Daniel Barenboim dirigiert grandios „Tristan und Isolde“ in Berlin: Nix mit Sex

Von Ralf Döring


Berlin. Die Regie lässt Fragen offen. Doch musikalisch zählt „Tristan und Isolde“ an der Berliner Staatsoper zum Besten, was man derzeit auf der Opernbühne erleben kann.

Diesmal spricht die Stille, vibrieren Pausen vor Spannung. Dreimal hebt zu beginn des „Tristan“-Vorspiels das schmachtende Sehnsuchstmotiv an; bei Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin beginnt es kaum vernehmbar, unwirklich. Als würde er langsam einen Regler nach oben ziehen, schwillt die Musik an, bis sie glüht wie ein Draht kurz vor der Schmelze und im berühmten „Tristan“-Akkord eine Scheinerlösung findet. Dann: Stille. Barenboim zögert den Fortgang hinaus, so lange, bis es wirklich nicht mehr anders geht: Dann erst beginnt die nächste Erregungswelle. Weiterlesen: Katharina Wagner inszeniert „Tristan“ in Bayreuth

Barenboim geht ans Limit

„Tristan und Isolde“? An der Berliner Staatsoper Unter den Linden zählt das, trotz oder wegen der Herausforderungen, die das Werk stellt, zum Standardrepertoire. Dirigent und Orchester aber zeigen alles andere als Routine: Sie kochen Emotionen am Siedepunkt. Barenboim geht ans Limit des überhaupt noch Hör- und Wahrnehmbaren und an die Grenze, wo Wut, Schmerz und Liebe anfangen, weh zu tun. Was an Gefühlsstürmen in den Seelen der armen Protagonisten tobt - Barenboim macht es hörbar. Fein differenziert, durchhörbar, aber auch mit aller schlagenden Wucht.

Dazu passt das Sängerensemble. Andreas Schager hat vor knapp anderthalb Jahren, ebenfalls mit Barenboim, als „Florestan“ brilliert; jetzt singt er sich mit phänomenaler Selbstverständlichkeit durch die monströse Tristanpartie. Vom ersten beiläufig gesungenen Halbsatz bis zum letzten ersterbenden „Isolde!“ sitzt jeder Ton, jede Phrase. Durch sämtliche Aggregatzustände von Liebe und Wahn hindurch wahrt seine Stimme ihr goldenes, profundes Timbre, und so muskulös der satt grundierte Tenor daherkommt, so federnd elastisch klingt er auch. Weiterlesen: Andreas Schager in Berlin als Florestan

Anja Kampe trumpft vor allem im ersten Akt auf: Ihre Isolde ist eine emanzipierte, selbstbewusste Frau, und das klingt aus jedem Ton. Sauber und sonor in der Tiefe, die Höhen rund und kraftvoll, legt Kampe eine ganze Bandbreite an Emotionen in ihren furiosen Part: Sie tobt, ätzt vor Zynismus, und ihr Liebeskummer steckt voller Wut – furios und brillant legt Kampe die ganze Psyche der irischen Königstochter Isolde offen.

Tcherniakov wühlt in der Psyche

Hier kommt der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov ins Spiel. Tcherniakov schaut seinen Protagonisten tief in die Psyche; an der Hamburger Staatsoper hat er das mit „Herzog Blaubart“ von Béla Bartók vorgeführt. Auch bei Tristan und Isolde wühlt er kräftig im Innenleben - und dreht gewissermaßen den Spieß um. Nicht Isolde ist die Akteurin, die mithilfe von Zauberkünsten die Gefühlsachterbahn in Gang setzt. Die Liebe wird denn glatt zur Lachnummer, und im zweiten Akt präsentiert Tcherniakov Tristan als großen Manipulator, der Isolde instrumentalisiert. Die Liebesszene im zweiten Akt erinnert denn auch weniger an den auskomponierten Orgasmus, der dieser Szene immer zugeschrieben wird, als vielmehr an eine Stunde nachhaltiger Gehirnwäsche. Tristan konfrontiert Isolde mit Suggestivfragen und bejubelt, wie ein Einpeitscher beim Belegschafts-Coaching, die Antworten. „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“? Statt sich sinnlich bebend aufs Liebeslager zu kuscheln, sitzen sich die beiden in den Sesseln des bravbürgerlichen Salons von König Marke gegenüber. Nix mit Sex. Weiterlesen: Dmitri Tcherniakov inszeniert „Herzog Blaubart“

Tcherniakovs nüchterne Sicht der Dinge wirkt, als wolle er Lust und Wahn herunterkühlen, die aus dem Orchestergraben dampfen. Das muss einem gefallen - auch das Offiziersdeck im ersten Akt mit seinen holzvertäfelten, geschwungenen Wänden ist nicht jedermanns Geschmack (Bühnenbild: ebenfalls Tcherniakov), die Business-Anzüge der Protagonisten (Kostüme: Elena Zaytseva) eben so wenig.

Doch Isolde macht sich gut als selbstbewusste Karrierefrau im Hosenanzug, begleitet von einer nicht minder selbstbewussten Brangäne - die zudem von Ekaterina Gubanova mit einem bezaubernd durchsetzungsfähigen Mezzo ausgestattet ist. Dass Isolde im zweiten Akt Opfer männlicher Manipulation wird, kann ruhig im Sinne von #MeToo interpretiert werden; ein bisschen schade ist jedoch, dass Anja Kampes Isolde, nun zur zweitwichtigsten Figur herabgestuft, ein wenig an stimmlicher Präsenz verliert. Dafür stirbt sie einen zauberhaften Liebestod, und all das ändert nichts an dem fantastischen Niveau, auf dem hier musiziert und gesungen wird - Stephan Milling als Marke, Boaz Daniel als Kurwenal fügen sich perfekt in die Riege erstklassiger Sängerdarsteller. Und so mag Tcherniakovs Regie allzu unterkühlt wirken - musikalisch glüht dieser „Tristan“ auf höchster Stufe.


Restkarten für die Vorstellung am 18. März, alle anderen Vorstellungen sind ausverkauft.