„Deutschstunde“ und „Christa T.“ Wie Literatur in Deutschland den Geist von 1968 prägte

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Sie haben nicht einfach mitgemacht, aber dennoch den Zeitgeist von 1968 geprägt: Deutschlands Autoren von Siegfried Lenz bis Hans Magnus Enzensberger reagierten mit Kritik und Kontroverse auf das Protestjahr – und mit großen Romanen, die längst zu Klassikern geworden sind.

In der Pulvermühle platzt die Bombe. Dichter! Dichter!“, verhöhnen die Studenten die in dem fränkischen Gasthof versammelten Schriftsteller und setzen sarkastisch nach: „Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger.“ Bis zu diesem Augenblick hat die Gruppe 47 den bundesdeutschen Literaturbetrieb dominiert. Paul Celan liest bei einer ihrer Tagungen seine „Todesfuge“, sein legendäres Gedicht über Auschwitz, Günter Grass trägt Passagen aus seiner „Blechtrommel“ vor, Heinrich Böll Kurzgeschichten. Die informellen Gruppentreffen produzieren Literaturstars in Serie. Doch die lautstarken Proteste der Mitglieder des Sozialistischen Studentenbundes, die 1967 aus dem nahen Erlangen nach Waischenfeld herübergekommen sind, markieren das Ende der Gruppe. Das Jahr 1968 erlebt sie nicht mehr. Hier weiterlesen: Über welche Bücher werden wir reden? Ein Ausblick auf das Literaturjahr 2018.

Junger Autor muckt auf

Kein Wunder. Denn die von Hans Werner Richter gegründete Gruppierung, bis heute ein Synonym für den bundesdeutschen Literaturbetrieb, erlebt ihr 1968 schon zwei Jahre vor dem Protestjahr. Am 22. April 1966 steht ein junger Mann im Publikum der Gruppentagung im amerikanischen Princeton auf. „Läppisch“, nennt der junge Mann mit der Pilzkopffrisur die literarische Produktion seiner Zeit und versetzt damit einer ganzen Ära den Todesstoß. Der junge Mann ist Peter Handke („Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“), heute selbst ein lebender Mythos der deutschsprachigen Literatur. Hier weiterlesen: Buch gegen Antisemitismus: Hans Joachim Schädlich im Interview.

Die politische Alternative

Handkes Protest zielt auf die Frage nach dem Verhältnis von Literatur zu gesellschaftlicher Wirklichkeit. Wie genau hat sich Literatur an den Fragen und Problemen von Alltag und Politik zu orientieren, welche Freiheit darf sie für sich in Anspruch nehmen? Diese Fundamentalfrage jeder Debatte um Literatur bricht 1968 mit schmerzender Wucht auf. Handke revoltiert zwar gegen das Establishment des Literaturbetriebes. Von schlichter Widerspiegelung sozialer Probleme in Erzählung und Roman will er aber nichts wissen. „Ein engagierter Autor kann ich nicht sein, weil ich keine politische Alternative weiß zu dem, was ist“, schreibt er 1966 in seinem Essay mit dem bezeichnenden Titel „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“. Hier weiterlesen: Mehr als der gute Mensch von Köln? Heinrich Böll im Porträt.

Neue Funktion für Literatur

Hans Magnus Enzensberger, der scharfzüngige Essayist und Zeitkritiker, wird zur gleichen Zeit schon deutlicher. Von „Alibi im Überbau“ schreibt Enzensberger mokant in seinen „Gemeinplätzen, die Neueste Literatur betreffend“, die 1968 im „Kursbuch“ erscheinen, dem drei Jahre zuvor von Enzensberger und Karl Markus Michel gegründeten Organ der Außerparlamentarischen Opposition. Enzensberger klagt eine neue Funktion der Literatur ein. Auf der Höhe der Zeit soll sie sich bewegen, eine Sprache finden, die nicht mehr existenzialistisch dunkel raunt, sondern argumentiert und debattiert und schildert und so zu jener technisch bestimmten Welt passt, die in der jungen Bundesrepublik entstanden ist. Hier weiterlesen: Wenn der Terror normal wird - „Leere Herzen“ von Juli Zeh.

Kritik am Wohlstand

Hatte nicht Enzensberger mit seiner Essaysammlung „Einzelheiten“ 1962 bereits vorgeführt, wie sich eine solche Kritik an der verflachten Wohlstandsgesellschaft anhören kann? Die Literatur jener Jahre entfaltet einen neuen Sound, eine frische, bis dahin wenig bekannte Unmittelbarkeit. Die von Erika Runge 1968 publizierten „Bottroper Protokolle“ stehen für eine Literatur, die sich dem Alltag der industriellen Arbeitswelt öffnet. Peter Weiss hatte für sein Stück „Die Ermittlung“ 1965 Auszüge aus den Mitschriften der Frankfurter Auschwitz-Prozesse in den Dramentext integriert. Protokollierende Sachlichkeit hat literarisch Konjunktur. Hier weiterlesen: Der Studentenprotest und seine Folgen - das Epochenjahr 1968 im Rückblick.

