht gar nichts zu tun hatte. Die Gitarre wird so gespielt, dass sie alles wegfegt, was vorher an Musik da war. Diese Botschaft geht sehr deutlich von ihr aus. Mit der E-Gitarre und ihren Effekten der Verstärkung verbindet sich aber auch jene Respektlosigkeit, die die ganze Protestbewegung geprägt hat. Hier weiterlesen: Was das Epochenjahr bewegt hat - 1968 im Rückblick.

Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach die Rockmusik in der Protestbewegung?

Das berühmte Stück „Rumble“ von Link Wray von 1958 setzt zum ersten Mal diesen Typ der respektlosen musikalischen Äußerung. Es war auch das einzige, rein instrumentale Stück, das jemals auf den Index gesetzt wurde. Es setzt eine ganz neue Form der Artikulation. Dieser Trend verstärkt sich in den sechziger Jahren mit Musikern wie Pete Townsend, Eric Clapton und anderen, die genau diesen rebellischen Gestus zu ihrer Musik machen. Alle, die gegen das Establishment sein wollen, hören diese neue Musik. Insofern ist die Rockmusik der Soundtrack des Protestes. Hier weiterlesen: Der Rebell aus der Subkultur - Frankfurt zeigt den Maler Jean-Michel Basquiat.

Welche Künstler und Songs artikulierten ein neues Freiheitsgefühl?

Da ist vor allem Bob Dylan zu nennen, der schon 1963 bei dem Marsch der Bürgerrechtsbewegung nach Washington dabei ist und mit seinen engagierten Songtexten neue Maßstäbe setzt. Diese Protestformen liefern ein weltweit rezipiertes Vorbild. Dylan tritt zu diesem frühen Zeitpunkt gemeinsam mit Joan Baez noch als Folkmusiker auf. Er macht den Protest erst zum Songtext und findet dann mit seiner elektrisch verstärkten Musik auch einen neuen Sound dafür. Das ist der Sound der Rockmusik. Damit führt die Bewegung weg von der reinen Fokussierung auf den Text und damit eine rein kognitive Wahrnehmung hin zur Musik und ihrem rebellischen Klang. Das spricht den ganzen Körper an. Die Metamorphose des Musikers Bob Dylan in den sechziger Jahren steht beispielhaft für diesen Prozess. Dylan schreibt die für das Lebensgefühl der Protestgeneration prägenden Texte und fügt dann noch den Klang der E-Gitarre hinzu. Daneben ist aus meiner Sicht aber auch Jimi Hendrix besonders wichtig, der beim Monterey Pop Festival 1967 Dylans „Like a rolling stone“ auf seine Weise aufführt. Es gibt aber auch andere Musiker, die diese Haltung schon früher vorleben, etwa der indianische Musiker Link Wray, der wenig im Mainstream präsent ist. Er hat mit seinen Riffs das Gitarrenspiel revolutioniert. Hier weiterlesen: „Deutschstunde“ und „Christa T.“: Wie Literatur in Deutschland den Geist von 1968 prägte.

Formiert sich 1968 jene Popkultur, die unser Leben bis heute prägt?

Mit den großen Festivals der sechziger Jahre entstehen zum ersten Mal mit der Musik riesige Versammlungen von Menschen. Die haben dann auch das durchschlagende Erlebnis, Viele sein zu können. Das ist bei jeder Protestbewegung entscheidend. Diese vielen Menschen stehen für eine bestimmte Lebenshaltung, die sie verbindet. Auch fern von falschen Analogien haben zum Beispiel die Besuche des Papstes Johannes Paul II. in Polen ab 1979 den Menschen dort das Gefühl gegeben, Viele zu sein, und damit den Boden für den Protest bereitet. Danach entstand die Solidarnosc-Bewegung. Bei den Rockfestivals können wir ein ähnliches Phänomen beobachten. Auch da kommen hunderttausende Menschen zusammen, die sich miteinander verbunden fühlen und lernen, sich ganz neu zu artikulieren. Dieses Festivalformat zieht sich bis heute durch. Es gibt den Menschen bis heute die Möglichkeit, ein anderes Lebensgefühl zu artikulieren und aus dem Alltag auszusteigen. Das Private wird politisch. Das hat in den sechziger Jahren angefangen. Die legendären Festivals von Monterey 1967 und von Woodstock 1969 haben dafür das Modell geliefert. Hier weiterlesen: Klassikerin der Protestkunst - Yoko Ono wird 85.

Aber diese Kultur ist heute doch auch kommerzialisiert. Ist damit das Protestpotenzial nicht entwertet?

Das ist das Problem, das wir bei solchen Abläufen aber auch immer so erleben. Subkulturen popularisieren sich. Das ist erst einmal auch nicht schlimm. Dieses Lebensgefühl wird aber auch umgeformt. Silicon Valley entsteht kurz nach den großen Rockfestivals, die ich eben ansprach. Aus dem neuen Lebensgefühl wird ein Unternehmenskonzept gemacht, das bis heute wirksam ist. Menschen haben dadurch größere Möglichkeiten der Beteiligung, verschreiben sich aber zugleich mit Haut und Haaren den neuen großen Unternehmen. 1968 ist auch ein Ausgangspunkt für neue Wirtschafts- und Unternehmensmodelle, die dazu geführt haben, dass wir völlig anders arbeiten. Wir dürfen mehr eigene Initiative entfalten, aber auch nicht mehr abschalten. Aus soziologischer Perspektive ist dieses Phänomen mit seinen Ambivalenzen zu sehen. Die Menschen dürfen sich mehr als zuvor artikulieren, kommen allerdings unter ganz anderen Verwertungsdruck. Rockmusik hat sicher dazu geführt, dass Menschen über soziale Grenzen hinweg gelernt haben, selbstbewusster aufzutreten. Ohne die Rock- und Popkultur würde unsere Gesellschaft anders, aber vor allem schlechter aussehen. Hier weiterlesen: Die 68er auf dem Land - Joints in Omas Café.

