Streit um Skulptur von Jeff Koons „Tulpen“ in Paris: Gutes Gedenken für Terroropfer?

Von Dr. Stefan Lüddemann


Paris. Kann man mit einer Tulpenskulptur an die Terroropfer von Paris erinnern? Jeff Koons will sein Hochglanzbouquet Paris zum Geschenk machen. Jetzt tobt der Streit um das Projekt. Zu Recht. Koons macht aus dem Gedenken Werbung in eigener Sache. Ein Essay über die Frage, ob Kunst noch engagiert sein kann.

Elf Meter hoch, 30 Tonnen schwer, knallbunt und auf Hochglanz poliert: Jeff Koons´ Tulpen wirken wie sündhaft teure Schmuckstücke aus dem Luxuskaufhaus der Kunst. Koons hat auch überdimensionale Pudel und aufgeblasene Herzen im Angebot. Seine Kunst glänzt und blinkt. Und sie ist universal lesbar. Denn sie spricht die Sprache des globalisierten Konsums. Jetzt soll sie unvermittelt auch zum Gedenken taugen. Koons bietet seine „Tulpen“ Paris als Geschenk zum Gedenken an die 130 Opfer der Terroranschläge vom November 2015. Koons und der Terror, Blingbling und das Gedenken: Der Kontrast schmerzt. Das Angebot ist aber ganz ernst gemeint. Die Protestwelle gegen das Projekt läuft seit Wochen. Es geht dabei nicht nur um den genialen Selbstvermarkter Jeff Koons. Auch die Kunst und die Kraft ihres Engagements steht auf der Kippe. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden.

Anklage und Protest

Kunst als Anklage, Protest, Engagement: Pablo Picasso definiert 1937 mit seinem Antikriegsbild „Guernica“ den Archetypus einer Kunst, die in ihre Zeit interveniert. Das Gemälde macht mit seiner Energie den Mächtigen noch heute Angst. Der damalige US-Außenminister Colin Powell lässt ein Duplikat des Bildes 2003 in der New Yorker UN-Zentrale verhängen, als er Amerikas Pläne für den Krieg im Irak rechtfertigt. Zu sehr drückt Picassos Klage auf sein Gewissen. Die Tradition einer engagierten Kunst hält sich bis heute durch. Joseph Beuys erhebt mit seiner Idee der „Sozialen Plastik“ den Anspruch, das Zusammenleben der Menschen selbst zum Gegenstand künstlerischer Formung machen zu wollen. Christo verändert mit seinen riesigen Installationen städtische Zonen, ja ganze Landschaften. 2017 erst errichtet Marta Minujín auf der Documenta in Kassel ihr „Parthenon der Bücher“ als Votum für die in vielen Ländern bedrohte Meinungsfreiheit. Hier weiterlesen: Liebesrausch auf Goldgrund - Gustav Klimt im Porträt.

Tochter der Freiheit

Dabei wirft die Vorstellung einer Kunst mit politischer Agenda auch Fragen auf. Kunst hat schließlich frei zu sein, frei von allem Auftrag, jeder sozialen Verpflichtung. „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“: Friedrich Schillers Diktum aus seiner Programmschrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“ konturiert das Kunstverständnis der Moderne. Kunst ist danach aller inhaltlichen Vorgabe ledig. Avantgardisten spitzen diese Vorstellung im 20. Jahrhundert zum Konzept einer radikalen Autonomie der Kunst zu. Auftrags- und Parteikunst sind passé. Die Kunst ist damit aber lange nicht unpolitisch. Gerade ihre viel beschworene Autonomie verleiht ihr die Kraft, sich einzumischen. In der Moderne avanciert die Kunst zur gesellschaftlichen Instanz von eigenem Recht. Kunstwerke können weithin sichtbare Zeichen sein. Auch für Freiheit und Menschlichkeit. Hier weiterlesen: Das wichtigste Antikriegsbild - wie „Guernica“ die Weltmacht einschüchterte.

