Beunruhigender Kreislauf Plastik im Meersalz: Wie Müll wieder auf unseren Tellern landet

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Abschmecken mit einer Prise Meersalz: Wer mit den Kristallen kocht, hat höchstwahrscheinlich auch Plastikpartikel auf dem Teller. Foto: Colourbox.comAbschmecken mit einer Prise Meersalz: Wer mit den Kristallen kocht, hat höchstwahrscheinlich auch Plastikpartikel auf dem Teller. Foto: Colourbox.com

Osnabrück. Die Menschheit produziert riesige Mengen an Plastik. Einmal gebraucht, landen die Verpackungen im Müll – und gelangen viel zu oft in die Weltmeere. Doch wie Forscher zeigen, gibt es einen beunruhigenden Kreislauf: Mikroplastik schafft es von dort zurück in die Haushalte – und sogar auf den Speiseplan.

Wie heißt es in Rezepten so schön: Abschmecken mit einer Prise Meersalz und das Gericht kann serviert werden. Doch wer heutzutage die Salzmühle über dem Kochtopf dreht, lässt nicht nur Meersalz hineinrieseln, sondern höchstwahrscheinlich auch feine Plastikpartikel.

Das sogenannte Mikroplastik lässt sich weltweit in Meersalzen finden, wie verschiedene Studien zeigen. Forscher wiesen die Plastikrückstände in Meersalzen aus Großbritannien, Frankreich, Spanien, China und den USA nach. Aktuell untersuchen Wissenschaftler am Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Uni Oldenburg Meersalze, die in deutschen Supermarkt-Regalen stehen. Ergebnisse soll es voraussichtlich noch in diesem Jahr geben. (Weiterlesen: Trinkwasser-Studie zu Mikroplastik in der Kritik)

„Es landet wieder auf unseren Tellern“

„Dem Menschen wird ein Spiegel vorgehalten: Unser Plastikmüll ist eine riesige Umweltverschmutzung. Und die verschwindet nicht einfach, sondern landet letztlich sogar wieder auf unseren Tellern“, sagt Barbara Scholz-Böttcher, Umweltchemikerin am Oldenburger ICBM.

Kein anderer Werkstoff hat in den vergangenen Jahrzehnten eine so steile Nutzungskarriere hingelegt wie Plastik. Es lässt sich massenhaft und unschlagbar billig herstellen, was es für die Verpackungsindustrie unersetzlich macht. Seit den 1950er Jahren wurden weltweit schätzungsweise 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Den größten Anteil daran haben Verpackungen.

Das Meer als Müllhalde

Der immense Vorteil von Kunststoffen – ihre Langlebigkeit und Robustheit – ist bei Einmalverpackungen zugleich ihr Nachteil. Nach dem Gebrauch werden sie weggeschmissen. Doch Plastik ist nicht biologisch abbaubar. Statt auf Halden und Deponien zu zerfallen wie andere Stoffe wird es dort schlicht angehäuft.

Man geht davon aus, dass rund zehn Prozent des gesamten Plastikmülls langfristig ins Meer gelangen. „Der Ozean ist die Endsenke“, erklärt Scholz-Böttcher. „Alles, was direkt oder über Umwege in Gewässern landet, gelangt schließlich in die Ozeane.“

Nicht richtig verschlossene Deponien sind ein Problem, Müll-Missmanagement ist ein anderes. Wissenschaftlicher gehen davon aus, dass bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer landen – und das jedes Jahr. Die Vereinten Nationen wählen ein drastisches Bild als Vergleich: Pro Minute werde der Inhalt einer Müllabfuhr ins Meer gekippt.

Aus Plastikmüll wird Mikroplastik

Neben dem Verpackungsmüll spielt auch sogenanntes Primärplastik eine Rolle. Das sind Kunststoffe, die beispielsweise in Kosmetika, Kleidung oder der Industrie Verwendung finden. Über das Abwasser landen sie letztlich in den Weltmeeren.

Im Meerwasser wird der Plastikmüll in immer kleinere Teile zersetzt. Reibung durch Sand, UV-Strahlung und die Wasserumgebung tragen ihren Teil dazu bei. Aus Plastikmüll wird so Mikroplastik: Partikel, die laut Definition zwischen fünf Millimetern und einem Mikrometer groß sind und damit größentechnisch zwischen einer Ameise und einer Bakterienzelle rangieren.

Das ist oftmals zu klein, um bei der Gewinnung von Meersalz herausgefiltert zu werden. Das aufkonzentrierte Meerwasser wird dabei kristallisiert und gereinigt. Die sehr leichten Plastikpartikel bleiben in den Salzkristallen, werden mitverarbeitet und letztlich in Haushalten weltweit mit gesalzenen Mahlzeiten aufgetischt.

660 Plastikteilchen pro Jahr auf dem Teller

Die US-amerikanische Forscherin Sherri Mason arbeitete in einer neuen Studie heraus, dass ihre Landsleute bis zu 660 Plastikteilchen pro Jahr zu sich nehmen könnten. Gesetz dem Fall, dass sie sich an die Maßgabe halten, nicht mehr als 2,3 Gramm Salz pro Tag zu essen. Weil aber die meisten Amerikaner eher zu viel Salz essen, könnte der Anteil an Mikroplastik sogar noch wesentlich höher sein, heißt es in der Zeitung „Guardian“, die einen exklusiven Einblick in die Studie erhielt.

Masons Erkenntnisse reihen sich in weitere Studien ein, die Mikroplastik in Meersalzen nachgewiesen hatten. Die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind indes noch unerforscht. Es gibt schlicht keine Kontrollgruppe. „Jeder Mensch ist der Verunreinigung durch Plastik bis zu einem gewissen Grad ausgesetzt, von der Geburt bis zum Tod“, heißt es in einem US-amerikanischen Forschungsbericht aus dem Jahr 2013.

Wie wirkt das Plastik im menschlichen Körper?

Da Plastik Zusatzstoffe enthält und Schadstoffe sorbiert, ist Meersalz ein möglicher Überträger dieser Stoffe. Mengenmäßig sei das im Vergleich zu anderen Schadstoffquellen zwar zu vernachlässigen, ist Umweltchemikerin Scholz-Böttcher überzeugt. „Aber es ist ein kleines Quäntchen, was dazukommt.“

Bei Austern konnten Wissenschaftler zeigen, dass Mikroplastik möglicherweise in Zellen eindringen und dort Entzündungsprozesse hervorrufen kann. Die Forschung steht aber noch am Anfang. Ob sie auf den Menschen übertragbar ist, ist fraglich. Doch selbst wenn die gesundheitlichen Folgen für Menschen bislang nicht einschätzbar sind, eines steht nach Ansicht der Oldenburger Forscherin fest: „Salz ist ein nahezu unverzichtbarer Bestandteil der Ernährung, also praktisch ein Grundnahrungsmittel. Und Plastik gehört da einfach nicht hinein.“


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