Kritik zum Filmstart „Black Panther“: Marvel schreibt die Geschichte neu

Von Daniel Benedict


Berlin. „Black Panther“ ist der erste schwarze Superheldmit einem Solo-Blockbuster. Auf Ryan Cooglers Marvel-Film ruhen die Erwartungen an ein Hollywood-Kino, in dem sich endlich alle wiederfinden.

Pädagogischer Kampf für den Blockbuster

„Black Panther“ ist der erste schwarze Superheld, dem Hollywood einen eigenen Film widmet. Die Bedeutung, die das in den USA hat, ist nicht zu überschätzen. Die Ticketvorverkäufe erreichen selbst im Segment der Blockbuster Rekordzahlen. Unter dem Hashtag #BlackPantherChallenge werden sogar Spenden eingeworben, damit auch arme afro-amerikanische Kinder eine Heldengeschichte sehen können, in der sie repräsentiert werden.

Abschied von der Marvel-Ironie: „Black Panther“ meint es ernst

Dass es diesmal um etwas geht, merkt man schon am Tonfall: Regisseur Ryan Coogler dreht der Marvel-Ironie den Saft ab. Eben noch zelebrierten die „Guardians of the Galaxy“ (2014/2017) ihre Vergnügungssucht; „Thor“ (2017) versuchte ihre Selbstbezogenheit noch zu überbieten. „Black Panther“ stellt ein ernst gemeintes Königsdrama dagegen, das – überdeutlich, aber dafür aktuell – nach der Verantwortung einer Führungsnation fragt. Darum geht’s: Nach der Ermordung seines Vaters kehrt der afrikanische Thronfolger T’Challa (Chadwick Boseman) in sein Heimatland Wakanda zurück; mit der Regierungsverantwortung übernimmt er auch den Ehrentitel des Black Panther. Seine Autorität untergraben allerdings der Rohstoffjäger Ulysses Klaue sowie der Anführer eines anderen Stamms. Auch ein vergessener Verwandter fordert den König heraus, aus strategischen Gründen: T‘Challa ist radikaler Isolationist; sein Gegner will Wakanda zur Schutzmacht aller Schwarzen aufbauen. Und w es um feindselige Bruderschaften geht, bleibt für den Kumpel-Humor der Marvel-Filme nicht viel Platz.

Marvels „Black Panther“: Shuri (Letitia Wright) ist die kleine, aber ganz und gar nicht niedliche Schwester des Helden. Foto: Marvel Studios 2018

Black Panthers Afrika – die Führungsmacht einer anderen Welt

Ethno-Kostüme, Schmucknarben und Lippenteller: Der Comic-Film kostet den Bilderschatz der afrikanischen Stammeskultur intensiv aus; spätestens bei den Krönungsfeierlichkeiten rutscht man nervös auf dem Kinositz herum. Schließlich erinnert das alles sehr an den Exotismus der Kolonialzeit. Dann allerdings platzt Shuri, die Schwester des schwarzen Panthers, mit ein paar saloppen Bemerkungen ins feierliche Zeremoniell – und macht klar: Diese Afrikaner haben zu ihrer Tradition ein genauso aufgeklärtes Verhältnis wie jeder deutsche Messdiener zu der seinen. In Wahrheit ist Wakanda nämlich gar kein vormoderner Dorfstaat, sondern eine hoch entwickelte Industrienation und der restlichen Welt um Jahrzehnte voraus. Der Staat tarnt sich nur als Entwicklungsland, damit seine Vibranium-Vorkommen – ein Material mit Superkräften – nicht in falsche Hände geraten. („Marvel‘s Avengers Infinity War“: Was wissen wir schon über den Blockbuster?)

Alternative Geschichtsschreibung: Superheld kämpft gegen Denkmuster

Ein Afrika, das seine Rohstoffe behält und den Westen technologisch abhängt: Mit dieser alternativen Geschichtsschreibung erinnert „Black Panther“ an Tarantinos „Inglourious Basterds“ und seinen jüdischen Sieg über Hitler. In Cooglers Film wirkt der Effekt produktiver als in der Nazi-Groteske, weil hier wirklich uralte Denkmuster eingerissen werden. Und das obwohl die Idee offenbar schon aus den Comics stammt, in denen Stan Lee und Jack Kirby den Black Panther 1966 eingeführt hatten. (Einen Gegenspieler namens Man-Ape gab es damals allerdings auch, dessen äffische Charakteranteile der Film nun behutsam dämpfen muss.) Der Film öffnet nun Räume für Figuren, die sonst immer zu kurz kommen: Für Schwarze natürlich, die die Geschichte größtenteils unter sich ausmachen; Martin Freeman wird als einer der wenigen Weißen einmal sogar ausdrücklich des Raumes verwiesen. Um starke Frauen bemüht Coogler sich aber auch: Die wichtigsten Kämpferinnen des Königs sind weiblich. (Gespielt werden sie unter anderem von Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o und dem „Walking Dead“-Star Danai Gurira.) Und die Gadgets der technologischen Kriegsführung entwickelt –als Pendant zu James Bonds Q –Black Panthers kleine Schwester (Letitia Wright). (Größter Marvel-Flop aller Zeiten: Wer ist Howard the Duck?)

Kämpft Black Panther bald gegen den Ku Klux Klan?

Die Idee von Afrika als Wiege der Kultur spielt der Film bis in Details durch: Nicht nur die Superhelden-Masken stehen hier plausibel in der Tradition afrikanischer Kunst; selbst die lateinische Schrift erscheint bei Texteinblendungen als Ableitung von einem afrikanischen Original. Die Schrecken der realen Geschichte stehen bei dem Entwurf einer Afro-Mythologie hintan; das Thema der Sklaverei bleibt im Hintergrund; amerikanischer Rassismus spielt vorerst keine Rolle. Das muss nicht so bleiben. Cooglers preisgekröntes Debüt „Fruitival Station“ (2013) erzählt von rassistischer Polizeigewalt. Und Black Panther hat schon in den Comics der 70er Jahre den Kampf gegen den Ku Klux Klan aufgenommen.

„Black Panther“. USA 2018. R: Ryan Coogler. D: Chadwick Boseman, Lupita Nyong’o, Danai Gurira, Letitia Wright, Daniel Kaluuya, Forest Whitaker, Martin Freeman, Andy Serkis. 134 Minuten, ab 12 Jahren.