„Kinder werden ihrer Eltern beraubt“ Psychologe warnt Eltern vor zu starker Smartphone-Nutzung

Meine Nachrichten

Um das Thema Gut zu wissen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Macht zu viel Smartphone dümmer oder sozialer? Professor Christian Montag, Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, erforscht den Einfluss von Internet, Mobiltelefonen und Computerspielen auf Emotionalität, Persönlichkeit und Gesellschaft. Im Interview warnt er vor einer „Smartphone-Sucht“.

Herr Montag, wann bekommen Ihre Kinder das erste Smartphone?

Meine Tochter ist gerade zehn Wochen alt. Wenn sie ins Teenageralter kommt, wird es wahrscheinlich gar keine Smartphones in der heutigen Form mehr geben. Aber Stand heute würde ich sagen: nicht vor dem zwölften Lebensjahr. Denn wir wissen, dass es für Kinder und deren Hirnreifung von zentraler Bedeutung ist, vom frühen Kindesalter bis ungefähr zum zehnten Lebensjahr ausreichend zu spielen.

Wenn Kinder Super Mario auf dem Smartphone spielen, spielen sie ja auch.

Das ist eine andere Form des Spielens. Die körperliche, sehr archaische Art des Spielens stimuliert den Schaltkreis im Gehirn maximal. Es ist wichtig, dass sich Jungs auf dem Schulhof auch mal raufen, weil sie dadurch soziale Kompetenzen erlernen. Übrigens zeigt sich auch bei Mädchen diese wichtige körperliche Form des Spielens, wird aber stereotypisch nicht so gerne gesehen. Durch Raufen lerne ich zu gewinnen, aber auch zu unterliegen. So verbessern Kinder ihre Grobmotorik. Smartphones trainieren dagegen nur den Daumen.

Medienabhängigkeit ist keine offizielle Diagnose. Warum betrachten Sie sie dennoch als Krankheit?

Wir können ähnliche Mechanismen bei „Smartphone-Sucht“ und anderen Formen der Sucht beobachten. Das spricht dafür, dass es sich hier um ein eigenes Störungsbild handelt. Symptome wären beispielsweise die ständige gedankliche Beschäftigung mit der Droge (hier das Smartphone), auch wenn man sie gerade nicht konsumiert. Weitere Symptome wären Entzugserscheinungen, wenn das Smartphone außer Reichweite ist. Oder der Kontrollverlust über die Smartphone-Nutzung sowie berufliche und private Beeinträchtigung durch exzessiven Konsum.

Wer ist am anfälligsten für „Smartphone-Sucht“?

Vor allem junge Leute. Je jünger, desto mehr Medienabhängigkeit ist beobachtbar. Die Digital Natives empfinden es als völlig normal, ständig am Smartphone zu hängen, weil sie damit aufgewachsen sind. Aber noch entscheidender ist: Die Hirnreifungsprozesse sind in dieser jungen Altersgruppe noch nicht abgeschlossen. Kinder beherrschen die Selbstregulierung noch nicht so stark wie Erwachsene, weil der präfrontale Kortex noch nicht ausgereift ist. Dieser Prozess findet sein Ende in den frühen Zwanzigern.

Wie erkennen Eltern, dass ihr Kind zu viel am Handy hängt?

Ein Anzeichen könnte sein, wenn das Gerät bei jeder Mahlzeit auf dem Tisch liegt. Oder: wenn die Kinder im Kinderzimmer nicht mehr richtig spielen oder nicht mehr lesen, stattdessen aber die Hauptbeschäftigung der Umgang mit dem Smartphone ist. Von Bedeutung sind aber auch die oben genannten Symptome.

Jungs zocken, Mädels chatten. Stimmt dieses Klischee?

Während Männer in der digitalen Suchtforschung tatsächlich eher anfällig für Online-Computerspiele oder Online-Pornografie sind, nutzen Frauen häufiger Whatsapp und soziale Netzwerke. Frauen sind im Schnitt 13 Minuten länger pro Tag auf Whatsapp als Männer. Diese App schlägt auf dem Smartphone bezüglich der Nutzungszeit alle anderen Apps. Denn damit wird das Grundbedürfnis nach Kommunikation abgedeckt. Nette Nachrichten sind belohnend. Man kann sich auf eine sehr einfache Art austauschen.

Aber macht die App auch sozialer?

