„Harry’s klingendes Museum“ Die Wunderwelt in Harry Natuschkas Wohnung

Von epd | 19.08.2015, 15:04 Uhr

epd Harry Natuschka aus Schwarmstedt sammelt mechanische Instrumente, die beinahe von alleine spielen, zu sehen in „Harrys klingendem Museum“.

Wenn Harry Natuschka die Haustür aufschließt, öffnen sich zugleich drei Räume voller technischer Wunderwerke vergangener Zeiten. Im Flur und zwei Zimmern hat der 53-Jährige „Harry’s klingendes Museum“ eingerichtet. Im niedersächsischen Schwarmstedt entführt er ins ausgehende 19. Jahrhundert. Der Sammler hat rund 90 selbstspielende Instrumente zusammengetragen. Vereine oder Privatleute, die wie Natuschka Kulturgut erhalten und präsentieren wollen, bereichern die Museumslandschaft, ist Hans Lochmann vom Museumsverband Niedersachsen-Bremen überzeugt.

Besonderheiten der Heimat

Die Liebhaber träfen das Besucherinteresse, wenn sie etwa technische Errungenschaften oder Besonderheiten ihrer Heimat präsentierten, sagt Lochmann. Der Museumsverband hat erst kürzlich ein Portal im Internet eröffnet , das neben großen Museen viele dieser Sammlungen aufnimmt - vom Schinkenmuseum im Ammerland bis zu dem klingenden Museum. Einige weitere Bundesländer haben ähnliche Portale.

In Natuschkas mechanischer Wunderwelt der Belle Epoche finden sich große Spieldosen, die wie Vitrinenschränke anmuten, und ein Androide, eine bewegliche Puppe des Pariser Automatenbaumeisters Gustave Vichy. Sogar ein goldener Kettenanhänger macht Musik, wenn der Designer und Künstler ihn aufzieht. Tüfteleien wie dieses Schmuckstück waren den ganz Reichen vorbehalten. Die großen Spieldosen aber musizierten zum Teil für größeres Publikum. Bei manchen deutet ein Münzeinwurf darauf hin, dass sie einmal in Gasthäusern standen.

Instrumente mit Gedächtnis

„Meine Instrumente haben alle ein Gedächtnis“, sagt Natuschka mit Sammlerstolz. „Sie spielen immer wieder fehlerfrei.“ Mit Kurbeln oder Flügelschlüsseln werden sie in Gang gesetzt. Auf Walzen, Notenrollen oder gelochten Stahlblechscheiben sind die Melodien gespeichert. Auch eine mechanische Orgel, um 1900 Mittelpunkt eines Karussells, gehört zu den Schätzen. Was damals vielen magisch erschien, fasziniert noch heute, wenn Natuschka auf Anfrage sein Museum öffnet. „Ich lebe erst auf, wenn ich das mit anderen teile“, sagt er.

Das Spektrum der privaten Sammlungen ist weit. Und nicht jede findet Eingang in das Museumsportal, sagt Verbands-Geschäftsführer Lochmann. Bei seinen Beratungen macht er Einschränkungen. Nicht alles, was etwa im Guinness-Buch Rekorde erzielt, ist auch gleich museumsreif. „Man muss sich fragen, was der Bildungswert von Zehntausend Zollstöcken ist“, gibt er ein Beispiel.

30 Jahre gesammelt

Harry Natuschka ist in der Gesellschaft selbstspielender Musikinstrumente organisiert, die auch eine Forschungsbibliothek unterhält. Er hat seine Schätze in fast 30 Jahren zusammengetragen. Nahezu alle Musikautomaten spielen auch. Die kunstvoll verzierte Jahrmarktorgel des Pariser Orgelbauers Gasparini schweigt allerdings noch. Auch der geschnitzte Dirigent vor den Pfeifen, kann den Taktstock erst wieder schwingen, wenn Natuschka die Mechanik restauriert hat. „150 Stunden Arbeit sind noch drin“, sagt der 53-Jährige, der mit den Jahren Fachmann geworden ist.

Viele Sammler eint, dass sie in einer Zeit ständiger Erneuerungen Dinge nicht verloren geben wollen, sagt die Braunschweiger Historikerin Lisa Gerlach. „Oft geht es auch darum, sich eine kleine Insel zu schaffen.“ Gerlach hat im vergangenen Jahr für das Schlossmuseum im ostfriesischen Jever das Mini-Museum Ellenserdammersiel aufbereitet. Mit der privaten Sammlung gab die mittlerweile verstorbene Heimatforscherin Elisabeth Meyer rund ein Viertel Jahrhundert lang einen Einblick in die Alltagskultur vor allem der Frauen in ihrer Region.

Sogar Kerzenstummel

Meyers Tochter vermachte die Kollektion von historischen Textilien bis zu Haushaltsgeräten dem Jeverschen Museum, berichtet die Historikerin. „Sogar Kerzenstummel waren dabei.“ Im Schlossmuseum sind einige Teile in die Dauerausstellung aufgegangen. Für das Internet hat Gerlach jedoch die ganze Sammlung dokumentiert. So bleibe gewährleistet, was sich Elisabeth Meyer wie viele Sammler wünschte, erläutert die Historikerin: Etwas für die Nachwelt zu bewahren.

Harry Natuschka weiß nicht, ob eines seiner drei Kinder seine Sammlung mal übernehmen wird. Auch über eine Stiftung denkt er nach. „Es würde mir wehtun, wenn das in die Winde zerstreut wird.“ Aber vielleicht springt ja ein Funke über, so wie es einst bei ihm selbst war. Die Großmutter seiner Frau habe wehmütig vom besonderen Klang der Musikdosen der Belle Epoche erzählt, erinnert er sich. Auch weil er die alte Dame so sehr schätzte, griff er zu, als er später so ein Instrument auf dem Flohmarkt entdeckte. Dem ersten folgten weitere, erzählt er: „So ist das, wenn einen der Bazillus getroffen hat.“

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