Bei brexitgeplagten Briten populär Estland lockt mit virtueller Staatsbürgerschaft

Von André Anwar

Menschen, die noch nie in Estland waren und auch gar nicht vorhaben, jemals dort hinzureisen, können über ein einfaches Formular im Internet und eine Gebühr von 100 Euro (116 Franken) eine Art eingeschränkte Staatsbürgerschaft in Estland erhalten. Symbolbild: dpaMenschen, die noch nie in Estland waren und auch gar nicht vorhaben, jemals dort hinzureisen, können über ein einfaches Formular im Internet und eine Gebühr von 100 Euro (116 Franken) eine Art eingeschränkte Staatsbürgerschaft in Estland erhalten. Symbolbild: dpa

Stockholm. Menschen aus der ganzen Welt können virtuelle Bürger des EU-Mitglieds Estland werden. Damit können sie Bankkonten und EU-Firmen gründen. Vor allem bei den brexitgeplagten Briten ist das populär. Estland erhofft sich wirtschaftliche Impulse und mehr Einwohner.

Die kleine baltische Nation Estland gilt in Sachen Digitalisierung und Internet als besonders progressiv. Das „Forbes“-Magazin bezeichnete es kürzlich als den „digitalen Führer Europas“. Laut dem „Global Innovation Index“ erreicht es Rang 25 weltweit. Sogar eine elektronische Währung ähnlich dem Bitcoin will das Land einführen. Bislang stößt das Euroland damit aber auf Vorbehalte der Europäischen Zentralbank. Besonderes Aufsehen erregt derzeit die elektronische Mitbürgerschaft.

Estland leidet unter Abwanderung

Menschen, die noch nie in Estland waren und auch gar nicht vorhaben, jemals dort hinzureisen, können über ein einfaches Formular im Internet und eine Gebühr von 100 Euro (116 Franken) eine Art eingeschränkte Staatsbürgerschaft in Estland erhalten. Die seit 1991 unabhängige Ex-Sowjetrepublik Estland, die inzwischen EU-, Euro- und NATO-Mitglied ist, leidet an der Alterung seiner Bevölkerung und an Ausreisewellen. Im Lande leben nur 1,3 Millionen Einwohner. Davon sind nur 650.000 im arbeitsfähigen Alter. Viele qualifizierte junge Esten zieht es in wohlhabendere EU-Länder. Estland ist nicht reich und zieht keine gewöhnlichen Einwanderer an. „Migration ist für uns keine Option, die Leute gehen lieber nach Schweden oder Deutschland „, sagte Arnaud Castaignet vom E-Residency-Amt dieser Zeitung. „Physisch können wir unsere Bevölkerung nicht aufstocken. Warum also nicht online?“, sagt er.

Wer den kurzen Onlineantrag ordnungsgemäß ausfüllt, samt einer kurzen Begründung, warum man gerne estnischer E-Bürger werden möchte, wartet bis zu drei Monate. Die Polizei klopft den Antrag auf eventuelle Ungereimtheiten ab. Dann kann der Bewerber seine staatliche estnische Identifikationskarte bei einem naheliegenden Konsulat oder einer Botschaft etwa in San Francisco, Bombay oder Berlin abholen.

Briten sind begeistert

Bis zu 10 Millionen virtuelle Bürger will das entvölkerte Estland so über die E-Mitbürgerschaft anziehen. Auch wenn das bei weitem noch nicht erreicht ist, gibt es seit der Eröffnung des Dienstes 2014 immerhin schon über 22.700 neue Bürger, zumeist im arbeitsfähigen Alter. In dieser Bevölkerungsgruppe ist das immerhin eine Steigerung von 3,5 Prozent. Briten, die Angst vor dem Brexit haben, bilden eine größere Gruppe.

Allerdings ist die E-Mitbürgerschaft keine richtige Staatsbürgerschaft, man erhält keine permanente Aufenthaltsgenehmigung für Estland und darf nicht wählen. Aber E-Bürger können Bankkonten, Aktiendepots und Firmen mit Zugriff auf den EU-Markt gründen und das umfangreiche digitale Servicenetz des Staates und privater EU-Dienste nutzen. Dank E-Mitbürgerschaft wurden in Estland seit 2014 schon knapp 2000 neue Firmen gegründet. Doch auch hier gilt, Steuern müssen in dem Land bezahlt werden, wo hauptsächlich produziert wird. Allerdings ist offen, inwieweit da auch getrickst wird, denn die estnischen Einkommens- und Unternehmenssteuern sind im EU-Vergleich sehr niedrig.

Missbrauch ist möglich

Dass unter Umständen auch Kriminelle die E-Bürgerschaft etwa zur Geldwäsche nutzen können und das elektronische Mitbürgersystem für seine leichte Anfälligkeit für Hackerangriffe kritisiert wurde, bei dem etwa Identitäten leichter gestohlen werden können, verschweigt man in Estland nicht. Kriminelle gebe es aber in jedem System, und man tue alles, um sie zu bekämpfen. „Jeder muss seine Fingerabdrücke bei der Aushändigung der Ausweiskarte in einer unserer Botschaften abgeben und einen gültigen Ausweis aus dem Heimatland vorzeigen“, betont auch Castaignet von der E-Residency-Behörde. Personen mit Vorstrafen oder anderen fragwürdigen Vorzeichen würden stets abgelehnt. Auch bei der Onlinesicherheit tue am alles Erdenkliche, um Hackern den Zugriff zu verweigern.


0 Kommentare