Selten gespielte Oper der Frühklassik Premiere am Theater Osnabrück: „Antigona“ kommt an

Von Ralf Döring


Osnabrück. Eine Tragödie mit unerbittlichen Lauf: Floris Visser hat am Theater Osnabrück die Oper „Antigona“ inszeniert. Dem Osnabrücker Publikum hat der Abend gefallen.

Das Schlusswort gehört dem Chor. Das ist konsequent, denn der Chor steht für das Volk, und dem Volk kommt in „Antigone“ eine bedeutende Rolle zu: Es beklagt Krieg und Chaos, bejubelt den König, leidet mit der Titelheldin. Schließlich feiert das Volk mit Freudengesängen den glücklichen Ausgang einer Tragödie. Der Opernchor des Theaters Osnabrück macht das vorzüglich, klangmächtig, präzise und mit jener Freude an der Darstellung, die aus einem starren Kollektiv einen Faktor macht, der nicht nur die Bühne optisch füllt, sondern zum dramaturgischen Faktor wird. Chordirektor Marcus Lafleur hat da genauso gute Arbeit geleistet, wie Regisseur Floris Visser. Weiterlesen: Floris Visser im Interview

Deutsch-Holländische Opernkooperation

Nach „La Bohème“ und Brittens „Owen Wingrave“ ist „Antigona“ von Tommaso Traetta nun die dritte Regiearbeit des holländische Regisseur am Theater Osnabrück und die dritte Koproduktion mit Vissers niederländischen Opera Trionfo. Visser selbst hatte „Antigona“ vorgeschlagen, ein Stück nach Sophokles, das seit der Uraufführung 1772 in den Archiven ruhte. Umso verblüffender, dass das Staatstheater Kassel erst im vergangenen Sommer „Antigona“ als Science-Fiction-Oper herausgebracht hat.

Visser bleibt da näher an der Realität. Im nackten Innenhof, den ihm Dieuweke van Reij auf die Bühne des Theaters am Domhof gebaut hat, spielen anfangs zwei Jugendliche mit einem Football: die Brüder Eteocle und Polinice. Damit macht die Tragödie um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts fest, was auch Anzüge, Kleider, Uniformen belegen; die Kostüme hat ebenfalls von Reij entworfen. Weiterlesen: „Owen Wingrave“ am Theater Osnabrück

Aus dem Spiel wird bald blutiger Ernst: Die Brüder kämpfen um die Krone von Theben – ein Kampf, der für beide tödlich ausgeht. Kevin Ruijters und Kenneth Gérard zeigen das anschaulich, doch mehr Tragödie tobt im Orchestergraben. Von der Ouvertüre an arbeiten das Osnabrücker Symphonieorchester und Chefdirigent Andreas Hotz heraus, welche Stürme hier toben und wie hoch die Emotionen kochen. Dem Orchester gebührt dafür großes Lob: Im historisch aufgerauten Klanggewand, mit funkelnden Akzenten und in kräftigen Farben verortet es Traetta goldrichtig zwischen Barock und Mozart.

Der Preis für Sängerinnen und Sänger

Nur hat Hotz‘ Zugriff seinen Preis – den Visser mit der weit nach hinten gerückten Bühne nach oben treibt. Bezahlen müssen ihn die Sängerinnen und Sänger, die Mühe haben, sich zu behaupten. Das ist schade, weil zum Beispiel Erika Simons in der Titelrolle wunderbar glühenden Fortetöne über dem Orchester leuchten lässt, im piano aber im wogenden Klang untergehen. Auch Katarina Morfa tut sich mit ihrem Mezzo schwer, die Tenöre Daniel Wagner und Christian Damsgaard ebenso. Am besten kommt noch Lina Liu als Antigones Schwester Ismene zurecht. Und der Chor .

Nach dem Tod der beiden Kronzprinzen lässt Creonte sich selbst krönen. Schon die erste Amtshandlung ist ein Ausweis von Tyrannei: Er verweigert Polinice das Begräbnis. Antigone wiedersetzt sich dem Befehl und soll dafür sterben. Auch das geballte Mitleid Ismenes und Emones, Creontes Sohn, stimmt Creonte nicht um – Antigone soll eingemauert in ein unwirtliches Felsenloch, sterben. Visser erzählt das unaufgeregt und beschränkt sich aufs Nötigste – der Dolch wird zum Leitmotiv, ansonsten verlässt er sich auf die Lichtstimmung, die Alex Brok erzeugt. Das lässt der Musik Raum, was im Opernbetrieb keineswegs selbstverständlich ist. Trotzdem läuft der Motor nicht immer rund– vielleicht lag’s am Premierenfieber. Dafür besticht Visser mit feinen Einfällen: der unbegrabene Polinice wird zum Wiedergänger – was den Tyrannen Creonte in den Wahnsinn treibt. Christian Damsgaard spielt das sehr anschaulich und singt mit klarem, leichten Tenor, muss sich aber eben auch der akustischen Disposition beugen. Weiterlesen: Porträt von Christian Damsgaard

Am Ende beschließt Emone, mit Antigone zu sterben, was uns eine ausgedehntes, tief berührendes Abschiedsduett beschert. Aber nach den Gesetzen der frühklassischen Oper am Hof Katharinas der Großen – dort wurde Antigone uraufgeführt – vollführt die Handlung eine gewagte Volte hin zum Happy End. Dem glaubt Visser aber nicht: König Creontes Gnadenbotschaft kann den den Selbstmord von Emone und Antigone nicht mehr verhindern. So ergibt sich ein eigentümlicher Kontrast zur jubilierenden Schlussmusik. Das Osnabrücker Publikum stört sich nicht daran: Es applaudiert nach fast dreieinhalb Stunden begeistert.