Mythen und Rekonstruktionen Gibt es ein Jungfernhäutchen – und kann man es operieren?

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Über das erste Mal gibt es viele Mythen. Foto: Colourbox.deÜber das erste Mal gibt es viele Mythen. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Als Jungfrau in die Ehe zu gehen, ist in vielen patriarchal geprägten Kulturen noch immer das Ideal für Frauen. Dabei gibt es das Jungfernhäutchen gar nicht, sagen Sexualberater. Was also hat es auf sich mit diesem Stückchen Haut, dessen operative Rekonstruktion sich einige Frauen sogar Geld kosten lassen?

Keusch sein bis zur Ehe – für einige junge Frauen ist das keine freiwillige Option, sondern ein Muss. Vor allem, wenn sie aus patriarchal geprägten Traditionen stammen. Nicht keusch zu sein bedeutet dann oftmals unrein zu sein – und kann über die Familienehre und im schlimmsten Fall das Leben der Frau entscheiden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass bei einigen Frauen die Verzweiflung oftmals groß ist, wenn die Hochzeitsnacht ansteht.

„Es gibt keine Haut, die nur Jungfrauen haben und somit also kein Jungfernhäutchen“, sagt jedoch Susan Bagdach. Sie ist Geschäftsführerin des interkulturellen Frauen- und Mädchen-Gesundheitszentrums Holla e.V. in Köln, Krankenschwester und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Was es stattdessen gibt, ist ein Körperteil, einen Schleimhautkranz. Diesen Schleimhautkranz haben Frauen und Mädchen lebenslang. „Er verschwindet weder durch Reiten, Sport, Sex, Geburten und durch Tampons schon gar nicht“, sagt Bagdach. Daher sei es wichtig, Mädchen und Jungen, Frauen und Männer aufzuklären, findet Bagdach. Sie hat deshalb in Zusammenarbeit mit Holla und ProFamilia die Broschüre „Mythos Jungfernhäutchen“ veröffentlicht.

Begriff Jungfernhäutchen falsch

Bagdach beruft sich unter anderem auf Studien aus der Rechtsmedizin, die sich mit dem Thema aufgrund von Ermittlungen bei Vergewaltigungen beschäftigt haben – und laut denen man weder sexuelle Aktivität noch gewaltsames Eindringen allein am Zustand dies Schleimhautkranzes feststellen kann.

Doch auch der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian Albring, stimmt ihr zu: „Der Begriff Jungfernhäutchen ist in der Tat falsch, da nur in seltensten Ausnahmefällen ein Häutchen vorliegt, ansonsten immer nur der in der Broschüre beschriebene Schleimhautkranz.“

Keine Haut, sondern ein Kranz

Anatomisch liegt der Schleimhautkranz am Eingang zur Vagina und ist bei jeder Frau anders. „Es ist ein Mini-Minikörperteil, über das man theoretisch nicht reden müsste, wäre ihm nicht so ein großer Mythos auferlegt“, ist sich Bagdach sicher. Doch der Jungfräulichkeit werde schon länger als dem Körperteil eine große Bedeutung zugemessen, so Bagdach.

„Es sind die Riten der Stämme und der Religionen, die aus Unkenntnis aus dem Schleimhautrand am Scheideneingang, der in der Entwicklungsgeschichte sicherlich einmal dazu diente das Eindringen von Fremdkörpern in die Scheide zu verhindern, etwas besonderes gemacht haben“, bestätigt Frauenarzt Albring.

Blut beim ersten Mal?

Bagdach bezweifelt darüber hinaus, dass eine Frau beim ersten Geschlechtsverkehr immer bluten muss: „Es ist belegt, dass weniger als die Hälfte aller Frauen überhaupt bluten. In meiner Beratungstätigkeit habe ich schon häufiger gehört, dass Frauen oder Mädchen durch den Mythos so massiv verunsichert sind, dass sie denken etwas stimme nicht mit ihnen, wenn sie beim Sex nicht bluten, also nicht verletzt werden.“

Dem widerspricht jedoch Albring: „In der Tat bluten jedoch die meisten Frauen beim ersten Geschlechtsverkehr, wenn sie nicht vorher durch das Einführen von Tampons oder mit dem Finger den Schleimhautrand gedehnt haben.“

Ausschnitt aus der Broschüre Mythos Jungfernhäutchen. Quelle: Holla e.V.

