Buch von Hans Joachim Schädlich „Felix und Felka“: Ein Roman über Felix Nussbaum



Osnabrück. Seine Bilder berichten von Exil und Holocaust: Felix Nussbaums „Selbstbildnis mit Judenpass“ ist weltberühmt. Hans Joachim Schädlich erzählt in seinem neuen Roman das Leben Nussbaums und seiner Frau Felka Platek.

Anfangs fühlen sie sich noch wie Touristen an mondänen Stränden. Doch dann spüren sie, wie es ist, „immer wandernd und suchend“ unterwegs zu sein und „ohne Echo zu schaffen“. Zuletzt klammern sie sich verzweifelt aneinander. Dann beginnt mit dem Transport nach Auschwitz ihr finaler Weg in einen grausamen Tod. Schriftsteller Hans Joachim Schädlich setzt in seinem neuen Roman nicht nur dem jüdischen Malerpaar Felix Nussbaum (1904–1944) und Felka Platek (1899–1944) ein literarisches Denkmal. „Felix und Felka“ besticht als subtile Studie über das Exil als erzwungene Lebensform. In jedem der kurzen Abschnitte des schmalen Buches fühlt Schädlich in dieses Leben hinein, macht spürbar, was hinter der Fassade der Alltagsroutine verborgen bleibt – die Angst, die sich mit dem Verlust der Sicherheit im Leben dieser Menschen immer weiter ausbreitet. Hier weiterlesen: Felix Nussbaum anders sehen - die neue Ausstellung im Museum.

Museum für Nussbaum

Die Bilder des in Osnabrück geborenen Felix Nussbaum und seiner aus Warschau stammenden Frau Felka Platek kamen erst um 1970 wieder aus dem Exilland Belgien in seine Heimatstadt zurück. Seit 1998 haben diese Bilder mit dem von Daniel Libeskind in Osnabrück errichteten Felix-Nussbaum-Haus ihre museale Heimat. Ausstellungen haben seitdem dafür gesorgt, dass Nussbaums Bilder heute als einzigartige Zeugnisse für das Jahrhundertschicksal von Exil und Holocaust international wahrgenommen werden. Vor allem in seinem „Selbstbildnis mit Judenpass“ bündelt sich diese Erfahrung. Hans Joachim Schädlich, Spezialist für präzise nachgespürte historische Situationen und Lebensläufe, macht das Leben des Künstlers und seiner Gefährtin nun zum Stoff großer Literatur. Hier weiterlesen: IHK verkauft Bilder von Holocaust-Opfer Felix Nussbaum.

Vertrautheit verloren

Vor allem aber legt Schädlich eine Parabel über das Leben aller Exilierten vor. Nussbaums Schicksal avanciert zum Stoff einer biografischen Konstellation, die sich bis heute wiederholt. „Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit unseres Alltags verloren. Wir haben unsere Sprache verloren und damit die Natürlichkeit unserer Reaktionen“, schrieb die Philosophin Hannah Arendt 1943 in ihrem heute auf dem Hintergrund weltweiter Fluchtbewegungen intensiv diskutierten Essay „Wir Flüchtlinge“. Arendts verfasste ihre Analyse des Verlustes aller Sicherheit, als Felix Nussbaum und Felka Platek im Exil lebten. Fremdheit wird zum Dauerzustand, Kommunikation verengt sich zum Monolog in der Echokammer der Einsamkeit. Hier weiterlesen: „Triumph des Todes“ - ein Hauptwerk des Holocaust-Opfers Felix Nussbaum.

Weg ohne Abzweigungen

Hans Joachim Schädlich ist der richtige Mann für dieses Thema. Der als Meister der Reduktion gefeierte Autor verknappt auch in „Felix und Felka“ seine Darstellung auf ein Minimum. Was er an Fülle des Stoffes verliert, gewinnt er an Präzision des Details. Schädlich fokussiert das Leben der zwei ausgestoßenen und bedrohten Menschen in Mikrosituationen eines Weges ohne Abzweigungen. Er beginnt mit jener Ohrfeige, die Nussbaum 1933 als Stipendiat der Villa Massimo in Rom von dem Künstlerkollegen Hans Hubert von Merveldt erhält. Schädlich versteht die Attacke im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten als Menetekel. Nussbaum muss abreisen. Mit der Rauferei beginnen unstete Wanderjahre. Schädlich verklammert in seinem Erzählbogen 1933 und 1944. Er zeigt so, dass Gewalt gegen Fremde und Minderheiten mit Enthemmungen in kleinen Alltagssituationen beginnt. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung? Gedächtnis braucht Arbeit der Lebenden.

Macht und Individuum

Auch wenn Schädlich mit „Felka und Felix“ ein neues Sujet angeht – das Thema der Macht und ihrer beschädigenden Auswirkungen auf das Individuum behält er bei. Schädlich hatte zuletzt in „Sire, ich eile“ (2012), einer Novelle zur Begegnung von Voltaire und Friedrich dem Großen, über das Verhältnis von Macht und Geist reflektiert. Auch sein Klassiker „Tallhover“ (1986) – die Figur des ewigen Geheimagenten Tallhover taucht in Günter Grass’ Wenderoman „Ein weites Feld“ (1995) wieder auf – analysiert, wie Macht den Einzelnen konditioniert und korrumpiert. Mit „Felka und Felix“ führt Schädlich vor, wie Menschen systematisch zu Fremdlingen gemacht werden. Hier weiterlesen: 30 Jahre Felix-Nussbaum-Gesellschaft - Feier im Friedenssaal.

Titel der Gemälde

Der Autor montiert Briefe Nussbaums in seinen Text, den er immer knapper werden lässt, bis nur noch die lakonisch aufgeführten Titel jener Gemälde übrig bleiben, mit denen Nussbaum die Schrecken des Holocausts vorwegnahm. Die Erzählung verrinnt – so wie das Leben Nussbaums und seiner Gefährtin. Schädlich endet mit den Todesdaten der Protagonisten und ihrer Angehörigen. Seine Erzählweise ist wieder ungemein präzis. Allerdings trägt er die Lebensgeschichte nur so weit, wie Zeugnisse sie stützen. Die Zeit, die der Maler nach kürzlich aufgefundenen Dokumenten in Auschwitz noch gelebt haben muss, bleibt in „Felix und Felka“ unerwähnt. Die Zeit, die der Maler nach kürzlich aufgefundenen Dokumenten in Auschwitz noch gelebt haben muss, bleibt in „Felix und Felka“ unerwähnt. Diese Zeit hätte frei imaginiert werden müssen. Aber das ist ganz offenbar nicht Schädlichs literarische Sache.


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