Ulrich Matthes zur #MeToo-Debatte: Schlussstrich wäre absurd

Von Joachim Schmitz

Sanktionen für die Täter fordert Schauspieler Ulrich Matthes und wünscht sich weitere Veränderungen im Sinne der Emanzipation. Foto: imago/Manfred SegererSanktionen für die Täter fordert Schauspieler Ulrich Matthes und wünscht sich weitere Veränderungen im Sinne der Emanzipation. Foto: imago/Manfred Segerer

Der renommierte Theater- und Filmstar Ulrich Matthes hat sich in die #MeToo-Debatte eingeschaltet. Im Interview mit unserer Redaktion plädiert der 58-jährige Schauspieler für Sanktionen gegen die Täter und weitere Veränderungen im Sinne der Emanzipation.

Herr Matthes, die #MeToo-Debatte hat durch den Fall Wedel jetzt auch Deutschland erreicht. Waren Sie überrascht?

Das hat mich kein bisschen überrascht, ich habe eher darauf gewartet. Es kann ja wohl nicht sein, dass es diesen Typus Mann, der übergriffig ist, in Deutschland nicht gibt. Ich habe nie mit Dieter Wedel gearbeitet, weiß aber, dass es seit Jahrzehnten teils empörte, teils augenzwinkernde Kommentare gab über den Ton, den er als Regisseur anschlug.

Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen?

Es gab ein paar, Gott sei Dank sehr wenige Theaterproduktionen, bei denen ein Regisseur seine Macht missbraucht hat – weniger sexuell als in einer unerträglichen Form von tyrannischem Gehabe. Da habe ich meine Stimme erhoben. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, ob und wann ich mich mal danebenbenommen habe. Aber als Schauspieler hatte ich diese Machtposition nie. Und aufgrund der Tatsache, dass ich von meinen Eltern deutlich zur Zivilcourage erzogen worden bin, war ich immer jemand, der sich eingemischt und gesagt hat: Freunde, so geht’s nicht.

Können Sie da etwas konkreter werden?

Das könnte ich, will ich aber nicht. Ich habe keine Lust, ein Mini-Fass gegen ein, zwei Leute aufzumachen. Darüber habe ich nachgedacht, aber ich fand es nicht so spektakulär, dass es hätte sein müssen. Zumal es eben nicht sexuell konnotiert war, es war einfach charakterlich unmöglich. Ich konnte gar nicht anders als zu sagen: Hallo, was ist hier denn los, Schluss damit! Aber ich will mich jetzt nicht bedeutender machen, als ich bin.

Man hört immer wieder, dass an manchen Schauspielschulen nach der Devise gelehrt wird, man müsse einen Schüler erst einmal brechen, um ihn dann neu zu formen. Der Name Ernst Busch fällt in diesem Zusammenhang häufiger mal.

Ich glaube an das Gegenteil. Bei Schauspielschülern muss man aufgrund der Tatsache, dass sie von einer der Top-Schulen aufgenommen worden sind, erst einmal von einem eher überzogenen Selbstbewusstsein ausgehen. Auf der anderen Seite kommen die Abstürze auf der Schule auch sehr schnell. Insgesamt sollte man unbedingt für einen Zustand von Sicherheit, vorsichtigem Päppeln und Unterstützung von Selbstbewusstsein sorgen.

Die Devise vom Erst-einmal-Brechen ist also falsch?

Meine Erfahrung lehrt mich 120-prozentig, dass Schauspieler – unabhängig davon, wie erfolgreich und berühmt sie sind – eine Atmosphäre brauchen, in der sie sich nicht selber zensieren, sondern blühen und frei sein, ihren Impulsen nachgeben und spielen können. Die Theorie, ich mache erst mal knacks, um dann die Scherben langsam wieder zu einem großartigen Puzzle zusammensetzen zu können, lehne ich total ab. Das ist nur der falsche, wichtigtuerische Ehrgeiz von manchen Dozenten und Regisseuren, die darüber ihr Selbstbewusstsein aufpäppeln wollen. Schüchterne und scheue Individuen werden dadurch nur gebrochen, aber eben nicht wieder zusammengesetzt.

Ist die #MeToo-Debatte in Deutschland nun ausgestanden, oder kommt da noch mehr?

Das klingt ja wie „Schlussstrich unter den Holocaust“. Genauso absurd wäre ein Schlussstrich unter #MeToo, auch wenn ich um Gottes willen nicht das eine mit dem anderen vergleichen möchte! Man kann nur hoffen, dass dieses große Thema dazu führt, dass Frauen in bestimmten Situationen selbstbewusster sagen: „No! Bis dahin und nicht weiter! Mach ich nicht! Lass mal!“ Und dass Männer, die bisher dazu neigten, ihre Macht auch auf erotischem Gebiet ungehemmt auszuleben, sich zurückhalten, und sei es nur aus Angst vor Strafverfolgung. Aber ich habe eben auch ein realistisches Menschenbild, das nicht nur positiv ist. Deshalb mache ich mir keine Illusionen: Auch in hundert Jahren wird es noch Übergriffe geben und Leute, die glauben, ihre Macht ausnutzen zu können.

Das klingt nicht gerade optimistisch.

Die Menschen heute sind wahrscheinlich nicht sehr viel bessere Menschen als die Leute im alten Rom. Aber die gesellschaftlichen Strukturen verändern sich, sie haben sich schon wesentlich im Sinne der Emanzipation verändert. Und werden sich hoffentlich weiter verändern.

Besteht nicht auch die Gefahr, übers Ziel hinauszuschießen?

Diese Gefahr besteht immer. Gerade in unserem Beruf, am Theater und beim Film, gibt es erotisch hoch aufgeladene Situationen. Da muss es möglich sein, dass man sich in einer Probe beim Spiel auch mal an den Busen oder den Schwanz greift und nicht anschließend die Frauenbeauftragte sagt: Hallo, was ist denn da los? So etwas muss in einer Probe oder am Set möglich sein, selbst wenn es nicht statthaft war. Ungeschicklichkeiten und Fehler muss es weiterhin geben dürfen, für die man sich anschließend auch entschuldigen kann. Nur bisher selbstverständliche bestimmte Verhaltensweisen, die nicht nur ungeschickt, sondern deutlich mehr waren – die müssen sanktioniert werden. Spätestens ab jetzt!

Solche Debatten gibt’s in unserer Gesellschaft immer wieder mal.

Ja. 1968 zum Beispiel war natürlich ein Glücksfall für dieses Land, das lasse ich mir von Herrn Dobrindt und Co ganz bestimmt nicht ausreden. Aber es gab in diesem Glücksfall natürlich auch Exzesse, die auf eine ganz furchtbare Weise übers Ziel hinausgeschossen sind. Wie der schwerstkriminelle RAF-Terrorismus.

Exzesse gab’s damals auch an den Universitäten.

Natürlich. Ich habe unter anderem mein Germanistik-Studium deshalb nicht abgeschlossen, weil ich dieses Gequatsche von irgendwelchen marxistisch-leninistischen Splittergruppen in Seminaren nicht ausgehalten habe! Das gab’s ja überall, egal ob es um den deutschen Expressionismus, Gerhard Hauptmann oder Thomas Mann ging. Und das zeigt doch: Jede Debatte, die grundsätzlich zu begrüßen ist, läuft natürlich auch Gefahr, in kleinen Ausfransungen übers Ziel hinauszuschießen. Denken Sie nur an die Summerhill-Erziehung: Sollen Kinder wirklich mit ihrer Kacke rumwerfen, wenn sie Lust dazu haben?

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