Entwürdigende Jungfrauentests

Doch woher kommt die Überhöhung des Körperteils? Bagdach macht dafür patriarchale Traditionen verantwortlich: „Die Frage, woran man eine Jungfrau erkennt, hat gerade Männer immer schon interessiert.“ Mit den absurdesten Auswüchsen, beispielsweise der Vorstellung, dass man dies an der Lockigkeit der Schambehaarung erkennen kann. Oder am Geräusch des Wasserlassens.

„Aber eigentlich wollte der Mann nur wissen: Ist das Kind meiner Ehefrau auch tatsächlich mein Kind?“ Daher der Wunsch nach einer Jungfrau – und die in einigen Regionen wie auf Sizilien oder der ländlichen Türkei lange vorherrschende Tradition des stolzen Zeigens eines blutigen Lakens nach der Hochzeitsnacht.

Was archaisch klingt, ist jedoch immer noch aktuell: Im Jahr 2015 sorgten Berichte über entwürdigende „Jungfrauentests“ bei indonesischen Polizei- und Militäranwärterinnen für Aufsehen. Mit dem sogenannten „Zwei-Finger-Test“ soll dort immer noch festgestellt werden, ob die Frauen sexuell aktiv waren oder nicht.

Keine Frage der Religion

Dass dieses Ideal in muslimischen Familien häufiger vorkomme als beispielsweise in christlichen, kann Peggy Bellmann von der ProFamilia-Beratungsstelle in Hannover nicht grundsätzlich bestätigen: „Es hat etwas mit der ganz individuellen Familienkultur zu tun – weniger mit der Religion, auch wenn häufig mit dieser begründet wird.“

Bagdach bestätigt diesen Eindruck: „Es ist ein Glaube, der – unabhängig von der Religion – besonders bei traditionell patriarchalen Gesellschaften vorherrscht.“ Und der laut Bagdach nicht nur Mädchen trifft: „Bei meiner Arbeit begegne ich oft verunsicherten Jungen, denen die Vorstellung zu schaffen macht, ihre Freundin oder Frau beim Geschlechtsverkehr verletzen zu müssen.“

Operative Rekonstruktion und Kapseln

Aber was tun junge Frauen, die in Familien aufwachsen, für die das Körperteil mehr ist als ein Schleimhautkranz? Bagdach plädiert für Aufklärung, weiß aber, dass die nicht jede Familie erreichen kann. Trotzdem lehnt sie Angebote wie eine „operative Rekonstruktion“ ab. Diese gehört mittlerweile zum Standardangebot der Schönheitschirurgie in der Sparte Intimchirurgie: Dafür wird in vielen Fällen der Schleimhautkranz angeritzt und die Haut danach zusammen genäht. „Dass es danach beim Geschlechtsverkehr blutet, kann die Operation allerdings nicht garantieren“, sagt auch Bellmann. „Außerdem ist es faktisch Quatsch: Wie soll etwas rekonstruiert werden, was es so gar nicht gibt?“

Zudem kostet der Eingriff je nach ausführendem Arzt von wenigen hundert bis zu mehreren tausend Euro. „Größtenteils wird hier mit der Angst der Menschen Geld gemacht. Mit dem hippokratischen Eid ist diese Prozedur aus meiner Sicht nur selten zu vereinbaren“, sagt Bagdach.

Offenheit und Vertrauen besser

Eine andere, günstigere Möglichkeit, die Frauen angeboten wird, ist eine Kapsel, die vor dem Geschlechtsverkehr eingeführt wird, sich dort bei Reibung auflöst und eine rote Flüssigkeit verliert. Bagdach hält auch davon nicht viel, kann den Einsatz aber bisweilen verstehen.

Lieber wäre ihr jedoch eine Offenheit bei den Paaren, denen voreheliche Keuschheit wichtig ist: „Besser ist es, vor dem ersten Geschlechtsverkehr mit dem Partner zu reden, ihn aufzuklären und zu sagen, dass die meisten Menschen beim Sex nicht verletzt werden und auch niemals bluten. Es wäre doch schön, wenn man mit Menschen Sex hat, die sich gegenseitig glauben, und dafür keine Beweise fordern.“


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