Vor 100 Jahren starb Gustav Klimt Gemälde „Der Kuss“: Liebesrausch auf Goldgrund

Von Dr. Stefan Lüddemann


Wien. Gemälde wie „Der Kuss“ und „Adele Bloch-Bauer I“ machten ihn weltberühmt: Der Maler Gustav Klimt feierte im Wien um 1900 seinen Lebensrausch. Vor 100 Jahren starb der Künstler des Jugendstils.

Was bedeutet die Welt? Nichts, wenn ein Mann und eine Frau in der kosmischen Seligkeit eines Kusses versinken. Auf dem Gemälde „Der Kuss“ stellt Gustav Klimt seine Geliebte Emilie Flöge und sich selbst auf schimmernden Goldgrund. Strahlende Farben rieseln über die beiden Körper wie ein glitzernder Wasserfall, aus dem nur die beiden Köpfe, Hände und ein Fuß ragen. Zwei Menschen lösen sich auf, vergehen in der Selbstfeier. Klimts „Kuss“ von 1907/08 zelebriert das Glück des Künstlers und seiner Muse als Hochgefühl eines Glamourpaares. Heute das Model Kim Kardashian und der Rapper Kanye West, vor mehr als einem Jahrhundert Klimt und Flöge - mit dem „Kuss“ startet der Kult um Stars und Celebrity. Hier weiterlesen: Von Rubens bis Klimt - das bringt das Ausstellungsjahr 2018.

Prickelnd wie Champagner

Lebensfeier und Todeserwartung, Glanz und Abstieg, rauschender Erfolg und lärmender Skandal: Was nach dem Skript einer Soap klingt, füllt bei Gustav Klimt ein rauschhaft kurzes Leben, in dem sich das Panorama einer übersteigerten Epoche spiegelt. Vor 100 Jahren, am 6. Februar 1918, stirbt Gustav Klimt, im gleichen Jahr wie die Künstlerkollegen Koloman Moser, Otto Wagner, Egon Schiele. Mit ihnen geht die Donaumonarchie in der Niederlage des Ersten Weltkrieges unter. Diese Parallele wirkt nur im ersten Moment aufgesetzt. Gerade Klimts Frauenbilder und Wandfriese prickeln mit ihrer Erotik wie ein letzter Schluck aus dem Champagnerkelch, bevor im Ballsaal die Lichter für immer ausgehen. Seine Kunst avanciert zur funkelnden Chiffre einer Untergangs- und Übergangszeit. Hier weiterlesen: Matisse, Picasso, Renoir - Maler an der Cote d´Azur.

Fieberträume der Gesellschaft

Im Wien der vorletzten Jahrhundertwende rauscht ein Fest. Gustav Klimt wirkt heute wie eine seiner Hauptfiguren. Er versteht sich auf jene Inszenierungen, in denen sich Adlige, Großbürger und Intellektuelle wiederfinden. Klimt startet als Mitglied einer Produktionsgemeinschaft, die Wanddekorationen herstellt. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und dem Malerkollegen Franz Matsch staffiert er Treppen und Wandelsäle in Burgtheater und Kunsthistorischem Museum aus. Klimt entwirft aber keine flachen, heiteren Welten. Seine Wandbilder „Philosophie“, „Medizin“ und „Jurisprudenz“, die er um 1900 für den Festsaal der neuen Wiener Universität malt, wirken mit ihren fahlen Figuren wie die Fieberträume einer dekadenten Gesellschaft. Prompt sorgen diese Werke - die „Jurisprudenz“ zerstören später die Nationalsozialisten - für einen Skandal. Kunst und der Vorwurf der Pornografie: Nach diesem Drehbuch werden bis heute Skandale durchgespielt. Hier weiterlesen: Kunststars im Konflikt - Museen inzensieren Künstler als Gespann.

Maler im langen Gewand

Sicher, Gustav Klimt wird niemals an die Akademie berufen. Und er gründet gemeinsam mit Joseph Maria Olbrich und Josef Hoffmann die „Wiener Secession“ als Gruppe unbotmäßiger Avantgardisten. Ein Außenseiter ist er damit noch lange nicht. Klimt wirkt eher wie der Repräsentant seiner Zeit, die den Fortschritt von Wissenschaft und Technik vorantreibt, luxuriöse Genüsse kultiviert und im Zeichen der Psychoanalyse die Unsicherheit des eigenen Ich entdeckt. Der Mann im wallenden Malergewand feiert Leben, Liebe - und die Frauen in all ihrem irritierend doppeldeutigen Reiz. Seine Porträts von Damen der erlesenen Gesellschaft inszenieren Sehnsüchte wie Obsessionen der Zeit. Sein Bildnis „Margarete Stonborough-Wittgenstein“ (1905) zeigt eine Frau im fließenden Gewand als zerbrechliche Schönheit. „Salome (Judith II) (1909) hingegen schockt als Femme fatale mit laszivem Blick und Krallenfingern. Hier weiterlesen: Planet Picasso - der Künstler und die Frauen.

Dominante Frauenfiguren

Ein Voyeur ist Klimt hingegen nicht. Der Künstler taugt nicht als früher Ankerpunkt aktueller #MeToo-Debatten. Mona Horncastle und Alfred Weidinger, Verfasser der aktuellen Klimt-Biografie, würdigen den Künstler als Frauenversteher. Der Maler inszeniert seine Frauenfiguren als dominierende Figuren eines neuen Lebensgefühls, in dem Mann und Frau gleichermaßen ihr Leben leben. Erotische Wünsche werden nicht mehr verdrängt, sondern wie im Rausch ausgelebt. Gustav Klimt findet mit seinen Wandfriesen das Medium dieses neuen Selbstverständnisses. Ob der Beethovenfries für das Wiener Secessionsgebäude oder der Figurenfries in der Brüsseler Villa Stoclet - Klimt intoniert mit seinen Reigen hingebungsvoll verfließender Figuren den Rhythmus einer verlockend tönenden Lebensmelodie. Hier weiterlesen: Partygirls von einst - Klimt, Schiele und Kokoschka in Münster.

Beltracchi verneigt sich

Gustav Klimt, Erfolgskünstler, Frauenliebhaber, Lebemann, kostet dieses Leben aus. Es ist kurz genug. Er stirbt im Alter von nicht ganz 56 Jahren in Wien. Seine Bilder tanzen weiter durch die Zeiten. Ob „Kuss“ oder „Judith“ - Klimts Bilder wandern als Motive auf Tassen und Seidentüchern durch das Universum des Merchandisings. Sein Porträt „Adele Bloch-Bauer II“ sorgte mit einigen weiteren Bildern für einen der größten Skandale um Raubkunst, die der österreichische Staat nach langem Widerstreben 2006 doch an die Nachfahren der Porträtierten herausgeben musste. Die „goldene Adele“ wird für 135 Millionen Dollar verkauft. Und heute? Heute malt der ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi den Wiener Künstler im Klimt-Stil und baut sich selbst als Nebenfigur in das Bild mit ein. Tiefer kann sich der eitelste Pfau unter den Selbstdarstellern kaum verneigen. Gustav Klimt berührt das nicht. Sein Bild schwebt in einem Kuss, der niemals endet.