Welche Kulturpraktiken entstehen mit der Protestbewegung?

Dazu gehört die neue Haltung, dass Menschen es selbst in die Hand nehmen, wie die Welt aussehen kann. Die Selbst-Bewegung spielt eine große Rolle in der Alternativkultur. Dazu gehören alternative Unternehmen und Produktionsformen. Das ist selbst ein riesiger Wirtschaftsbereich. Es ging bei der Protestbewegung nicht nur um Kritik, sondern auch darum, die Dinge selbst anders zu machen. Die Rockfestivals liefern dafür ein gutes Beispiel. Die Protagonisten dieser Festivals der sechziger Jahre sind alle unter 30. Und sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Diese Haltung verbreitet sich in viele Bereiche der Gesellschaft. Dazu gehören neue Formen der öffentlichen Artikulation. Die Leute machen Happenings. Und das rund um die Welt. Die kreativen Artikulationsweisen heutiger Protestbewegungen lassen sich auf diesen Beginn um 1968 zurückführen. Das Problem ist nur, dass diese Protestbewegungen heute sofort Lob aus dem Establishment erhalten. Wenn Occupy von Angela Merkel gelobt wird, hat sie natürlich ihr Ziel verfehlt. Zum Erbe von 1968 gehören jedoch die riesigen Interaktionen von Menschenansammlungen. Diese Menschen fühlen sich miteinander intensiv verbunden. Dieses Lebensgefühl gab es vor 1968 so nicht. Da hat sich viel verändert.

Wie hat sich die Pop- und Rockkultur von 1968 bis heute verändert?

Die Rockmusik ist für unser Leben selbstverständlich geworden. Rock und Pop sind überall. Das lässt sich gerade an den USA zeigen. Dort gibt es keine Menschen mehr, die nicht mit Rockmusik aufgewachsen sind. Wir haben deshalb heute eine selbstverständliche Präsenz dieser Musik in allen Poren der Gesellschaft. Das war 1968 noch ganz anders. Damals wollte Ronald Reagan als Gouverneur des US-Bundesstaates Kalifornien Rockkonzerte noch verbieten. Heute würde man sich mit einer solchen Forderung lächerlich machen. Es gibt zugleich eine große Diversität der Stile und Formen. Um 1968 dominiert noch sehr deutlich ein Stil der Rockmusik. Heute gibt es viel mehr Stile. Dazu gehört ja auch die Neue Deutsche Welle in Hagen, zu der wir Soziologen an der FernUniversität forschen. Heute gibt es nicht mehr den größten Popstar. Den hätte man in den sechziger Jahren noch benennen können. Hier weiterlesen: Von Sit-in bis Bed-In - die turbulente Vorgeschichte der 68er.

Aber hat die Kommerzialisierung das Image der Rebellion nicht aufgesogen?

Sicher, rund um diese Musik ist eine Kreativindustrie entstanden. Das ist aber nicht alles. Das Bild der übermächtigen Kreativindustrie, die jeden neuen Impuls sofort aufsaugt, ist mit Vorsicht zu betrachten. Wie bei den alternativen Formen der Ökonomie eröffnet auch die Rockmusik weiter die Möglichkeit, sich anders als im Mainstream zu artikulieren. 1968 hat das überhaupt erst ermöglicht. Rockmusik hat dazu geführt, dass sich ein anderes Lebensgefühl verbreitet hat, auch über eine intellektuelle Elite hinaus. Zu diesem Lebensgefühl gehört, alles hinter sich lassen und sich anders fühlen zu können. Es gibt authentische Erlebnisse, die Menschen mit der Rockmusik machen und die man ihnen auch nicht mehr nehmen kann. Ich denke da an einen Menschen, der mir mit Tränen in den Augen von seinen Erlebnissen auf Konzerten von Jimi Hendrix erzählte. Wir alle machen solche Erfahrungen.

Wie hat die Pop- und Rockkultur Ihr eigenes Leben geprägt?

Meine Eltern haben mit der Rockmusik nicht viel anfangen können. Mit der Rockmusik bin ich aus manchen Begrenzungen meines frühen Lebens herausgekommen. Ich komme aus der Nähe von Osnabrück und bin immer wieder in diese Stadt zu Konzerten gefahren. Im Osnabrücker Hyde Park hatte ich meine Woodstock-Erlebnisse. Für mich sind diese Erfahrungen sehr wichtig. Rockmusik begleitet mich mein Leben lang. Hier weiterschauen: 50 Jahre 1968 - das Protestjahr in Bildern.

Sie besitzen selbst zwei E-Gitarren. Welche Songs üben Sie gerade?

Ich übe gerade „Beast of Burden“ von Bette Middler und den Rolling Stones, weil das Gitarrenriff so interessant ist. Ich bin jetzt im dritten Jahr, in dem ich E-Gitarre lerne. Derzeit stärke ich mein Rhythmusgefühl mit Rockabillyriffs. Jetzt habe ich mir aber auch noch einmal meinen Helden Jimi Hendrix vorgenommen. Der hat einfach die Standards der Rockmusik gesetzt.


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