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Häufigste Operation bei Kleinkindern Wie sinnvoll sind Paukenröhrchen bei Kindern?

Von Cornelia Achenbach

Gerade kleine Kinder haben häufig Probleme mit ihren Ohren. Foto: colourbox.deGerade kleine Kinder haben häufig Probleme mit ihren Ohren. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Wenn Kinder immer wieder unter Flüssigkeit im Ohr leiden, wenn der sogenannte Paukenerguss also chronisch wird, ziehen Kinderärzte häufig ein „Paukenröhrchen“ in Betracht. Doch ist diese Operation auch immer sinnvoll?

Eigentlich hatte sich Nele Matz-Lück während ihrer Schwangerschaft vorgenommen, eine entspannte Mutter zu werden. Zwei Jahre lang habe das auch gut geklappt. Sicherlich – im Alter von zwei Jahren habe ihr Sohn nicht besonders gut gesprochen. Doch ihre Kinderärztin beruhigte sie: Er sei eben ein „late talker“, also ein Kind, das eine etwas verzögerte Sprachentwicklung aufweise. Tests wie das Neugeborenenscreening hatten ja bereits ergeben, dass ihr Sohn auf Geräusche reagiere, warum sich also unnötig Sorgen machen?

Erst als eine Logopädin sie auf dem Spielplatz darauf ansprach, dass ihr Kind bei den wenigen Worten, die es sprach, atypische Lautverschiebungen hatte („Oka“ statt „Opa“), machte sie einen Termin bei der Uniklinik aus. Das Ergebnis: Ihr Sohn hatte wegen chronischer Paukenergüsse nur noch eine Hörfähigkeit von rund 30 Prozent; hohe Laute und viele Konsonanten konnte er in dieser wichtigen Phase der Sprachentwicklung gar nicht hören. Was folgte: Paukenröhrchen-Operationen samt Logopädie. (Weiterlesen: Für wen ist eine Grippeimpfung sinnvoll?)

Flüssigkeit wird zäh

Zehn bis 35 Prozent der Ein- bis Fünfjährigen leiden mindestens einmal in ihrem Leben unter einem chronischen Paukenerguss. Schmerzhaft ist ein Paukenerguss zwar nicht – aber die Kinder hören schlecht. Eben so, als hätten sie Wasser im Ohr.

Da die Euchastische Röhre bei Kindern noch recht flach ist, sind sie anfälliger für Ohrinfekte als Erwachsene. Wenn nun auch noch die Rachenmandeln (Polypen) vergrößert sind, wird das Mittelohr schlecht mit Luft versorgt, im Ohr entsteht ein Unterdruck. Um diesen auszugleichen, bildet der Körper eine Flüssigkeit. „Wenn das Problem über mehrere Wochen oder Monate besteht, wird diese Flüssigkeit zäh wie Leim, man spricht dann von einem sogenannten Leimohr“, erläutert Dr. Michael Deeg, Sprecher des deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Bei dieser klebrigen Flüssigkeit nützen weder abschwellende Maßnahmen noch ein einfacher Schnitt ins Trommelfell (Parazentese) und das Absaugen der Flüssigkeit. „Das Ohr würde dann direkt wieder zukleben“, so Deeg. Daher wird in diesen Fällen ein sogenanntes „Paukenröhrchen“ empfohlen: Das etwa 1,5 Millimeter große Röhrchen bleibt etwa neun bis zwölf Monate im Ohr und wird dann spontan ausgestoßen. Es gibt aber auch sogenannte „Dauer-Paukenröhrchen“ (T-Paukenröhrchen), die noch länger verwendet können.

Eingiff unter Vollnarkose

Da für diesen Eingriff eine Operation unter Vollnarkose nötig ist, schrecken viele Eltern zunächst etwas vor der Entscheidung für die OP zurück. Dennoch: „In der Altersgruppe der Ein- bis Fünfjährigen ist sie die am häufigsten durchgeführte Operation“, sagt Dr. Tanja Brunnert vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Jährlich wird rund 12.000 Mal durchgeführt, etwa ähnlich häufig wird –ebenfalls unter Vollnarkose – ein Schnitt ins Trommelfell vorgenommen, aber kein Röhrchen verlegt. Für gewöhnlich werden bei dem Eingriff auch die Rachenmandeln entfernt. Bei rund 90 Prozent der Fälle verlaufe die Operation erfolgreich, sagt HNO-Arzt Deeg. „Manche Kinder blühen nach der Operation wieder richtig auf“, sagt Brunnert. Die Kinder hörten wieder richtig, ihre Artikulation verbessere sich rasch. „Auch wenn das Paukenröhrchen für viele Kinder ein Segen ist, sollten wir kritisch hinterfragen, ob es so häufig nötig ist“, sagt Brunnert. Gerade wenn die Ohrprobleme mitten in der Infektionszeit aufträten, sei es vielleicht ratsam, noch die kalte Jahreszeit abzuwarten, ob eine Verbesserung eintritt. Auch Kinder unter zwei Jahren sollten noch nicht operiert werden. (Weiterlesen: Wenn das Kind krank ist – wer darf daheim bleiben?)

Studie lässt Zweifel an der Wirksamkeit

Studien hätten zudem ergeben, dass sich das Hörvermögen von Kindern mit Paukenröhrchen nach der Operation schnell verbessere – doch ein Jahr nach der OP sei ihr Hörvermögen auf dem selben Niveau wie das von Kindern, die ebenfalls unter chronischen Paukenergüssen litten, jedoch nicht operiert wurden. Doch dieser Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gilt unter HNO-Ärzten als umstritten. Ist jedoch die Nasenatmung stark behindert, schnarchen die Kinder womöglich oder sitzen häufig mit geöffnetem Mund da, verstehen sie ihre Mitmenschen nur sehr schlecht – dann ist ein Paukenröhrchen auf jeden Fall ratsam, sind sich Deeg und Brunnert einig.

Differenzierte Sicht

Nele Matz-Lück hat sich für eine Operation entschieden –mehrfach. Doch die erwünschte Verbesserung blieb aus. Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie – die Eltern ließen nichts unversucht, um ihrem Sohn bei seinen Sprachproblemen zu helfen. „Ich habe inzwischen eine differenzierte Sicht auf Paukenröhrchen“, sagt die Mutter. „Sie helfen natürlich, das Ohr schnell frei zu bekommen und vielen Kindern hilft eine einmalige OP. Sie sind meiner Meinung aber dann keine Lösung, wenn man nicht versucht herauszufinden, woher die Schwierigkeiten kommen.“ Mittlerweile ist ihr Sohn knapp zehn Jahre alt und „ziemlich cool“ und selbstbewusst. Allerdings ist er weiterhin in logopädischer Behandlung, auch wenn sich seine Sprachprobleme gebessert haben. „Wir werden nie herausfinden, ob seine Schwierigkeiten beim Spracherwerb wirklich nur an den Paukenergüssen lagen oder ob es noch andere, zusätzliche Ursachen gab“, sagt Nele Matz-Lück. Aber zumindest könnte ihr Sohn damit mittlerweile ganz gut umgehen und habe in seiner Klasse viele Freunde. Und für die sind seine Artikulationsprobleme kein Thema.