„Die Geschichte des verlorenen Kindes“ Der vierte Band von Ferrantes Neapel-Epos erscheint

Von Verena Hoenig

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Osnabrück. „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante hat weltweit Verkaufsrekorde gesprengt. Auf das Finale der Romantetralogie wartet die stetig wachsende Fangemeinde seit letztem Sommer, der sie mit elementaren Fragen zurückließ: Verlässt Elena tatsächlich Ehemann und Kinder, um mit ihrer großen Liebe Nino zusammenzuleben? Werden sich Lila und Elena wieder versöhnen, nachdem es zum Bruch gekommen ist?

Der Abschlussband mit dem Titel „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ umspannt 31 Jahre und liefert ersehnte Antworten. Gleich seinen Vorgängern, verschlingt man das umfangreiche Buch wie im Fieber. Elena Ferrante ist hier zur Höchstform aufgelaufen, und Karin Krieger hat auch diesmal großartige Übersetzungsarbeit geleistet.

Wir blicken zurück: Die 66-jährige Lila verschwindet, ohne auch nur ein Foto, ein Kleid oder irgendeinen anderen Gegenstand zu hinterlassen.

Im Bedürfnis, das Rätsel zu entschlüsseln, beginnt ihre Freundin Elena, genannt Lenù, die gemeinsame Geschichte aufzuschreiben. Am Anfang sind die Kinder sieben Jahre alt, eine Freundschaft voller Höhen und Tiefen nimmt ihren Lauf. Schon früh wollen die hochintelligenten Mädchen dem Rione, einer verwahrlosten, von Gewalt und der Camorra beherrschten Vorstadt Neapels, entfliehen. Allen Widrigkeiten zum Trotz schaffen sie den Aufstieg. Elena ist Autorin geworden, Lila Unternehmerin in Sachen EDV.

Geheimnisvoll und unwiderstehlich

Beide sind nun in den Dreißigern. Elena ist dem Casanova und Egomanen Nino hörig und in ständiger Furcht, dass ihr Geliebter sich anderen Frauen, vielleicht sogar Lila, zuwendet. Als Lila und Elena zur gleichen Zeit Töchter gebären, lebt ihre Freundschaft wieder auf. Tragischerweise geht eins der Kinder verloren, und danach ist nichts mehr, wie es war.

Die Anziehungskraft der geheimnisvollen Lila ist unwiderstehlich. Von brillantem Intellekt, dirigiert und kontrolliert sie ihre Mitmenschen. Sie besitzt ein großzügiges Wesen, das jedoch unversehens in Boshaftigkeit umschlagen kann. Obwohl Lila der Nimbus einer Zauberin oder heiligen Kriegerin umgibt, ist auch sie angreifbar ...

Die insgesamt 2200 Seiten starke Saga endet im Jahr 2010. Der Leser begleitet Lilas und Elenas Leben über fast sechs Jahrzehnte hinweg, aber auch das ihrer Familien, Bekannten, Freunde und Nachbarn. Dennoch verirrt man sich nicht im Kosmos der etwa fünfzig Personen, sondern wird von ihm auf hypnotische Weise gefangen genommen.

Selten hat ein Romanwerk derart intensiv und gleichzeitig intelligent unterhalten. Die Turbulenzen der konfliktbeladenen Frauenfreundschaft sind verzahnt mit den politischen wie gesellschaftlichen Ereignissen der Zeit. Deren Schilderung wiederum trägt zur Erweiterung des eigenen Horizonts bei. Kurz, das Ganze ist ein Epos erster Güte, das man nicht liest, sondern in dem man lebt.

Seit Umberto Ecos „Der Name der Rose“ ist die Neapolitanische Saga Italiens größter literarischer Exportschlager. Im deutschsprachigen Raum haben sich von der Tetralogie bislang rund eine Million Exemplare verkauft.

Abschied fällt schwer

Der Abschied von den zwei Frauen schmerzt und stimmt melancholisch. Was tröstet? Man kann sich die Bände ein weiteres Mal vornehmen oder aber sich auf die früheren Romane der außergewöhnlichen Autorin freuen, die von Suhrkamp demnächst neu aufgelegt werden. Seit Erscheinen ihres Debütromans im Jahr 1992 schreibt die derzeit wichtigste Autorin Italiens unter Pseudonym. Aufschlussreich wird daher sicher „Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben“ sein, das in einigen Monaten erscheint und in dem Elena Ferrante Auskunft über sich gibt. Bei der geplanten TV-Serie nach ihrem Bestseller, die an Original-Schauplätzen gedreht werden soll, ist die Schriftstellerin am Drehbuch beteiligt.


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