Ware für den Markt

Jeff Koons ist gleichfalls sichtbar - mit einer Kunst, die um jeden Fall auffallen will. Koons allerdings repräsentiert die andere Seite der Autonomie. Sie modelt Kunst zur Marktware, die heute global zirkuliert und von Superreichen als prestigeträchtiger Luxus und lukrative Anlage gleichermaßen gesehen wird. Koons will seine „Tulpen“ im reichen 16. Arrondissement von Paris aufgestellt wissen, zwischen zwei schicken Museen, fern der Orte der Anschläge, an die doch erinnert werden soll. Die mit drei Millionen Euro geschätzten Herstellungskosten wollen Sammler und Mäzene tragen, darunter Francois Pinault, der demnächst ein eigenes Museum in Paris errichten will. Ist das vorgebliche Mahnmal damit schon ein Spekulationsobjekt, bevor es überhaupt errichtet ist? Hier weiterlesen: Universum des Banalen - Jeff Koons im Pariser Centre Pompidou.

In der Pose des Opfers

Niemand glaubt vor solchem Hintergrund noch an die Aufrichtigkeit eines Gedenkens, dessen Zeichen die Skulptur doch sein soll. Jeff Koons erscheint als Künstler, der das inhaltliche Anliegen nutzt, um den eigenen Marktwert zu steigern und seiner Kunst eine politische Relevanz zuzuschreiben, die sie nicht hat. Das Projekt erinnert damit an jenes Foto, auf dem sich der chinesische Starkünstler Ai Weiwei in der Pose des 2015 ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi präsentierte und dafür harsche Kritik einstecken musste. Wie kritische Kunst verflachen kann, zeigt jetzt auch der ansonsten als Querdenker bekannte Maurizio Cattelan, der gerade eine Plakatkampagne für ein Datingportal gestaltet. Solche Künstler machen aus der Autonomie ihrer Kunst eine Ware, mit der sie sich lukrativ positionieren. So begeben sie sich aber auch in neue Abhängigkeiten. Und ruinieren Ruf und Reputation der autonomen Kunst. Hier weiterlesen: Tristesse im Lichterglanz - Paris nach den Anschlägen.

Ministerin hilft aus

Jeff Koons ficht das nicht an. Er hat nicht nur sehr reiche Gönner, auch Frankreichs Kulturministerin Françoise Nyssen springt dem Star bei und verspricht in einem Interview eine „Lösung, die der symbolträchtigen Geste von Koons gerecht werde. Wer spricht davon, ob diese Lösung auch den Opfern der Terroranschläge gerecht werden wird? Wenn es um solche Kunst wie die von Koons geht, spricht der prominente Kunstpublizist Wolfgang Ullrich von „Siegerkunst“. Siegerkunst steht nach seiner Definition auf der Seite der Macht und der Reichen, nicht auf der Seite der Schwachen, der Opfer. Hier weiterlesen: Gerhard Richters „September“ erinnert an New Yorker Terroranschläge.

Ausverkauf der Aura?

Dabei gibt es auch Künstler, die sich, wie ein Picasso stark machen für bedrohte Freiheiten. Die schon erwähnte Marta Minujín zum Beispiel oder der Fotokünstler Wolfgang Tillmans, der für seine Bildkampagne gegen den Brexit unter anderen Bond-Darsteller Daniel Craig gewinnen konnte. Die Kubanerin Tania Bruguera übersetzt Kunst für ihre Projekte gleich in Performance und Teilhabe, zum Beispiel mit ihrer Aktion für illegale Immigranten in New York. Markt oder Meinung? Die Beispiele zeigen, dass die Kunst an einem historischen Scheideweg steht. Wenn es schlecht läuft, ist sie gerade dabei, ihr aus den Avantgarden gespeistes Prestige meistbietend zu verkaufen. Koons liefert dafür das beste Beispiel. Er macht selbst aus dem Gedenken noch einen PR-Coup. (mit dpa)