„Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ Trauriger Held: Der neue Roman von Wilhelm Genazino

Von Dr. Stefan Lüddemann

Kluger Analytiker der Gegenwart: Der Schriftseller Wilhelm Genazino. Foto: dpaKluger Analytiker der Gegenwart: Der Schriftseller Wilhelm Genazino. Foto: dpa

Osnabrück. Der neue Genazino ist da. In dem Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ dreht sich alles um einen Mann, der sein Leben hinter sich zu haben scheint. Der resignative Antiheld reflektiert über ein Leben, das in lauter bizarre Einzelheiten zerfällt. Typisch Genazino eben.

„Die Langeweile lag wie faules Obst vor dem Beginn des Tages“: Absurd, witzig, präzis - so klingt ein typischer Satz aus einem Roman von Wilhelm Genazino. Der Spezialist für Figuren, die aus ihrem Scheitern eine Daseinshaltung irgendwo zwischen Resignation und Lebenskunst gemacht haben, legt mit „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ einen Roman vor, der Genazinos zentrales Thema der Lebensunsicherheit um eine weitere Variation bereichert. Dabei wirkt der Ich-Erzähler wie eine Figur, die eigentlich seit der „Abschaffel“-Trilogie, also seit den siebziger Jahren, durch das Werk dieses Autors und durch triste Stadträume wandert. Genazino hat damals einen Antihelden in sein fiktives Leben gesetzt. Er begleitet uns bis heute. Hier weiterlesen: Über welche Bücher werden wir reden? Ein Ausblick auf das Literaturjahr 2018.

Zwischen den Lebensaltern

In „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ ist er wieder da, jener Mann zwischen den Lebensaltern, der auf eine graue Kindheit, gescheiterte Beziehungen, beruflichen Misserfolg zurücksieht. Der Ich-Erzähler des neuen Buches laboriert an der Frage, wie sich aus Bruchstücken des Lebens der Entwurf einer schlüssigen Lebensexistenz gefügt werden kann. Scheitert er an dieser Aufgabe? Nicht wirklich. Er kommt mit dieser Frage nur nicht wirklich weiter. Genazinos Protagonist steht mit seinem fragilen Selbstgefühl ohnehin auf der Kippe. Denn in der Zeit der Romanhandlung begegnen wir ihm als einem Menschen, der weiß, dass das Alter auf ihn wartet. Antworten auf zentrale Lebensfragen hat er immer noch nicht gefunden. Hier weiterlesen: Geniale Flanuerprosa - Genazinos „Außer uns spricht niemand über uns“.

Streuner in der Stadt

Wie seine Vorgänger aus anderen Roman Genazinos wie „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ (2003) oder „Wenn wir Tiere wären“ (2011) zieht auch der Protagonist des neuen Romans wie ein „herumziehender Streuner“ durch einen Stadtraum, der mit seiner Tristesse zum Symbol einer allgemeinen Orientierungslosigkeit avanciert. Der vom Leben, seinen kleinen Widersinnigkeiten und Enttäuschungen zerschlissene Held treibt durch bizarre Mikrosituationen des Alltags. Eine Hose kaufen, einer Taube zusehen, eine stillende Mutter bemerken: Das Leben besteht für diesen Mann mit dem schütteren Haar und der abgetragenen Kleidung aus befremdlichen Begegnungen mit dem, was man gemeinhin Wirklichkeit nennt. Ein konzises Daseinsgefühl fügt sich ihm daraus noch lange nicht. Dafür brilliert Genazino wieder mit seiner Kunst, aus scheinbar beiläufigen Erlebnissen tiefgründige Reflexionen abzuleiten. Hier weiterlesen: Ein Roman über Felix Nussbaum - „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich.

Abschied von der Partnerin

Dem Protagonisten hilft aber keine Einsicht wirklich weiter. Die Eltern verblassen als ferne Schemen einer abgelebten Vergangenheit, frühere Geliebte erkennen ihn kaum wieder, der Beruf war eine Zufallswahl. Genazinos Romanfigur - „ich war seit Jahren in dem schwarzen Komplex namens Wiederholung angekommen“ - besichtigt sein Leben wie einen zugestellten Speicher. Eine Inventur gelingt ihm nicht, ein Neustart bleibt ohnehin in weiter Ferne. Der Ich-Erzähler unterhält seine Beziehungen zu Frauen wie Liebschaften, die durch vielfache Wiederholungsschleifen gegangen sind und dadurch Kontur und Sinn weitgehend verloren haben. Er hat auch Abschied zu nehmen. Seine Ex-Frau stirbt, eine Geliebte erkrankt an Krebs. Der Mann laviert sich durch, ohne sich jemals zu positionieren oder Stellung zu beziehen. Hier weiterlesen: Mehr als der gute Mensch von Köln? Heinrich Böll im Porträt.

Sie leben nicht mehr

Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino setzt mit „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ seine Erkundung einer Gegenwart nach den großen Sinnentwürfen fort. Er durchforscht die Unwirtlichkeit des Stadtraumes, leuchtet Wohnungen in ihrer ganzen Tristesse aus, horcht die Beziehungen von Menschen ab und findet dabei nichts als Verlegenheit und Ratlosigkeit. Seine Romanfiguren sind als Geschöpfe des nachindustriellen Zeitalters aus jeder Selbstverständlichkeit von Konsum und Karriere gefallen. Sie leben nicht mehr, sie verwalten Existenzen. Genazino seziert diesen Zustand mit voller Lust an traurigen Pointen und sarkastischen Einsichten. Aber das alles ist im Werk dieses Autors nicht neu. Mit seinem neuen Buch dreht sich Genazino selbst in der Wiederholungsschleife. Zudem glauben wir heute keiner Romanfigur mehr, die behauptet, ihr Leben sei ereignislos. Die reale Gegenwart quillt über vor Krisen und Konflikten. Genazinos Romanhandlung wirkt dagegen wie eine Selbstbeschau aus einer anderen Zeit. Hier weiterlesen: Wenn der Terror normal wird - „Leere Herzen“ von Juli Zeh.