Die „Deutschstunde“

Die zwei Romane, die zu Zeiten der Studentenproteste vor allen anderen Epoche machen werden, folgen solchen im Rückblick eher kurzlebig erscheinenden Moden allerdings nicht. Siegfried Lenz verordnet mit seiner „Deutschstunde“ einer ganzen Nation jene Besinnung auf Verbrechen und Schuld, der sich seine Zeitgenossen bis dahin weitgehend verweigert hatten. Und Christa Wolf deckt mit ihrem „Nachdenken über Christa T.“ Widersprüche auf, in die eine nach 1945 hoffnungsvoll aufgebrochene Generation geraten war. Beide Romane entfalten in minutiöser Rückschau auf individuelle Lebensläufe jeweils ein ganzes Zeitpanorama auf. Beide Romane markieren ungeachtet der Mauer, die zu jener Zeit noch zwei deutsche Staaten trennt, die deutsche Literatur. Hier weiterlesen: Von „Sit-in“ bis „Bed-in“ - die Vorgeschichte des Protestjahres 1968.

Lebensbeichte einer Generation

Siggi Jepsen macht in der „Deutschstunde“, was Siegfried Lenz wohl am liebsten allen Deutschen seiner Zeit verordnen würde – er schreibt einen Besinnungsaufsatz, der unweigerlich zur Lebensbeichte der in die NS-Zeit verstrickten Generation avancieren muss. „Die Freuden der Pflicht“ lautet doppeldeutig der Titel dieses Aufsatzes, der Jepsen unter der Feder zum Erkundungsgang in die Alltagsgeschichte des Dritten Reiches expandiert. Siggis Vater ist jener Dorfpolizist, der dem Maler Max Ludwig Nansen das von den Nationalsozialisten verhängte Malverbot auszusprechen und es zu überwachen hat. Der Polizist tut seine Pflicht, so wie viele Deutsche, die mit genau dieser Haltung zwischen 1933 und 1945 als kleine Rädchen des großen Getriebes der Diktatur problemlos funktionierten. Hier weiterlesen: Ja, er fehlt uns! Günter Grass zum 90. Geburtstag.

Ein verfehltes Leben

Auch Christa Wolf horcht tief in die Lebenslügen einer ganzen Generation hinein. Ihre Romanfigur Christa T. steht stellvertretend für die junge Generation, die nach Krieg und Gewaltherrschaft in eine Zeit neuer Selbstverwirklichung und Ehrlichkeit aufbrechen möchte. In sensibler Prosa berichtet die Erzählerin von der Pädagogikstudentin Christa T., die im Arbeiter-und-Bauern-Staat gesellschaftlich engagiert sein möchte, sich unter dem Eindruck der allgegenwärtigen Gängelung durch die Partei aber desillusioniert mit ihrer Familie auf das Land zurückzieht und früh stirbt. Ihr Tod wirkt wie eine Chiffre auf eine politische Ordnung, die ihre Bürger zur Unaufrichtigkeit zwingt und deshalb kein wirkliches Leben zulässt. Hier weiterlesen: Unser Mann im Strom - Siegfried Lenz und das Meer.

Exemplarische Schicksale

Ob „Deutschstunde“ oder „Nachdenken über Christa T.“ – beide Romane stellen keine Thesen auf, sondern liefern sensible Erkundungen von Lebensläufen, die sich mit ihren Brüchen und Verdrängungen als repräsentativ erweisen. Beide Romane eröffnen die Nahsicht auf exemplarische Schicksale. Anklage, Parteinahme, Engagement – all das, was die Generation der 68er bewegt und ihre Haltung ausmacht, spielt in diesen Büchern keine Rolle. Das gilt übrigens auch für einen anderen Roman von 1968, der heute weitgehend vergessen ist. In „Keiner weiß mehr“ erzählt Rolf Dieter Brinkmann, Beatpoet aus Vechta, von einem jungen Paar und seiner Frustration in einem Leben, das der Selbstverwirklichung gewidmet sein soll, dann aber im Konsum versandet. Werbeplakat und Rolling-Stones-Schallplatte, Illustriertenfotos und die Tristesse einer kleinen Wohnung: Brinkmann macht mit seiner fahrig wirkenden Prosa spürbar, wie sich die Hoffnungen von 1968 in der Lebensroutine verflüchtigen. „Zusammen ergab das Abhängigkeit, eine privat anhaltende Misere, eine seltsame Niederlage für sie beide“, heißt es über das junge Paar. Hier weiterlesen: Der Blechtrommler Günter Grass als sehr junger Mann.

Ein Jeep brennt ab

Da ist nichts mehr zu spüren von jenem respektlosen Widerstandsgeist, dem Heinrich Böll 1966 mit seiner Erzählung „Ende einer Dienstfahrt“ populäre Wirkung verleiht. Die Geschichte von Vater und Sohn, die einen Jeep der Bundeswehr abfackeln, liefert bis heute das Musterbeispiel für aufmüpfigen Nonkonformismus. Die Schriftsteller sind dieser Haltung gleichwohl nicht auf den Leim gegangen. Jörg Fauser erzählt in seinem Roman „Rohstoff“ 1984, wie sich die Ideale der Protestgeneration in Heroinkonsum und Anpassung auflösen. Ein sarkastischer Abgesang – auch das gehört zur Geschichte des Verhältnisses von Literatur und 1968 in Deutschland. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden.