Experte Bodo Melnik Hat Milch eine krebsfördernde Wirkung?

Milch galt lange als Gesundmacher. Doch gibt es daran vermehrt Zweifel. Foto: imago/imagebrokerMilch galt lange als Gesundmacher. Doch gibt es daran vermehrt Zweifel. Foto: imago/imagebroker

Osnabrück. Seit Jahren warnt Bodo Melnik vor gesundheitlichen Risiken durch den Konsum pasteurisierter Milch. Jetzt gibt es nach Angaben des Lehrbeauftragten an der Universität Osnabrück neue Hinweise für ihre schädliche Wirkung. Die zuständigen Bundesbehörden fordert Melnik auf, Verbraucher endlich vor den Gefahren durch genmanipulierende und krebsfördernde Moleküle in der Milch zu schützen.

Die primäre Aufgabe der Milch sei es, Wachstum und Programmierung des Neugeborenen während der zeitlich begrenzten Stillzeit zu fördern, betont Melnik im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Wirkung von Milch auf ihren Konsumenten vergleicht der Gütersloher Hautarzt mit einem Virusinfekt: Mikro-Ribonukleinsäuren (MikroRNS) genannte Nanopartikel würden massenhaft auf das Neugeborene und auch auf den erwachsenen Milchkonsumenten übertragen. Im Blut und im Gewebe angekommen, griffen sie dann derart in die Genregulation ein, dass Stoffwechsel und Zellwachstum beschleunigt würden.

Wachstumsbremsen

Für Säuglinge und Kälber sei sie daher das optimale Nahrungsmittel, sagt Melnik. Über das Säuglingsalter hinaus berge der Konsum pasteurisierter Milch aber Gefahren. Die damit verbundene ständige Wachstumsstimulation gelte als wichtigstes Kriterium der Krebsentstehung.

So seien in Milch unter anderem reichlich MikroRNS vorhanden, die eine Vielzahl von Wachstumsbremsen, sogenannte Tumorsuppressorgene, abschalten könnten. Sie seien für die gewünschte Beschleunigung des Wachstums im Säuglingsalter ja durchaus von Vorteil. Jedoch würden sich auch Krebszellen dieser MikroRNS bedienen, um damit Krebswachstum zu fördern, warnt der Dermatologe .

Als Beispiel führt Melnik die Mikro-Ribonukleinsäuren-21 und -125b an. Beide würden bei der Entstehung von Prostatakrebs eine Rolle spielen und durch pasteurisierte Kuhmilch übertragen. Bei einer Meta-Analyse mit den Daten von 778929 Probanden habe sich gezeigt, dass der Konsum von Kuhmilch in dosisabhängiger Weise mit einem erhöhten Risiko unter anderem für Prostatakrebs einhergehe.

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Mit einem möglichen Gesundheitsrisiko durch sogenannte MikroRNS in pasteurisierter Milch hat sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mehrfach befasst. Dessen Sprecher Jürgen Thier-Kundke bezeichnete die Thesen von Melnik im Gespräch mit unserer Redaktion als „nicht nachvollziehbar“. MikroRNS komme eine wichtige Funktion bei der Regulation der Genexpression in der Zelle zu, sagte der Experte. Und einige MikroRNS seien auch mit der Entstehung von Tumorerkrankungen in Verbindung gebracht worden. „Aus der langen Historie der Verwendung pflanzlicher oder tierischer Nahrungsmittel ergäben sich aber keine Hinweise auf gesundheitliche Risiken durch oral zugeführte MikroRNS, betonte Thier-Kundke.

BfR: Sehr unwahrscheinlich

Der Mensch nehme über die Nahrung täglich aus pflanzlichen oder tierischen Quellen zahllose MikroRNS auf, so der Experte. Abhängig von der Zubereitungsart der Nahrungsmittel, sei damit zu rechnen, dass ein Teil der im Nahrungsmittel enthaltenen MikroRNS bereits im Zuge der Zubereitung zerstört werde. Während des Verdauungsprozesses des Säugerorganismus würden dann weitere Mikro-RNS chemisch oder enzymatisch abgebaut. Auf der Basis der verfügbaren Daten könne eine Aufnahme aus dem Darm in den Körper weder sicher ausgeschlossen noch als gesichert angesehen werden, sagt der Sprecher des BfR. Im Falle einer Aufnahme sei im übrigen zu erwarten, dass die systemische Bioverfügbarkeit von oral aufgenommenen MikroRNS äußerst gering sei. Auch die BfR-Kommission für genetisch veränderte Lebens- und Futtermittel habe ihre Effekte auf die menschliche Gesundheit als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt.

Melnik hält dem entgegen: „Die Mehrzahl der MikroRNS-Forscher ist heute davon überzeugt, dass die MikroRNS der Kuhmilch in den Blutkreislauf des Menschen gelangt.“ Auch durch die Pasteurisierung werde sie nicht beseitigt: Erst kürzlich habe ein israelisches Forscher-Team gezeigt, dass mehr als 90 Prozent der MikroRNS der Kuhmilch die Pasteurisierung überstehe. Dagegen werde bei der Fermentierung der Milch und Kochen und Ultraerhitzen (130 Grad Celsius) der überwiegende Teil biologisch aktiver MikroRNS eliminiert.

Archaisches Signalsystem

„Mit der Pasteurisierung und weit verbreiteten Kühltechnologie ist unbemerkt seit Anfang der 1950er-Jahre massenhaft MikroRNS des Rindes in Form pasteurisierter Frischmilch in die Nahrungskette des Verbrauchers gelangt“, kritisierte Melnik. Da MikroRNS die Milchproduktion stimuliere, würde durch Hochleistungsmilchkühe die Bildung der MikroRNS inzwischen weiter gesteigert.

Fatal sei auch die Erkenntnis, dass sie ein archaisches Signalsystem aller Säugetiere sei und daher die MikroRNS von Rind und Mensch zum größten Teil identisch seien. Melnik fordert die Verantwortlichen auf, kommerzielle Milch zum Schutz der Verbraucher umgehend von biologisch aktiver genmanipulierender MikroRNS zu befreien.


Zur Person

Zu seinen Erkenntnissen gelangte der Gütersloher Hautarzt Bodo Melnik über die Akneforschung. 2005 hat er zum ersten Mal davon gelesen, dass ein erhöhter Milchkonsum Akne fördern kann. Milch, so lautet heute seine These, aktiviere im Körper einen bestimmten Signalweg, der mit der Entstehung von Akne, Arterienverkalkung, Diabetes, Übergewicht, Krebs und neurodegenerativen Krankheiten in Verbindung gebracht wird. Seine Erkenntnisse hat er unter anderem im Deutschen Ärzteblatt, im World Journal of Diabetes (Weltjournal für Diabetes) und im Journal of Obesity (Zeitung für Übergewicht) veröffentlicht. Am 22. September wird er sie bei einer Functional Food Conference der Harvard Universität in Boston vorstellen

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