Quinns Picasso-Fotos in Münster Als aus Picasso ein Stern der Popkultur wurde

Von Dr. Stefan Lüddemann


Münster. Picassos Gesicht kennen alle. Aber wie sieht Kreativität aus? Edward Quinn inszenierte mit seinen Picasso-Fotos den Künstler als Star und zugleich den Mythos vom kreativen Leben. Jetzt zeigt Münster 125 der berühmten Bilder.

Porträt des Künstlers im Lehnstuhl. Das klingt nach erschlaffter Langeweile. Edward Quinn macht aus dem konventionellen Motiv einen Schocker. Liegt das vor allem daran, dass es Pablo Picasso ist, der ihm da 1961 Modell sitzt? Nein, denn Quinn gelingt ein Geniestreich. Er lässt Picassos Gesicht aus dem Dunkel auftauchen. Schatten legen sich wie unheimliche Finger auf die eine Hälfte seines Kopfes, aus der anderen leuchtet Picassos Sonnenauge. Titan, Magier, Verführer: Der ganze Mythos vom Künstlerschöpfer brennt in diesem einen Bild wie ein stilles Feuer. Hier weiterlesen: Matisse, Picasso, Renoir - Maler an der Cote d´Azur.

Von Jane Fonda bis Alain Delon

Ohne Pablo Picasso (1881– 1973) wäre der Ire Quinn womöglich ein schlichter Celebrity-Fotograf geblieben, der an der Côte d’Azur der Fünfzigerjahre auf Bilderjagd geht. Alain Delon, Brigitte Bardot, Jane Fonda, Grace Kelly – Quinn hat sie alle und mixt die Bilder ihres schnelllebigen Glücks in Büchern zusammen, die Titel wie „Riviera Cocktail“ tragen. Mit Pablo Picasso aber darf er nicht nur einen Unsterblichen fotografieren, Quinn wird mit seinen 10000 Fotos, die er von dem spanischen Jahrhundertgenie zwischen 1951 und 1974 macht, selbst ein bisschen unsterblich. Er avanciert so zum Glied einer Namenskette von eigener Aura. Brassai, Robert Capa, Man Ray, David Douglas Duncan und eben Edward Quinn: Sie alle verbindet, dass sie berühmte Fotografen sind – und obendrein Fotografen Pablo Picassos. Hier weiterlesen: Das Wunder Picasso - der Künstler als sein eigener Lifestyle.

Gentleman-Fotograf

Dabei kommt ihnen kaum einer so nahe wie Quinn. Der diskrete Gentleman weicht dem Künstler über Tage nicht von der Seite. Er lugt in das Schlafzimmer, wo Picasso mit legerem Hemd und mit Pantoffeln an den Füßen auf dem Bett sitzt. Picasso töpfert in einer Werkstatt in Vallauris an der Riviera, er flaniert mit seinem Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler durch den Garten, bläst auf dem Zug zur Stierkampfarena übermütig die Trompete. Picasso macht Betrieb, Picasso fasziniert, Picasso hält Hof, Picasso ist einfach allgegenwärtig. Der Künstler als sein eigener Planet – es sind unter anderem die Fotografien von Edward Quinn, die diesen Mythos nicht einfach genährt, sondern ihn überhaupt erst mit in die Welt gesetzt haben. Hier weiterlesen: Kunststars im Konflikt - Museen inzensieren Künstler als Gespann.

Alles wird zur Kunst

Denn Edward Quinn zeigt Picasso vor allem als Genie, in dessen Händen alles, buchstäblich alles zu Kunst wird. Ob er mit seiner Tochter Paloma malt, aus Schrott eine Skulptur fügt oder eine Keramik formt – wo Picasso ist, da ist die ganz große Kunst. Quinns Fotos fügen Szenen aus dem Leben des Malers und Bildhauers zu einer Non-Stop-Picasso-Show. Der Mann ist mit seinen Bildern und Skulpturen allgegenwärtig, er hält jede Situation mit seiner bloßen Präsenz zusammen. Picasso strahlt wie das Zentralgestirn in seiner eigenen Galaxie. Hier weiterlesen: Bilder von Picasso - Fotograf David Douglas Duncan wird 100 Jahre alt.

In der Popkultur

Deshalb sind Edward Quinns Fotos mehr als Dokumente eines außergewöhnlichen Lebens. Mit diesen Bildern betritt zum ersten Mal ein Künstler die Celebritywelt der Popkultur. Quinn fügt Picasso in den Olymp der Massenkultur ein. Und der macht auch als Bildmotiv, was er im wirklichen Leben am besten kann – er überstrahlt alle. Denn seine Porträts zeigen einen Mann, der das kostbarste Geheimnis des Lebens ergründet zu haben scheint. Picassos Leben ist in jeder Sekunde kreativ, es birst vor Intensität und wird im Medium der Fotografie zu einem frühen Beleg des Ideals geglückter Selbstverwirklichung. Hier weiterlesen: Planet Picasso - der Künstler und die Frauen.

Ganz leise Bilder

Picasso als Prophet der Erlebnisgesellschaft? Quinns Fotos machen diese Deutung plausibel. Der Fotograf hat als Regisseur Picassos Leben zur Bildikone geformt. Und das auch mit Bildern, die leise daherkommen. Etwa dem Foto, auf dem Jacqueline zärtlich die Hand ihres gerade operierten Mannes hält. Oder mit jenen Bildern, die Skulpturen Picassos nach dessen Tod zeigen. Diese Bilder wirken matt. Kein Wunder. Die Sonne, die sie gerade noch erhellte, ist erloschen. Hier weiterlesen: Planet Picasso - der Jahrhundertkünstler.

Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Edward Quinn: Mein Freund Picasso. Bis 22. April. Di.–So. 10–18 Uhr. www.picassomuseum.de