Der Computer-Klon schreibt Neues Buch von Clemens J. Setz: „Bot. Gespräche ohne Autor“

Von Karsten Herrmann

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Einer der eigenwilligsten und originellsten deutschsprachigen Schriftsteller: Clemens J. Setz. Foto: Imago/Rudolf GiglerEiner der eigenwilligsten und originellsten deutschsprachigen Schriftsteller: Clemens J. Setz. Foto: Imago/Rudolf Gigler

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz hat sein neues Buch veröffentlicht: „Bot. Gespräche ohne Autor“. Ein Werk für literarische Flaneure.

Alexa und Siri führen heute vor, was Computer-Pioniere wie Alan Turing oder Science-Fiction-Schriftsteller wie Philipp K. Dick noch als Utopie formulierten: Ein Dialog zwischen Mensch und Maschine, die digitale Rekonstruktion eines menschlichen Hirns.

In diesem Fahrwasser hat sich jetzt der österreichische Schrift-steller Clemens J. Setz daran gemacht, ein autobiografisches Buch durch einen Computer-Klon schreiben zu lassen: „Der Autor selbst fehlt und wird durch sein Werk ersetzt.“ Grundlage dafür bildeten die gesammelten digitalen Journale des Autors, die qua Volltextsuche und entsprechende Zufallstreffer Fragen zu Werk, Leben, An- und Einsichten ihres Schöpfers beantworten.

Literarisches Experiment

Um es vorwegzunehmen: Das literarische Experiment von Clemens J. Setz zeigt sowohl Licht wie auch Schatten und manche der digitalen Zufallstreffer und Collagen bleiben beliebig und unergiebig. Doch über weite Strecken erweist sich der Synästhetiker Setz, „der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt“, als Meister der kleinen Form. Dystopische Szenen reihen sich in diesem Buch an kleine urbane Entdeckungen, groteske Zusammenhänge an literarische Reminiszenzen und surreale Fantasien.

Aufhänger können inspirierende Apotheken, ein Hebelchen im Putz, Parkbänke, Gerüche oder Stiefmütterchen sein, die „aussehen wie Günter Grass“. Mit genauem Blick bürstet Setz das „Gewebe der Wirklichkeit“ gegen den Strich und die gewohnte Wahrnehmung, enttarnt in unserem Alltag Überraschendes und die leicht übersehenen „Glitches“, die „Fehler, Blasen und Verwerfungen“.

Höchst originell

Wie schon in seinen Romanen „Indigo“ oder „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ erweist sich Clemens J. Setz auch in „Bot“ als einer der derzeit eigenwilligsten und originellsten deutschsprachigen Schriftsteller. Alltägliches Leben, Kunst, Literatur und Philosophie fließen hier in einem spannenden Remix zusammen.

„Bot“ ist dabei insbesondere auch ein Buch für literarische Flaneure, für das ziellose Herumschweifen und beiläufige Aufsammeln. Belohnt wird der Leser durch exquisite Fundstücke, verblüffende Ein- und Aussichten und hochpoetische Miniaturen. Das „Gespräch ohne Autor“ ist, wie der digitale Setz-Klon es so schön in Bezug auf die Tagebücher Jules Renards formuliert immer wieder mal „ein Springballspender für die Seele.“

Clemens J. Setz: Bot. Gespräch ohne Autor. Suhrkamp, 166 Seiten, ISBN: 978-3-518-42786-6, 20,00 Euro.


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