Das bezweifle ich. Die Art der Kommunikation verändert sich. Sätze werden zu immer kürzeren Fragmenten. Sozialer kann es uns schon deswegen nicht machen, weil wir ja „nur“ mit Text interagieren. Damit ist diese Form der Kommunikation indirekter als ein Telefonat. Durch Stimmlagen und Gestik und Mimik werden Emotionen transportiert. Deswegen sind ja auch die Emoticons entstanden, weil es so schwierig ist, Gefühle über Text zu transportieren.

Ein chronisch schüchterner Mann, der nie in der wirklichen Welt mit jemandem reden würde, traut sich, über Whatsapp zu chatten. Wird er mit der Zeit selbstbewusster?

Nein. Das Beispiel, was Sie bringen, ist zwar positiv. Die digitale Plattform hilft einem Sozial-Phobiker, seinem Grundbedürfnis nach Kommunikation nachzugehen. Das Problem ist aber, dass irgendwann der Übersprung ins echte Leben kommen muss. Durch eine reine Mediennutzung wird er es nicht schaffen, Kontakte in der Realität zu knüpfen.

Was passiert, wenn Eltern zu viel am Smartphone hängen?

Eltern schotten sich durch diese Geräte ab. Sie empfangen Signale der Kinder nicht mehr richtig. Die Kinder werden so der direkten Interaktion mit ihren Eltern beraubt. Das ist ein Problem, denn Kinder müssen lernen, bei Eltern oder Spielkameraden Emotionen vom Gesicht abzulesen. Wenn das nicht oder zu wenig passiert, könnte das in naher Zukunft mit mehr Empathielosigkeit und erhöhten ADHS-Zahlen einhergehen. Bisher ist dies aber noch nicht bewiesen.

Bringt die übermäßige Nutzung überhaupt weitere positive Effekte als nur bessere Fingerfertigkeit?

Die können wir momentan noch nicht benennen. Fest steht: Smartphone-Nutzung hinterlässt Spuren im Gehirn. Wir lagern eine Menge an Dingen aus, um die wir uns nicht mehr kümmern und dann auch nicht mehr unser Gehirn trainieren. Denke man nur daran, dass man sich den Weg zu einem Ziel nicht mehr merken muss oder Telefonnummern nicht mehr im Kopf bereithält.

Macht das Smartphone also dumm?

Nein. Dumm ist nicht richtig. Wir müssen gezielter gucken, welche psychologischen Funktionen sich verändern. Wenn man Smartphones übermäßig nutzt, kann das zu ADHS-ähnlichem Verhalten führen, wie Studien gezeigt haben. Die Leute werden unaufmerksamer, hippeliger, impulsiver, reagieren sofort auf alles. Dauernd wechseln sie die Kanäle, das heißt, man kann sich immer weniger mit einer Sache gut auseinandersetzen. Eine neue Studie aus Israel zeigte, dass sich sogar arithmetische Fähigkeiten verschlechtern können.

Steven Berlin Johnson vertritt in seinem Standardwerk „Everything bad is good for you“ die These, dass die hektische, technologisch geprägte Jugendkultur die Jugend für die kommenden Herausforderungen der Welt trainiert.

Ich bin kein Technologiekritiker. Ich bin oft in China. Hätte ich kein Smartphone, könnte ich nicht über Skype Kontakt mit meinen Liebsten halten. Die globalisierte Welt braucht Lösungen für unseren modernen Arbeitsstil. Ich möchte nicht auf Google Maps und anderes verzichten. Doch ich widerspreche Johnson dennoch. Durch die technologische Dauerbeschallung wird man bestimmt nicht besser auf die Zukunft vorbereitet. Ein paar Fertigkeiten werden in einer modernen Gesellschaft zunehmend wichtiger. Es gilt Sachverhalte zu überprüfen und zu verstehen, in einer ausreichenden Tiefe zu analysieren. Dabei muss man sich auch mal lange auf eine Sache konzentrieren können. Das wird durch die Fragmentierung des Alltags, durch Smartphones, überhaupt nicht unterstützt.

Wenn Sie in den Urlaub fahren, benutzen Sie dann auch Ihr Smartphone?

Ja leider. Ich setze mir aber seit vorletztem Jahr für meinen Urlaub das Ziel, das Gerät mal eine Woche lang nicht zu benutzen. Das habe ich zuletzt auf Zypern auch geschafft. Ich muss allerdings zugeben, dass dies in den ersten Tagen nicht leicht gewesen ist.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN