Kunst zur Angst vor dem Fremden Kunsthalle Osnabrück: Nosferatu-Schau von Mastrovito

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Der Vampir als Symbol der Angst vor dem Fremden: Zeichner und Filmemacher Andrea Mastrovito erzählt mit der Figur Nosferatus eine pessimistische Geschichte des Westens. In der Kunsthalle Osnabrück zeigt er unter dem Titel „Symphonie eines Jahrhunderts“ einen Film sowie Bildergeschichten. Eine bildgewaltige Schau.

Kahler Schädel, abstehende Fledermausohren, die erhobene Krallenhand: Nosferatu ist das Grauen in Person. Aber der Schatten, den die Vampirgestalt auf der Zeichnung von Andrea Mastrovito wirft, lässt uns wirklich das Blut in den Adern gefrieren. Denn Mastrovito gibt diesem Schatten den Umriss der Freiheitsstatue. Der italienische Künstler versetzt Nosferatu nach New York, mitten in das Herz der westlichen Zivilisation. Dort treibt er in der gezeichneten Kunstwelt von Mastrovito sein Unwesen - nicht einfach als finsterer Eindringling, sondern auch als schattenhaftes Double großer Lichtgestalten. Der Vampir als schreckenerregendes Gegenbild westlicher Fortschrittsgewissheit: Diese Konstellation hatte schon Bram Stoker in seinem Roman „Dracula“ entworfen. Der Schreck sitzt tief - bis heute. Hier weiterlesen: Was zeigen Kunsthalle und Museumsquartier Osnabrück 2018? Die Vorschau.

Film aus 35000 Zeichnungen

Der im italienischen Bergamo geborene und in New York beheimatete Künstler Andrea Mastrovito zeigt sein unheimliches Bilderuniversum nun in der Kunsthalle Osnabrück. Ein Animationsfilm aus 35000 Zeichnungen, eine 28 Meter lange Bildstrecke aus Magazinseiten, Zeitungsartikeln, Buchcovern, dazu ein Fensterbild auf tausenden Plastiklinealen, weitere Zeichnungen auf einer Vielzahl von Objekten - Mastrovito entfesselt seine moderne Sinfonie eines ganz gegenwärtigen Grauens als All-over aus Zeichnungen, die sich wie Flug zu reproduzieren scheinen. Ist es bei den Vampiren nicht ebenso, wenn sie mit jedem Biss aus ahnungslosen Opfern immer neue Vampire machen? Hier weiterlesen: Back to Babel - Europanetzwerk für die Kunst.

Graf Orlok in New York

Mastrovito jedenfalls holt die Geschichte von dem Vampir, der aus Transsylvanien nach London kommt und dort sein Unwesen treibt, in die Gegenwart und verlegt ihre Schauplätze auf anspielungsreiche Weise. Nun bricht ein Börsenbroker aus New York nach Aleppo auf, um dort seine Geschäfte zu machen. Der Graf Orlok, schaurige Gestalt aus Fritz Murnaus berühmten „Nosferatu“-Film von 1922, reist nun von Syrien in die Vereinigten Staaten. Mitten in Big Apple taucht nun der Vampir auf und er ist wieder, wie schon in Bram Stokers „Dracula“, der Abgesandte einer finsteren Sphäre, die sich im Lichtfeld einer sich aufgeklärt und fortschrittlich wähnenden Welt tummeln darf. Nosferatu symbolisiert für Mastrovito, was der Westen gern ausblendet: die arabische Welt, die koloniale Vergangenheit, die fremde Kultur überhaupt. Hier weiterlesen: Felice Varinis aufregende Klebekunst in der Kunsthalle Osnabrück.

5000 Bücher als Filmleinwand

Der Künstler macht aus seiner zeitkritischen These ein bildgewaltiges Totaltheater, das die weiten Räume der Kunsthalle in packender Weise besetzt und dominiert. Auf die Buchblöcke von 5000 Büchern aus der Osnabrücker Stadtbücherei projiziert der Künstler seinen 67 Minuten langen Film „NYsferatu“, der die Geschichte der Reise des modernen Orlok von Aleppo nach New York erzählt. Die 28 Meter lange Bildercollage „Symphonie eines Jahrhunderts“ vereinigt Medienbilder zu einem Zeitstrahl, der mit Freuds „Unbehagen in der Kultur“ beginnt und mit Donald Trump endet. Diese Sinfonie des Grauens eigener Art zeigt die negative Folie zur gern erzählten Erfolgsgeschichte des Westens in den letzten Jahrzehnten. Mastrovito verwebt Bilder mit Motiven von Joseph Beuys und Angela Merkel, von Bin Laden und Charles Manson zu einem Kompendium von Protest und Krieg, Sexismus und Imperialismus. Der Westen hat seine grausame Kehrseite, verhält sich zu anderen Sphären der Welt selbst wie ein aussaugender Vampir: Darauf will Mastrovito hinaus. Hier weiterlesen: Wie der Vogelrug am Morgen: Klangperformance von Ayumi Paul in der Kunsthalle Osnabrück.

Kritik am Leben im Westen

Der Künstler inszeniert, übrigens unterstützt von ganzen Teams weiterer Zeichner, eine beeindruckend dichte Zivilisationskritik an westlicher Lebensweise. Mastrovito holt deren Verdrängungen an die Oberfläche. Er zeigt, dass es gerade in den Schreckensszenarien der Populärkultur wie Vampirromanen oder Katastrophenfilmen immer wieder darum geht, die kollektive Furcht westlicher Gesellschaften vor Kontroll- und Statusverlust in ihre eigene Unterhaltungskultur einzubeziehen und sie so zu bannen. Mastrovito nutzt den populären Vampirmythos allerdings dazu, eine Lebensweise zu demaskieren, die ihren Wohlstand dadurch aufrecht erhalten kann, indem sie die Probleme von Ausbeutung und Ungleichheit verdrängt. Hier weiterlesen: Icaro Zorbars Installationen aus alten Technikgeräten in der Kunsthalle Osnabrück.

Grobe Schockeffekte

Der Künstler greift bei all dem auch auf grobe Schockeffekte zurück. Vor allem seine pessimistische Geschichte von der auf hunderte farbiger Lineale gezeichneten „Melancholie des unsichtbaren Mannes“ wirkt bei aller zeichnerischen Virtuosität mit ihren Dekadenzszenarien bisweilen arg plakativ. Gleichwohl bietet die Kunsthalle Osnabrück mit „Symphonie eines Jahrhunderts“ ein bildgewaltiges Epos voll zeitkritischer Schärfe. Für die Lust an Gruseleffekten, die frösteln machen, ist obendrein gesorgt.

Osnabrück, Kunsthalle: Andrea Mastrovito: Symphonie eines Jahrhunderts. Eröffnung: Sonntag, 11. Februar 2018, 11 Uhr. Bis 2. April 2018. Di., 13-18 Uhr, Mi.-Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr. kunsthalle.osnabrueck.de