Psychische Störung Skin Picking: Warum eine Osnabrückerin sich den Körper blutig knibbelt

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Osnabrück. Fast jeder tut es, aber bei einigen Menschen kann es krankhaft werden: Knibbeln. Eine Betroffene berichtet wie sie mit ihrer psychischen Störung umgeht – und warum sie in Osnabrück nun eine Selbsthilfegruppe starten will.

Claudia Böhm* knibbelt. Immer und immer wieder, bis sich handflächengroße Wunden auf ihren Armen, Beinen und dem ganzen Körper bilden. Verheilen diese, kratzt sich Böhm den Schorf ab. Die Wunde wird größer, der Schorf reizt zum erneuten Kratzen – und der Teufelskreis beginnt von vorne.

Anzusehen sind der jungen Frau ihre teilweise noch blutigen, teilweise schon vernarbten Verletzungen nicht. Böhm hat sich daran gewöhnt, diese und damit ihren kompletten Körper zu verstecken: hinter Schals, unter langärmligen Oberteilen, Hosen. Ihr Gesicht bedeckt sie so gekonnt mit Make-up, dass man die vernarbte Haut dahinter nur erkennt, wenn man weiß, dass sie unter Skin Picking leidet.

Was ist Skin Picking?

Pulen am Nagelbett, Pickel ausdrücken, den Schorf von kleinen Hautwunden kratzen: all dies kennt und macht fast jeder Mensch. Und doch können diese Angewohnheiten krankhaft werden und zu großflächigen Verletzungen führen. Fachbegriff für diese psychische Störung ist Dermatillomanie, zusammengesetzt aus den drei griechischen Wörtern Derma (= Haut), tillein (= rupfen) und Mania (= Begeisterung, Wahnsinn). „Da das Thema in den USA jedoch bekannter ist, ist der englische Ausdruck ‚Skin Picking‘ geläufiger“, erklärt Böhm.

Kratzen, knibbeln, drücken, wieder kratzen: ein Teufelskreis. Foto: David Ebener

Die Krankheit hat verschiedene Gesichter. Böhm knibbelt. Andere Betroffene drücken sich die Haut blutig, wieder andere ertragen keine Unebenheiten wie Pickel, Mitesser oder Narben auf der Haut, kratzen diese wieder und wieder weg. Die Symptome gehen ineinander über.

Auslöser Stress

„Bei Skin Picking kommen Komponenten einer Zwangserkrankung mit denen einer Impulskontrollstörung zusammen“, erklärt Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das zwanghafte Knibbeln wird impulsiv durch Stress und Anspannung ausgelöst. „Jeder Mensch neigt zu bestimmten Verhaltensmustern, um Stress zu kompensieren. Einige kauen Fingernägel, andere streichen sich über ihr Haar – und wieder andere knibbeln. Krankhaft wird dies, wenn man mit der Zeit einerseits immer mehr knibbelt und dann auch noch durch das Knibbeln eine Funktionsbeeinträchtigung auftritt, sprich: sich Wunden bilden.“

Stress nennt auch Böhm als Ursache für ihre Impulskontrollstörung: „Ich hatte eine toxische Kindheit, vergiftet durch Gewalt und Missbrauch – und kompensierte dies mit Knibbeln.“ Schon als Kind hätte sie sich die Haut innerhalb des Mundes blutig gebissen; kratzte alle Wunden immer größer.

Ihre Kindheit hat Böhm mittlerweile „verarbeitet“, wie sie sagt – doch das Skin Picking wurde sie nicht los. Im Gegenteil: „Vor ein paar Jahren wurde der Zwang, meine Haut kaputt zu knibbeln immer stärker, die Wunde wieder größer – und ich merkte, dass ich ein Problem habe.“ Der Grund waren, so vermutet sie, beruflicher und privater Stress. Denn das tückische am Skin Picking ist, so Böhm, dass die Störung oftmals schleichend schlimmer wird und sich die Betroffenen nach und nach daran gewöhnen, immer mehr zu knibbeln.

„Was übrigens überhaupt nicht hilft sind Sätze wie ,Dann hör doch einfach auf‘“, sagt Böhm. „Skin Picking ist mehr als eine schlechte Angewohnheit, die man einfach mal so lassen kann. Es ist eine psychische Störung.“ Falkai hält derlei Ratschläge ebenfalls für unsinnig: „Wer Betroffenen helfen will, sollte besser liebevoll Hilfe anbieten.“

Scham über die Verletzungen

Böhm spricht selbstreflektiert über ihre psychische Störung. Sie geht zur Verhaltenstherapie, hat sich zeitweise sogar stationär behandeln lassen. Ihre Wunden lässt sie immer wieder von ihrer Hautärztin begutachten. „Zwar ist die Gefahr einer bakteriellen Entzündung relativ gering, aber sicher ist sicher.“ Ansonsten versucht sie, ihre Hände beschäftigt zu halten, trägt Handschuhe und achtet darauf, dass ihre Fingernägel kurz sind.

Doch diese Strategien befreien sie nicht von der Scham, die die Wunden bei ihr verursachen. „Intime Kontakte sind quasi unmöglich, denn wie soll ich meinem Partner all die Wunden erklären? Manchmal denken Außenstehende sogar, dass die runden Narben wie Brandmale von Zigaretten aussehen.“

Einladungen, Treffen, Besuche im Schwimmbad: All dies wird zu Stressauslösern für Böhm. „Verrutscht mein Oberteil oder fragt mich wer, warum ich im Hochsommer hochgeschlossene und langärmelige Kleidung trage, ist mir das peinlich.“ Die Konsequenz: Böhm zog sich sozial zurück.

„Spätestens dann sollte man sich Hilfe suchen“, rät Falkai und macht Mut: „Die Krankheit ist behandelbar. Primär durch Verhaltenstherapie, aber bei besonders schweren Fällen kann man auch Medikamente gegen Zwänge einsetzen. Sehr effektiv sind Selbsthilfegruppen, die die Betroffenen auf jeden Fall aufsuchen sollten.“

Selbsthilfegruppe soll sich treffen

Das weiß auch Böhm – und will nun mithilfe des Büros für Selbsthilfe in Osnabrück eine Selbsthilfegruppe in der Stadt gründen. „Einigen ist bestimmt nicht bewusst, dass sie Hilfe brauchen. Andere Betroffene schämen sich, weil sie denken, dass nur sie ihre Körper kaputtknibbeln. Aber wir sind nicht allein – und können uns sicher gegenseitig unterstützen in unserem Kampf gegen diese psychische Störung.“

Am Dienstag, 12. Dezember, findet das erste Treffen der Skin-Picking-Selbsthilfegruppe Osnabrück statt. Erkrankte und Interessierte können sich um 18 Uhr im Haus der Jugend, Große Gildewart 6-9, 49074 Osnabrück, über die Krankheit austauschen. Wer dabei sein möchte, erfährt mehr unter dieser Kontaktadresse: selbsthilfe@ikos.de.

(*der Name wurde von der Redaktion geändert)


Buch über Skin Picking

Claudia Böhm empfiehlt Betroffenen das Buch „In meiner Haut. Leben mit Skin Picking“ von Ingrid Bäumer. Es ist beim Mabuse-Verlag erschienen und hat 160 Seiten.

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