Beethovens Oper im Wald Chefsache „Fidelio“ an der Staatsoper Hamburg missglückt

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Hamburg. Es ist die erste Zusammenarbeit der beiden Hausherren an der Hamburgischen Staatsoper: Intendant Georges Delnon und Musikchef Kent Nagano verantworten gemeinsam den neuen „Fidelio“ – und haben ihn kräftig in den Sand gesetzt.

Will ein Regisseur Muffigkeit auf einer deutschen Theaterbühne darstellen, dient gern die Adenauer-Ära als zeitliche Folie. Das hat seinen Reiz, denn damals war es erste Bürgerpflicht, das Wirtschaftswunder voranzutreiben und gleichzeitig die Katastrophen des tausendjährigen Reiches unter der kleinbürgerlichen Fassade zu verstecken. Auf Utopien hatte da keiner Lust; daher ist es ein Statement von Georges Delnon, Beethovens „Fidelio“ in seiner ersten Operninszenierung als Intendant der Hamburger Staatsoper an den Mittagstisch der 50er-Jahre zu zwingen. Weiterlesen: Der letzte Hamburger „Fidelio“ von Hans Neuenfels

Lieber den „Freischütz“?

Nun ist Delnon nicht der erste, der Gefängnisdirektor Rocco als Spießer zeigt. Leider dürften aber die Gesten, mit denen Delnon sein Ensemble über die Bühne schickt, bereits in den Fünfzigern als antiquiert gegolten haben. Schließlich umgibt Ausstatter Kaspar Zwimpfer Roccos gute Stube mit einer halbrunden Glasfront, und dahinter dräut, Krone des Deutschtums, düster der Wald. Mal zoomen Videos von fettFilm hinein in den Wald, und dann wieder heraus, im ersten Akt blickt ein Rehkitz in die Stube, (idyllisch) im zweiten einen Wolf (bedrohlich). Mal scheint gülden die Sonne, am Ende liegt der Wald winterlich kahl und starr. Ob Delnon lieber den „Freischütz“ inszeniert hätte?

Die beeindruckendste Wirkung geht von Schrankelementen aus, die sich, vollgepfercht mit Gefangenen, von links aus der Wand in Roccos Wohn-Ess-Arbeitszimmer schieben. Doch auch die können nicht verdecken, dass Delnon der Oper misstraut. Oder stemmt er sich gegen Beethovens utopische Idee, und parodiert lieber Oper und Gesellschaft? Dafür geht er dann aber doch zu betulich vor. Stattdessen lässt er Jaquino (Thomas Ebenstein) ein paar Mal Marzelline (Mélissa Petit) sexuell heftig bedrängen, als wolle er Beethoven ein Statement zur #MeToo-Debatte abtrotzen. Die Spannungskurve treibt das nicht wirklich nach oben. Langeweile macht sich breit.

Nagano poliert an der Oberfläche

Nun wäre alles halb so schlimm, wenn Kent Nagano, der musikalische Hausherr in Hamburg, mit dem Philharmonischen Staatsorchester den Beethoven‘schen Furor wenigstens im Orchestergraben entfacht hätte. Doch der Abend beginnt mit einer auf Ouvertüre, die an der Oberfläche hübsch glänzt, bei der sich aber unter der polierten Haut wenig tut: Beethovens Tiefenschichten erschließt Nagano nicht – kein Vergleich etwa zu den emotionalen Grenzerfahrungen, denen Daniel Barenboim seine Zuhörerschaft vor gut einem Jahr an der Staatsoper Berlin aussetzte. In Hamburg häufen sich stattdessen die Wackler im Orchester, und man will gar nicht glauben, wie mitreißend der gleiche Klangkörper unter demselben Dirigenten in der letzten Saison bei „Frau ohne Schatten“ und „Lulu“ geklungen hat. Weiterlesen: „Lulu“ mit Barbara Hannigan

Das gilt letztlich auch für das Sängerensemble: Da bietet der Abend ganz ordentliche Leistungen mit Simone Schneider als Leonore und Falk Struckmann als Rocco. Ansonsten bewegt sich der Abend aber auch da auf eher mittlerem Niveau, und Christopher Ventris lässt als Florestan die unmenschlichen Strapazen der Haft im dunklen Kerker deutlicher hören, als ihm lieb sein kann. Zum Teil mag das dem Premierenfieber geschuldet sein, zum Teil aber sicher auch dem Tempo, mit dem Nagano Ventris vor sich hertreibt.

Am Ende dürfen sich die Sängerinnen und Sänger trotzdem über höflichen Applaus freuen, genauso das Orchester und Kent Nagano. Ihren Unmut haben sich die Hamburgerinnen und Hamburger für Georges Delnon aufgehoben: Der musste die Premierenbuhs ertragen – doch die waren nach zwei Minuten vorbei. Der Abend zog sich Zwei und eine dreiviertel Stunde.


Weitere Vorstellungen: 1., 6., und 9. Februar. Kartentel.: 040/ 356868 www.staatsoper-hamburg.de

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