Bunt blinkt die Tretmühle Starke Darsteller, mäßiges Drehbuch: Woody Allens „Wonder Wheel“

Von Jens Hinrichsen

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Auf der Flucht: Carolina (Juno Temple) taucht bei ihrem Vater auf Coney Island unter, weil sie von ihrem Gangster-Gatten gejagt wird. Foto: Warner Bros. Ent.Auf der Flucht: Carolina (Juno Temple) taucht bei ihrem Vater auf Coney Island unter, weil sie von ihrem Gangster-Gatten gejagt wird. Foto: Warner Bros. Ent.

Osnabrück. Woody Allens „Wonder Wheel“ kommt in die Kinos. Der Film hat großes Potenzial, schöpft es aber nicht ganz aus.

In einem Woody-Allen-Klassiker wächst der kleine Alvy Singer in einem Holzhaus unter der Achterbahn von Coney Island auf – was den deutschen Titel „Der Stadtneurotiker“ hinreichend erklärt. Wer als Kind derart durchgerüttelt wurde, braucht später Therapie, klar. In Allens 48. Film heißt der Junge Richie und lebt mit Mutter und Stiefvater über einer Schießbude. „Wonder Wheel“ spielt gegen Ende der 1950er fast ausschließlich in Coney Island, dem heute heruntergekommenen Vergnügungsviertel am äußersten Zipfel Brooklyns. Richies dysfunktionales Umfeld äußert sich darin, dass der Kleine zündelt, sobald er Streichhölzer in die Finger kriegt. Das ist wenig komisch, aber spätestens seit „Match Point“ (2005) haben auch Allens Ausflüge zu Melodram und Thriller Erfolg.

Dass die ortstypische Lustigkeit und der Budenzauber heftig mit dem Personal kontrastieren wird, ahnt man schon, wenn sich das „Wonder Wheel“ zu drehen beginnt. So heißt das Riesenrad, das die freudlosen Eheleute Ginny (Kate Winslet) und Humpty (proletenhaft: Jim Belushi) durch ihr Fenster sehen. Ihnen muss das Rad wie die Tretmühle ihres eintönigen Lebens vorkommen.

Karussellbetreiber Humpty trinkt und grantelt, Ginny kellnert in einer Hummerbude und trauert um ihre gescheiterte Schauspielkarriere. Ihr Silberstreif am Horizont wird Mickey (Justin Timberlake), der sich im Sommer als Rettungsschwimmer verdingt und passenderweise eine Laufbahn als Bühnenautor anstrebt. Als wäre „Wonder Wheel“ schon mal sein Gesellenstück, tritt der schmucke Lifeguard auch als Erzähler auf. Zudem bezirzt Mickey Ginny, die sich auf eine Affäre mit dem, na ja, Lebensretter einlässt.

Ginny geht also fremd, blüht auf, aber Dumpfbacke Humpty bekommt nichts davon mit, denn ihn beschäftigt eine eigene Familienaffäre: Seine zeitweilig verlorene Tochter ist bei ihm untergetaucht. Carolina (stark: Juno Temple) ist ihrem Mafia-Gatten entflohen und fürchtet nun um Leib und Leben, weil sie, typisch Gangsterbraut, „zu viel weiß“. Humpty gewährt Carolina nicht nur Unterschlupf, er finanziert ihr auch Sommerkurse. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Carolina, die jetzt Shakespeare und Eugene O’Neill liest, auf den angehenden Dichter Mickey trifft und Ginny den Rang abläuft.

Als Ginny in Carolina ihre Rivalin erkennt, dreht sie durch. Die Rolle zählt gewiss nicht zu den besten Frauenparts, die Allen geschrieben hat. Anders als 2013 bei „Blue Jasmine“ (der von Cate Blanchett brillant verkörperten Absteigerin) fehlt das triftige Motiv für Ginnys zunehmende Verhaltensauffälligkeit. Die banale Eifersuchtsgeschichte ist eine Nummer zu klein für das große Drama, das sich Allen auf dem Rummelplatz zurechtzimmert. Versteckt er sich deshalb hinter dem Geschichtenerzähler Mickey – vom Pop-Idol Justin Timberlake solide gespielt –, der ja immerhin noch in der Lernphase steckt?

Kate Winslet macht das Beste aus der suboptimalen Figur. Als Midlife-Crisis-Geplagte, die immer weiter in die Lebenslüge driftet, was schließlich im Halbwahnsinn à la Tennessee Williams mündet, zeigt Winslet ihr Können als große Charakterdarstellerin. Aber man reibt sich die Augen über das reaktionäre Frauenbild, das Allen an den Tag legt.

Was aus „Wonder Wheel“ mit einem stärkeren Drehbuch hätte werden können, lässt auch Vittorio Storaros ungewöhnliche Kameraarbeit erahnen. Der Film beginnt, exakt wie Douglas Sirks „Imitation of Life“ (1958), mit Totalen auf dem Strandgetümmel von Coney Island. Das ist bestimmt kein Zufall. Denn wie Sirks Russell Metty experimentiert Storaro mit der Farbe. Es gibt, gerade in Tagszenen, künstliche Lichtwechsel und glühende Farben, was an Jahrmarktbeleuchtung erinnert und an den illusionären Gondelkäfig gemahnt, in dem Ginny offenbar steckt. Aber die Charaktere sind eben flach, daran ändert auch die tolle Beleuchtung nichts.

„Wonder Wheel“. USA 2018. R: Woody Allen. D: KateWinslet, James Belushi,Justin Timberlake.101 Minuten. Ab 12 Jahren.


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